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04.04.2016

10:07 Uhr

Tata Steel vor dem Rückzug

Stirbt die britische Stahlindustrie?

Europas Stahlbranche rutscht immer tiefer in die Krise. Der Rückzug von Tata Steel aus Großbritannien bringt 15.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Die Wut in London ist groß – aber auch die Ratlosigkeit.

Der Rückzug des indischen Konzerns bedroht 15.000 Arbeitsplätze in Großbritannien. Reuters

Tata-Stahlwerk in Port Talbot

Der Rückzug des indischen Konzerns bedroht 15.000 Arbeitsplätze in Großbritannien.

LondonVöllig überraschend kam die Hiobsbotschaft nicht. Dennoch schlug die Nachricht, dass der indische Tata Steel Konzern sein Stahlgeschäft in Großbritannien abstoßen will, wie eine Bombe ein. Die Stahlkocher in Wales reagierten geschockt, die Gewerkschaften empört, Regierungschef David Cameron schaltete sofort auf Krisenmodus um – ratlos sind Alle.

Insgesamt sind 15.000 Jobs bedroht, ganz akut 5500 im Werk Port Talbot in Wales. Werden sie zum Opfer des chinesischen Billig-Stahls, der weltweit die Preise drückt?

Die Ausgangslage: Tata Steel macht nach eigenen Angaben mit seinen britischen Werken täglich eine Million Pfund (1,25 Millionen Euro) Verluste. Das könne man sich einfach nicht mehr länger leisten, so die Inder. Tata hatte 2007 den britisch-holländischen Konzern Corus übernommen und stieg damit zum zweigrößten Stahlproduzenten in Europa hinter Arcelor-Mittal auf – Glück brachte das Tata aber nie.

Stahlbranche in der Krise: Konsolidierung kommt – nur wann?

Stahlbranche in der Krise

Konsolidierung kommt – nur wann?

Europas Stahlindustrie darbt. Da wundert es nicht, dass Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger erwägt, eine Allianz mit Tata Steel zu schmieden. Das wäre der Anfang einer Konsolidierung der ganzen Branche. Ein Kommentar.

Das Problem: Die Absicht, verkaufen zu wollen, ist nach Ansicht von Experten ein frommer Wunsch. Wer will sich schon einen solchen Klotz ans Bein binden? Stahlbranche ist Krisenbranche – nicht nur auf der Insel, sondern in ganz Europa.

Noch schlimmer: In London geht die Furcht um, dass es bestenfalls Interessenten für bestimmte Teile der Unternehmen gibt – die Werke also zerschlagen werden. Weitere Furcht: Die Inder glauben in Wahrheit gar nicht mehr ans Verkaufen, sondern wollen schlichtweg dicht machen. Schon seit längerem heißt es europaweit, 2016 könnte zum „Schicksalsjahr der Stahlindustrie“ werden.

Die britischen Gewerkschaften und linke Labour-Leute ziehen erneut das altbekannte Rezept der Verstaatlichung aus der Tasche. Selbst die eher rechte „Times“ brachte Nationalisierung ins Spiel, wenn auch nur auf Zeit. Dagegen meint die Regierung, man werde alles zur Rettung tun – nur eben bitte nicht Verstaatlichen.

Die größten Stahlhersteller der Welt

Platz 1: Arcelor-Mittal

Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her.

Quelle: World Steel Association

Platz 2: Hesteel Group

Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.

Platz 3: Nippon Steel & Sumitomo Metal

Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.

Platz 4: Posco

Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.

Platz 5: Baosteel Group

Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.

Platz 16: Thyssen-Krupp

Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Auch in Deutschland haben Chinas Dumpingpreise und der weltweit rasante Verfall der Stahlpreise tiefe Spuren hinterlassen. Thyssen-Krupp etwa rutschte in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2015/2016 wieder in die roten Zahlen. Der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, spricht von einer „dramatischen Entwicklung“.

Mit einem dicken Minus schloss auch der Konkurrent Salzgitter das Jahr 2015 ab. Beim weltgrößten Stahlkocher Arcelor-Mittal stand unterm Strich ein Milliardenverlust.

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