Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.03.2013

15:09 Uhr

Thyssen-Krupp

Beitz wendet sich ab – Cromme geht

Überraschende Wende: Patriarch Beitz hat doch das Vertrauen in den Chefkontrolleur verloren. Cromme räumt die Posten im Aufsichtsrat des Stahlkonzerns und im Vorstand der Krupp-Stiftung. Die Börse feiert den Abgang.

Nicht länger unzertrennlich: Krupp-Stiftungschef Beitz (li.) und der scheidenden Thyssen-Krupp-Chefkontrolleur Cromme. Reuters

Nicht länger unzertrennlich: Krupp-Stiftungschef Beitz (li.) und der scheidenden Thyssen-Krupp-Chefkontrolleur Cromme.

FrankfurtDer langjährige Aufsichtsratschef des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp, Gerhard Cromme, legt sein Amt zum 31. März nieder. Er werde den Posten zum 31. März abgeben und den Aufsichtsrat ganz verlassen, teilte die Thyssen-Krupp am Freitag in Essen mit. Auch seinen Posten als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender der Krupp-Stiftung wird der 70-jährige Cromme aufgeben. Cromme erklärte, er wolle einen „personellen Neuanfang ermöglichen“. Die Aktie des Stahlkonzerns legte zeitweilig um 5,5 Prozent zu.

Der Aufsichtsratschef wurden in den vergangenen Monaten immer wieder für Fehlentwicklungen wie das milliardenschwere Desaster der Stahlwerke in Brasilien und den USA sowie Korruptionsfälle und Kartellverstöße mitverantwortlich gemacht. Dazu kamen Enthüllungen zur Beteiligung an einem Schienenhersteller-Kartell. Zuletzt hatte Cromme auf der Hauptversammlung des Unternehmens in Essen sich der harschen Kritik der Aktionäre gestellt, damals aber einen Rücktritt ausgeschlossen.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Cromme ist seit 2001 Aufsichtsratsvorsitzender von Thyssen-Krupp. Bereits ab 1986 war er Vorstandschef der Krupp AG und ihrer Nachfolger. Seine Kritiker warfen ihm deshalb vor, aus heutiger Sicht zweifelhafte Entscheidungen mitgetragen und fragwürdiges Verhalten von Mitarbeitern nicht konsequent geahndet zu haben.

Der Vorsitzende der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, hatte sich jedoch stets hinter Cromme gestellt. Den Forderungen nach einer Ablösung des Aufsichtsratschefs hatte er noch im Dezember eine klare Absage erteilt: „Cromme bleibt“, hatte der 99-Jährige dem Handelsblatt erklärt. Die Stiftung ist der Hauptaktionär des Konzerns. Cromme war auch als Nachfolger von Beitz im Gespräch gewesen.

Die Hauptversammlung von Thyssen-Krupp im Januar soll die Sichtweise von Beitz jedoch geändert haben. Die Anteilseigner hatten Cromme wegen der Milliarden-Abschreibungen pleite mit den Übersee-Stahlwerken massiv kritisiert. Als „Teflonpfanne“ der Republik wurde Cromme beschimpft, weil er trotz der vielen Skandale bei Thyssen-Krupp nicht sein Amt niederlegte. Cromme rechtfertigte sich mit juristischen Gutachten, die dem Aufsichtsrat und damit auch ihm eine gute Arbeit bescheinigten. Überzeuge konnte er die Investoren damit nicht.

Im Gegenteil: Die Aktionäre reagieren Erleichtert auf den Abgang von Cromme. „Wir finden das richtig“, sagte der Geschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Ein Neuanfang nach den Fehlentscheidungen und Skandalen im Konzern dürfe sich nicht nur auf den Vorstand beschränken, sondern müsse auch den Aufsichtsrat einschließen. Er hoffe, dass Crommes Nachfolger als Aufsichtsratschef von außerhalb kommen werde, sagte Hechtfischer.


Kommentare (29)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

esboern

08.03.2013, 13:23 Uhr

Da findet sich in D bestimmt noch ein schlimmerer Aasgeier, was machte Cromme eigentlich in der vor BRD-Zeit?

Schwarzbrot

08.03.2013, 13:25 Uhr

Einer der gierigsten Sich-Selbst-Sanierer in deutschen Vorständen und Aufsichtsräten (Vergleiche aus dem Tierreich verbieten sich aus Respekt der Kreatur gegenüber)verlässt e n d l i c h das sinkende (?) Schiff.
Erfährt man auch wie golden der Nachschlag noch war?

Account gelöscht!

08.03.2013, 13:41 Uhr

Wenn der auf sein Berufsleben realistisch zurückschaut, bleibt nicht viel worauf er stolz sein könnte.

Und dafür rund 2/3 der Lebenszeit hergeschenkt?

Das kann es ja wohl nicht sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×