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12.08.2013

07:09 Uhr

Streit um Aluminium-Lager

Ein Dosenpfand für Banken

VonSebastian Ertinger

Die Industrie stöhnt: Firmen müssen derzeit lange auf den Nachschub an Aluminium warten. Schuld an der Misere sollen US-Großbanken sein, die kräftig im Rohstoffhandel mitmischen. Deren Engagement steht nun vor dem Aus.

Getränkedosen: Mehrere Getränkekonzerne beschweren sich über zu hohe Aluminiumpreise. ap

Getränkedosen: Mehrere Getränkekonzerne beschweren sich über zu hohe Aluminiumpreise.

DüsseldorfEin paar Sonnenstrahlen verirren sich in die riesige Halle. Das spärliche Licht fällt auf silbern schimmernde Barren: Aluminium. Das Leichtmetall ruht auf Paletten. Die rohen Blöcke sind mehrere Meter hoch gestapelt. Frachtkähne schipperten den Rohstoff aus dem russischen Murmansk oder von Island hierher in den Hafen von Rotterdam. In der Halle lagert das Metall, bis Abnehmer zugreifen. Die Industrie nutzt Aluminium beim Bau von Autos sowie Flugzeugen – oder presst es zu Getränkedosen.

Ein Streit um diese Alublöcke bringt nun die US-Großbanken JP Morgan und Goldman Sachs in Bedrängnis. Denn die Metallblöcke bleiben immer länger in den Hallen liegen, welche die Finanzinstitute vor drei Jahren aufgekauft haben. Vor allem die Aluminiumlager rund um die US-Metropole Detroit sind voll, aber die Abnehmer kommen nicht an den Rohstoff ran. Ähnlich sieht es in Vlissingen, Antwerpen, New Orleans und dem malaysischen Johor aus. Das macht das Rohmaterial, das derzeit eigentlich im Überfluss vorhanden ist, zu einem knappen Gut. Der Kurs steigt.

Die Abnehmer des Metalls erheben nun schwere Vorwürfe an die Lagerhausbetreiber und ihre Eigner, JP Morgan und Goldman Sachs. Die Institute sollen bewusst die Preisspirale losgetreten haben. Sie sollen die Auslieferungen des Metalls aus den Hallen verzögern, damit das Angebot verknappen und den Preis treiben. Die Vorwürfe der Industrie werfen erneut ein Schlaglicht auf das Treiben der Banken im Rohstoffsektor – und stellt das Engagement der Finanzinstitute immer mehr infrage.

Die großen Akteure im Rohstoffhandel

Platz 5

Das Unternehmen Mercuria Energy Group rangiert auf dem fünften Platz der Rohstoffhändler. 2011 erzielte der Konzern mit Sitz in Genf einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar.

Platz 4

Der Konzern Gunvor handelt mit Erdöl und Ölprodukten. Das Unternehmen erwirtschaftete 2011 einen Umsatz von 80 Milliarden Dollar.

Platz 3

Der niederländische Konzern Trafigura rangiert auf Platz drei unter den umsatzstärksten Rohstoffhändlern. Das Unternehmen mit Sitz in Amsterdam hat sich auf den Handel von Ölprodukten sowie Industriemetalle spezialisiert. Die Niederländer setzten 2011 122 Milliarden Dollar um.

Platz 2

Das zweitgrößte Unternehmen im Rohstoffgeschäft ist Glencore. Der einst verruchte Konzern mit Hauptsitz im Schweizer Konzern Zug erwirtschaftete 2011 einen Umsatz von 186 Milliarden Dollar. Das Unternehmen deckt nahezu den gesamten Grundgüterhandel von Industrie- und Edelmetallen über Agrargüter bis hin zu Öl, Gas und Strom ab.

Platz 1

Der größte Rohstoffhändler der Welt mit einem Umsatz von 297 Milliarden Dollar ist Vitol. Der Konzern mit Hauptsitzen in Rotterdam und Genf ist auf den Ölhandel spezialisiert. Zudem ist das Unternehmen im Erdgas-, Emissions-, Energie- und Biotreibstoffhandel aktiv.

Quelle: Bloomberg, Unternehmensangaben

Der Alu-Verarbeiter Superior Extrusion hat bei einem Gericht in Detroit Klage gegen die US-Investmentbank Goldman Sachs eingereicht. Die Firma Master Screens als Nutzer von Aluprodukten und der Privatmann Daniel Price Bart als „Käufer von Getränken in Aluminiumdosen“ reichten wenige Tage später vor einem Bezirksgericht in Florida Klagen gegen JP Morgan ein. In den Klagen werden die zwei Banken als „Schmarotzer“ bezeichnet, die mit ihrem Einstieg eine bislang gesunde Branche geschädigt hätten. Weitere Beklagte sind der Rohstoffkonzern Glencore Xstrata und die Londoner Metallbörse LME.

Der Vorwurfe: Die Lagerhausgesellschaften sollen zunächst Marktteilnehmer über attraktive Preise dazu verleitet haben, Aluminium in den bankeigenen Hallen einzulagern. Dann hätten die Betreiber aber die Auslieferung aus den Lagerhäusern gedrosselt. Die Abnehmer müssten auf ihre Ware warten. Vor den Lagerhäusern bildeten damit Warteschlangen. Um an den künstlich verknappten Rohstoff zu kommen, seien die Hersteller dann bereit, Aufschläge auf den an der LME ermittelten Börsenkurs zu zahlen.

Goldman Sachs hatte den Lagerhausbetreiber Metro International 2010 für 550 Millionen Dollar gekauft. Die Gesellschaft Henry Bath ging im gleichen Jahr im Zuge der 1,7 Milliarden Dollar schweren Übernahme des globalen Metall- und Ölgeschäfts von RBS Sempra an JP Morgan. Und der Rohstoffhändler Glencore kontrolliert mittlerweile das Metalllagergeschäft von Pacorini.

Kommentare (10)

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Joker1

12.08.2013, 08:02 Uhr

Verbrecher wohin man schaut.
Jetzt können sich die Ganoven wieder ganz dem Euro und
der Eurozone widmen. Diese Banden gehören kollektiv
in den Knast und enteignet.

UralteKrankheiten

12.08.2013, 08:46 Uhr

Es gibt parasitäre Geschäftsmodelle. Wenn hier keine Gesetze existieren, können auch keine gebrochen werden.
Auch wenn diese sogar trickbetrügerische Elemente beinhalten.

Ein Motiv lautet GIER. Ein sehr altes Motiv.

Die Abnehmer sind aber nicht waffenlos. Sie können ihre Interessen bündeln und auch Boykotte gegen bestimmte parasitäre Dienstleister aussprechen.
Auch die jeweiligen Staaten können die Gesetzeslage für Dienstleister verschärfen.

Es können so ... wirksame Medikamente gegen Parasiten entwickelt werden.

BrainStorm

12.08.2013, 08:51 Uhr

Hier mal die Frage eines Unbedarften:
Wenn Öl heute billig ist und für Oktober teurer, und wenn
dann heute das Angebot verknappt wird und auf Oktober verschoben, dann wird es zwar heute teurer, dafür aber
später um so billiger, je mehr dahin verschoben wird.

Und was ist jetzt daran schlecht?

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