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11.06.2013

17:35 Uhr

Studie zum Schieferöl-Vorkommen

Fracking versorgt die Welt für zehn Jahre

VonSebastian Ertinger

Das US-Energieministerium hat erstmals in einer breit angelegten Studie die globalen Schieferölquellen untersucht. Die Ölvorkommen, die per Fracking aus der Tiefe gepresst werden, reichen demnach für zehn Jahre.

Die Ressourcen aus Schieferölquellen reichen laut US-Energieministerium für zehn Jahre. ap

Die Ressourcen aus Schieferölquellen reichen laut US-Energieministerium für zehn Jahre.

DüsseldorfDie weltweiten Schieferölvorkommen reichen aus, um den Verbrauch von zehn Jahren abzudecken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des US-Energieministeriums. Die Experten schätzen die Ressourcen auf 345 Milliarden Barrel Öl oder zehn Prozent der weltweiten Ölvorkommens überhaupt. Ein Barrel oder Fass Öl entspricht rund 159 Litern. Die Behörde prüfte die Vorkommen in 42 Ländern. Dies ist die erste Analyse, welche die Schieferölquellen weltweit, von Russland bis Argentinien, untersucht.

Die Fachleute zogen „technisch förderbares“ Öl in die Studie mit ein. Ob es sich aber wirtschaftlich lohnt die Vorkommen auszubeuten, untersuchten die Experten nicht. Dies hängt zum Teil von der Entwicklung des Ölpreises ab. Aber auch die Kosten für Erschließung, den Aufbau einer Infrastruktur und für die Verarbeitung spielen eine Rolle. Die Analysten erhöhen zudem ihre Prognose für die Vorkommen der USA von 32 auf 58 Milliarden Barrel Öl.

Vor allem in den USA steigt die Erdöl-Produktion durch die Erschließung von Lagerstätten, die bislang als schwer zugänglich galten. Dabei wenden die Energieunternehmen das sogenannte Fracking an. Bei der Methode werden Wasser, Sand und Chemikalien in Gestein gepresst. Der Druck löst Öl- oder Gasvorkommen aus der Tiefe.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Die Technik ist jedoch umstritten. Kritiker warnen unter anderem vor Gefahren für das Trinkwasser durch den Einsatz von Chemikalien. In Deutschland sind die schwarz-gelbe Koalition und die Länder sich uneins über eine Regelung zum Fracking. Eine Lösung steht noch aus, solange werden Projekte der Ölkonzerne nicht weitergetrieben.

Der Studie des US-Energieministeriums zufolge verfügt Russland über die weltweit größten Schieferölvorkommen mit 75 Milliarden Fass Öl. Nach den USA an zweiter Stelle folgen China mit 32 Milliarden, Argentinien mit 27 Milliarden und Libyen mit 26 Milliarden Fass Öl.

Die Schätzungen von Ölvorkommen sind allerdings ständig im Wandel, besonders bei den noch vergleichsweise neu entdeckten und wenig erforschten alternativen Vorkommen wie Schiefergas und -öl. Auch die Prognosen des US-Energieministeriums gelten als durchaus umstritten. Einige Experten hatten die Prognosen zu den Schieferöl-Reserven als zu optimistisch angesehen.

Kommentare (22)

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vandale

11.06.2013, 19:27 Uhr

Eigentlich ist das eine sachlich gesehen sehr interessante Meldung. Allerdings vermochte sich der Journalist ein wenig Oekoreligion nicht verkneifen. ...Kritiker warnen unter anderem vor Gefahren für das Trinkwasser durch den Einsatz von Chemikalien...Sachlich gesehen ist das peinlich. Schade, dass man in Deutschland nicht auf solchen Unsinn verzichten kann.

Das Fracking lediglich zusätzliches Erdöl für einen aktuellen Weltverbrauch von 10 Jahren beizusteuern vermag ist enttäuschend. Allerdings nehme ich an, dass dies eine Aussage ist die das heutige technische Niveau zugrunde legt.

Ein wesentlicher Grund warum die Weltuntergangsprophezeihungen Endlicher Oelvorkommen sich bislang nicht realisiert haben ist der technische Fortschritt. Dieser erlaubt es heutzutage Resourcen zu nutzen die vor 30 Jahren als unerschliessbar galten und wird es, sofern sich die Menschheit nicht in ein ökologisches Mittelalter begibt, in 50 Jahren erlauben Resourcen zu nutzen die wir heute als unerreichbar empfinden.

Vandale

Account gelöscht!

11.06.2013, 19:47 Uhr

"...Die Technik ist jedoch umstritten. Kritiker warnen unter anderem vor Gefahren für das Trinkwasser durch den Einsatz von Chemikalien....."


das ist ein absurder einwand. in den usa wird die technik erfolgreich angewandt, ein transport von heizöl ist für trinkwasser eine grössere gefahr jeder pkw benutzt benzin/diesel/öl das ist gefählich für trinkwasser.
fracking steht in keinem verhältnis dazu

in der dailymail (uk) war im november 2012 ein artikel mit dem titel :" 24.000 died becaus of cold homes last winter" es sterben menschen weil sie kein geld haben ihre wohnung zu heizen.
jeder der energie teurer macht sollte bedenken welche folgen das hat.
in den usa ist der gaspreis aufgrund von fracking stark zurückgegangen. mehr als 50%, wenn ich mich richtig erinnere.

Rationalist

11.06.2013, 19:55 Uhr

@Vandale: Tatsache ist nun mal, dass die Fracking-Firmen sich bis dato weigern, die Zusammensetzung ihrer Chemikalien, die da in grossem Umfang in den Untergrund gepresst werden, nicht preisgeben wollen (oder müssen!).

Und Tatsache ist auch, dass ein grossteil des Zeugs im Boden bleibt, wobei kein Mensch zu sagen weiss, was damit im Laufe der nächsten 10, 100 oder 1000 Jahre passieren wird.

-Wo ist da Ihrer Sicht nach ein vernünftig akzeptierbares Risiko/Nutzenverhältnis, wenn andererseits kaum mehr als 10 Jahre weitere CO2-Dauerberieselung gesichert werden können?

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