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24.06.2013

10:52 Uhr

Stromhandel stopft Lücken

„Die Menschen fangen an, von den Inseln zu kommen“

VonDana Heide

ExklusivStromhandel wird wegen der Energiewende immer wichtiger. Eine große Rolle spielt dabei die europäische Stromhandelsbörse EPEX. Ihr Chef Conil-Lacoste sieht Europa auf einem guten Weg und bereitet sich auf Wachstum vor. 

Jean-François Conil-Lacoste, Chef der europäischen Strombörse EPEX: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Jean-François Conil-Lacoste, Chef der europäischen Strombörse EPEX: „Wir sind auf einem guten Weg.“

ParisEin Montag Mittag in Paris. Langsam laufen die Menschen den prächtigen, mit Bäumen gesäumten Boulevard Montmartre entlang, schwitzend, prustend, stöhnend, sich selbst Luft zufächelnd. Sie haben vor allem ein Ziel: Schnell in den nächsten klimatisierten Raum. Wie wichtig eine zuverlässige Stromversorgung ist, darüber sind sich viele Menschen nicht nur im Hochsommer bewusst, wenn die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Doch die Versorgungssicherheit steht heute auf wackeligeren Beinen als noch vor ein paar Jahren.

Um einen Kreislaufkollaps der Stromversorgung auf Grund der schwankenden Wind- und Solarstromerzeugung zu vermeiden, sitzt mitten auf dem prächtigen Boulevard Montmartre in Paris das Herz des Stromhandels: Die europäische Energiebörse EPEX pumpt täglich den Strom genau dorthin, wo sich Angebot und Nachfrage treffen. Die EPEX ist jedoch nicht etwa ein Umspannwerk, sondern organisiert den Stromhandel für Frankreich, Deutschland, Österreich und die Schweiz – und damit für 40 Prozent des Strommarktes in der Europäischen Union. Bisher sind 75 Prozent des europäischen Marktes miteinander verbunden, wenn es nach der EU geht, sollen es Ende 2014 100 Prozent sein.

Das könnte sich auch finanziell lohnen. „Ein durch Marktkoppelung voll integrierter europäischer Stromhandel würde 150 Millionen Euro Wohlfahrtsgewinn pro Jahr schaffen“, sagt EPEX-Chef Jean-François Conil-Lacoste im Gespräch mit dem Handelsblatt und plädiert für eine weitere Konsolidierung im Stromhandel. Auch die EPEX selbst ist 2008 aus dem Zusammenschluss der Leipziger Strombörse EEX und der Pariser Strombörse Powernext entstanden.

Fragen zum Netzausbau

Wie groß ist der Ausbaubedarf?

Der von den Netzbetreibern vorgestellte Entwicklungsplan sieht bis 2022 insgesamt 3.800 Kilometer neue Stromtrassen vor, dazu den Ausbau von 4.400 Kilometern bereits bestehender Leitungen. Das soll rund 20 Milliarden Euro kosten.

Um welche Leitungen geht es?

Es gibt zwei Arten von Stromleitungen: Übertragungsnetze und Verteilnetze. Das Übertragungsnetz verhält sich zum Verteilernetz in etwa so wie eine Autobahn zu einer Landstraße oder innerstädtischen Straße. Beim Ausbau der Netze geht es vor allem um die Übertragungsnetze, die den Strom etwa vom windreichen Norden in den Rest der Republik transportieren sollen.

Das Übertragungsnetz

Das Übertragungsnetz in Deutschland ist rund 35.000 km lang und wird von den vier Übertragungsnetzbetreibern Tennet, 50Hertz, Amprion und Transnet BW betrieben.

Das Verteilnetz

Das Verteilnetz in Deutschland ist hingegen rund 1,7 Millionen Kilometer lang und wird von etwa 900 Unternehmen, darunter viele Stadtwerke, betrieben.

Wer bezahlt den Ausbau?

In letzter Instanz zahlt der Stromverbraucher über eine Umlage auf den Strompreis den Netzausbau. Diese Umlage nennt sich Netzentgelt, also eine Gebühr dafür, dass der Strom der Verbraucher über die Leitungen der Netzbetreiber geschickt werden darf. Die Gebühr macht derzeit 23 Prozent des Strompreises aus.

Über diese Umlage finanziert der Staat den Netzausbau: Die Netzbetreiber erhalten von der Bundesnetzagentur auf ihre Investitionskosten 9,5 Prozent Eigenkapitalverzinsung garantiert. Sie müssen lediglich dafür sorgen, das nötige Kapital für den Ausbau aufzutreiben.

„Die Europäische Integration der Strommärkte würde bedeuten, dass 15 verschiedene Strombörsen jeden Tag zusammenarbeiten. Deswegen müssen wir die Dinge harmonisieren und einfacher machen“, sagt Conil-Lacoste. Die EPEX bereite sich darauf vor, zu wachsen, vor allem in Osteuropa. „Wir könnten uns zum Beispiel auch vorstellen, eines Tages mit der APX, dem Londoner Pendant zur EPEX, zu fusionieren“, so Conil-Lacoste.

Eine Koppelung von 100 Prozent werde man bis Ende 2014 nicht erreichen. Aber: „Wir sind auf einem guten Weg. Die Menschen fangen an, von ihren Inseln zu kommen“, sagt Conil-Lacoste. Er glaubt, dass eine Integration von 85 Prozent bis 2014 möglich ist.

Die Strombörsen werden mächtiger und tragen mehr Verantwortung. Beaufsichtigt werden die Handelsplätze von den Behörden in den jeweiligen Ländern, in Deutschland ist es die Bundesnetzagentur. Doch auch die EPEX selbst hat Interesse daran, dass kein Zweifel an ihrer Integrität aufkommt. „Wir sind auf das Vertrauen der Marktteilnehmer angewiesen. Wenn es einen Verdacht der Marktmanipulation geben würde, würde das unseren Untergang bedeuten“, sagt Conil-Lacoste.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

24.06.2013, 11:13 Uhr

"Chef Conil-Lacoste sieht Europa auf einem guten Weg und bereitet sich auf Wachstum vor."

Viel Spass dabei...

Account gelöscht!

24.06.2013, 11:22 Uhr

Können Sie bitte "Sozial Schwache" für Leute verwenden, die Steuern hinterziehen und die Gemeinschaft betrügen aber Arme entweder Arme oder ggf. finanziell Schwache benennen?
Danke

vandale

24.06.2013, 11:41 Uhr

Interessant ist die Aussage, dass der europaweite Stromhandel vielfach Negativpreise in Europa verhindert.

Der umweltschädliche Strom aus Wind und Sonne wird gem. der Launen des Wetters eingespeist und auf dem Spotmarkt vermaktet. Abnehmer wie grosse Industriebetriebe benötigen eine stabile Stromversorgung und können nur einen sehr geringen Teil des Bedarf mit Zufallsstrom auf dem Spotmarkt eindecken. Hauptnutzniesser sind die Stromerzeuger.

Bei Spotmarktstrompreis < der Brennstoffpreise fahren diese ihre Kraftwerke herunter und importieren den für sie (bezahlt durch den Deutschen Stromverbraucher) günstigen Oekostrom aus Deutschland. Bei einem Preis < 3c/kWh fahren die Niederländer ihre Gaskraftwerke herunter, bei Preisen < 1 c/kWh die Polen ihre Kohlekraftwerke.

Vandale

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