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23.10.2013

19:08 Uhr

Strompreis

Großindustrie spart auf Kosten der Kleinen

Große Unternehmen in Deutschland zahlen nur die Hälfte von dem, was mittelgroße Firmen für Strom berappen müssen. Im Rest der EU sieht das anders aus. Innerhalb des BDI gibt es deshalb Zoff.

Windräder und Strommasten stehen bei St. Margarethen: „Die Verteilung der Lasten ist derzeit nicht fair, das ist doch klar.“ dpa

Windräder und Strommasten stehen bei St. Margarethen: „Die Verteilung der Lasten ist derzeit nicht fair, das ist doch klar.“

BerlinNirgendwo in Europa ist die Differenz beim Strompreis zwischen der Großindustrie und kleineren Unternehmen so extrem wie in Deutschland. Laut eines Vorabberichts des Wirtschaftsmagazins „Capital“ bezahlen die häufig von Abgaben und Steuern befreiten Großverbraucher in Deutschland knapp 6,4 Cent pro Kilowattstunde. Dagegen werden mittelgroße Unternehmen, die zumeist Abgaben wie die EEG-Umlage bezahlen müssen, mit 12,8 Cent je Kilowattstunde zur Kasse gebeten.

Das Magazin beruft sich auf Zahlen des EU-Statistikamtes Eurostat für das erste Halbjahr 2013. Demnach zahlen Großunternehmen im EU-weiten Durchschnitt rund sieben Cent pro Kilowattstunde und damit mehr als in Deutschland. Mittelgroße Unternehmen zahlen EU-weit laut Eurostat rund elf Cent pro Kilowattstunde und damit deutlich weniger als in Deutschland.

Paradoxien der Energiewende

Ökostrom-Umlage

Sie wurde vollgepackt mit immer weiteren Industrierabatten - die Bürger müssen dies über ihren Strompreis schultern. Sie steigt 2014 auf bis zu 6,5 Cent je Kilowattstunde, obwohl laut des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien 2,6 Prozent weniger Wind- und Solarstrom produziert wurden. Der Zubau neuer Anlagen macht nur 0,2 bis 0,3 Cent des Anstiegs um bis zu 1,2 Cent aus. Hauptgrund sind die massiv gefallenen Börsenstrompreise – sinkt der Verkaufserlös für Ökostrom, wächst die Differenz zu den festgelegten Vergütungssätzen für den Grünstrom.

Stromversorger

Sie profitieren von niedrigen Einkaufspreisen, während die Versorger durch diverse Energiewende-Umlagen immer mehr bezahlen, auch die Netzentgelte steigen. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat für die Grünen-Fraktion errechnet, dass sich für 2014 eine mögliche Senkung der Beschaffungskosten zwischen 0,57 und 1,97 Cent je Kilowattstunde abzeichnet. Damit könnte womöglich der gesamte Anstieg der Ökostrom-Umlage kompensiert werden, wenn die Versorger diese Ersparnisse im Stromeinkauf weitergeben würden.

Klimaschutz ade?

Gaskraftwerke stehen still und sollen vom Netz genommen werden. Alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke laufen hingegen oft durch, da der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte extrem niedrig ist. Trotz immer mehr Ökostrom sind daher im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen in Deutschland um 2,2 Prozent gestiegen. Ohne Reformen – etwa einer Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte – könnte der Kohleanteil weiter steigen und diese Kraftwerke den Atomausstieg kompensieren. Eigentlich sollen dies CO2-ärmere Gaskraftwerke tun.

Kraftwerks-Probleme

Insgesamt funktioniert der Strommarkt bei 25 Prozent massiv gefördertem Ökostrom nicht mehr richtig. Soll es Sonderprämien dafür geben, dass Kraftwerke, die sich nicht mehr rechnen, am Netz gehalten werden? Denn gerade im Winter wird deren Leistung gebraucht. Doch ein solches System – für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching in Bayern wurde das bereits eingeführt – würde die Strompreise noch weiter steigen lassen. Daher muss eine Reform der Ökoenergie-Förderung zusammen mit einer Strommarktreform angegangen werden. Einzige Gewissheit: Es wird nicht billig.

Verheddert im Interessendickicht

Jeder will etwas anderes. Die Länder im Norden und Osten wollen die Windkraft massiv ausbauen, Bayern träumt von einer weitgehenden Energieautarkie. Auch die Parteien haben unterschiedliche Ansätze, zudem kämpfen die großen Versorger gegen immer mehr dezentrale Akteure. Ein gemeinsamer Konsens ist bisher nicht in Sicht. Das macht Reformen so schwer. Gerade das Kostenproblem droht die Akzeptanz der Energiewende zu gefährden – über die mittelfristigen Vorteile redet kaum noch jemand.

Wie „Capital“ weiter berichtet, sorgt die Kluft bei den Strompreisen auch zu Spannungen innerhalb des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). „Wir sehen das Auseinanderdriften der Industrie bei den Strompreisen mit Sorge. Die Verteilung der Lasten ist derzeit nicht fair, das ist doch klar“, sagte ein BDI-Insider dem Magazin.

Hintergrund der Preisschere sind Ausnahmeregeln für die Industrie bei der Ökostromförderung. Während Großverbraucher von weitgehenden Rabatten bei der EEG-Umlage profitieren, sofern die Stromkosten mehr als 14 Prozent der Wertschöpfung ausmachen, müssen Betriebe, die die Grenzwerte nicht erreichen, die steigenden Belastungen voll tragen. Zum anderen profitieren Konzerne, die ihren Strom über die Börse beschaffen, von den drastisch gesunkenen Großhandelspreisen.

Von

afp

Kommentare (10)

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WFriedrich

23.10.2013, 19:59 Uhr

Dieses schwerwiegende Problem muss gelöst werden. Dazu bedarf es größerer Anstrengungen als Solidaritätsbekundungen für den Mittelstand. Aber auch wenn dem Mittelstand gedient ist, "bleibt die Kuh auf dem Eis", weil die Kaufkraftschwächung infolge des Abwälzens der staatlichen Stromverteuerungsexzesse auf die Nachfragestruktur der Bevölkerung nicht folgenlos bleiben wird. Zurzeit eignet sich die BGH-Spruchpraxis zum Abwälzen des gemessenen persönlichen Verbrauchskosten vom Mieter zum Vermieter: jedwede Gründe zur Mietminderung (beispielsweise Nachbarschaftslärm) taugen nun trefflich zur pauschalen Kürzung der Mietnebenkosten (im gleichen Beispiel von gemessenen Strom-, Wasser-, Abwasser- und Müllentsorgungskosten). Müssen wir uns sorgen, dass solches Vorgehen in extremster Ausprägung so folgengleich sein könnte, wie einst die Begünstigung der Volksgenossen zum Schaden des jüdischen Eigentums?

trocherieux

23.10.2013, 20:10 Uhr

Da gibt es nur eine Antwort drauf: "Die Energiewende ist maßlos gescheitert"! Für die Industrie, den Mittelstand ebenso wie für alle privaten Bürger. Das bittere Ende der Wettbewerbsfähigkeit, der privaten Ausgaben und des Niedergangs wird nicht aufzuhalten sein.

Ameise

23.10.2013, 21:05 Uhr

Wenn man alles, aber auch wirklich alles tut, -vom Mindestlohn bis zur Energiewende, von großzügiger Verschuldung für das unsolide Südeuropa bis zur massenhaften Armutseinwanderung in unsere Sozialsysteme, dann muss man sich irgendwann auch nicht wundern, wenn diese in Summe ausgeklüngelten Maßnahmen zur Schwächung des ja so starken Deutschland dann irgendwann auch mal Früchte tragen. Verdammt nochmal, irgendwie muss man diesem so gehassten Musterschüler doch beikommen kommen und ihn kaputtkriegen! Und wenn es durch die Politiker im eigenen Land ist..

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