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20.01.2016

14:37 Uhr

Subventionen für Ilva

Italiens Stahl-Dinosaurier im Visier

VonMartin Wocher

Die italienische Regierung hat zwei Milliarden Euro locker gemacht, um das marode Mega-Stahlwerk Ilva am Leben zu halten. Die Konkurrenz läuft dagegen schon länger Sturm. Jetzt schaltet sich auch die EU-Kommission ein.

Die EU-Kommission streitet mit der Regierung in Rom über die Stahlproduktion von Ilva. AFP

Stahlwerk von Ilva

Die EU-Kommission streitet mit der Regierung in Rom über die Stahlproduktion von Ilva.

DüsseldorfDer Fall Ilva sorgt unter Europas Stahlkonzernen schon lange für Ärger. Jetzt greift die EU-Kommission ein: Die Brüsseler Behörde hat am Mittwoch ein Verfahren eingeleitet, um staatliche Subventionen der Regierung in Rom in Höhe von rund zwei Milliarden Euro für das marode Stahlwerk im Süden des Landes zu überprüfen.

Es geht unter anderem um Garantien für Darlehen aber auch um direkte finanzielle Unterstützung. Sollte die EU-Kommission diese als ungerechtfertigt einstufen und zum Ergebnis kommen, dass Rom die Anlage in Taranto nur künstlich am Leben erhalten wolle, um Arbeitsplätze zu erhalten, müssen die Hilfen zurückgezahlt werden.

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Italienisches Stahlwerk Ilva

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Italiens Regierung will das marode Stahlwerk Ilva fast um jeden Preis retten. Die Konkurrenz in Europa sieht darin einen Wettbewerbsverstoß – und fürchtet ums eigene Geschäft. Denn Roms Pläne kommen zur Unzeit.

Das Stahlwerk in Taranto ist das größte seiner Art in Europa und verfügt über Kapazitäten von rund zwölf Millionen Tonnen. Im vergangenen Jahr hat Ilva allerdings nur 4,8 Millionen Tonnen produziert, in diesem Jahr sollen es aber bereits schon sechs Millionen werden. Das Werk gehörte bis 2012 der Industriellenfamilie Riva, wurde aber wegen massiver Verstöße gegen Umweltschutzauflagen beschlagnahmt und steht seitdem unter staatlicher Verwaltung. Seitdem wird der Standort von Managern geführt, die die Regierung ernannt hat, um die Anlage zu modernisieren.

Derzeit versucht die Regierung Renzi, Investoren für eine Übernahme zu begeistern. Bis zum Sommer 2016 will sie den Verkauf des Werkes abschließen. Wichtigste Bedingung: Die Stahlproduktion soll fortgeführt werden und der Großteil der 11.000 Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Die größten Stahlhersteller der Welt

Platz 1: Arcelor-Mittal

Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her.

Quelle: World Steel Association

Platz 2: Hesteel Group

Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.

Platz 3: Nippon Steel & Sumitomo Metal

Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.

Platz 4: Posco

Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.

Platz 5: Baosteel Group

Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.

Platz 16: Thyssen-Krupp

Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Europas Stahlkonzerne laufen Sturm laufen gegen die Revitalisierung des Dinosauriers. „Was die italienische Regierung derzeit tut, widerspricht allen europäischen Wettbewerbsregeln“, heißt es beispielsweise im Salzgitter-Konzern. Ein Wettbewerber mit einer solch hohen Kapazität würde den ohnehin unter massiver Überproduktion und sinkenden Preisen leidenden europäischen Stahlmarkt weiter in Mitleidenschaft ziehen. Thyssen-Krupp & Co. kämpfen ohnehin um ihr langfristiges Überleben. Derzeit setzen ihnen vor allem Billigimporte aus China zu. Auch dagegen geht die Kommission mit zahlreichen Anti-Dumping-Verfahren vor.

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager betonte am Mittwoch, ihre Untersuchung im Fall Ilva verhindere nicht, dass das Gelände und das Gebiet von Verschmutzung gesäubert würden – falls nötig auch unter Einsatz öffentlicher Gelder. Allerdings müsse die Rechnung am Ende an den Verschmutzer gehen. Giftige Emissionen aus dem Werk sollen für den Tod von mindestens 400 Menschen durch Krebserkrankungen verantwortlich sein. So hat die italienische Regierung rund 800 Millionen Euro in Aussicht gestellt, um die Umweltauflagen bis 2017 zu erfüllen.

Gleichzeitig verkündete Vestager, dass die belgischen Behörden 211 Millionen Euro von mehreren Stahlfirmen der Duferco-Gruppe zurückfordern müssen. Die von der wallonischen Regierung zwischen 2006 und 2011 gewährten Mittel hätten den Wettbewerb verzerrt und gegen die Beihilferegeln der EU verstoßen. „Die Stahlproduzenten in der gesamten EU haben mit weltweiten Überkapazitäten und massiven Importen zu kämpfen", sagte die EU-Wettbewerbskommissarin. Die Lösung dieses Problems sei, weltweit die langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Die Unterstützung von Produzenten, die in finanziellen Schwierigkeiten steckten, gehöre nicht dazu.

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