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11.12.2012

12:41 Uhr

Thyssen-Krupp

Mit markigen Worten zum Neuanfang

VonSebastian Ertinger

Investitionsabenteuer in Übersee und Affären bescheren Thyssen-Krupp einen herben Rückschlag. Konzernchef Hiesinger steuert um – und lenkt den Blick auf andere Geschäftsbereiche. Denn U-Boote und Aufzüge laufen gut.

Schlechte Stimmung bei ThyssenKrupp

Video: Schlechte Stimmung bei ThyssenKrupp

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EssenSchneeflocken rieseln auf die Straßen von Essen. Noch deckt sich die Dunkelheit an diesem Wintermorgen über der einstigen Industriemetropole. Nur um die blattlosen Bäume vor der Zentrale des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp ringen sich Lichterketten. Auch die Glasfassaden der funktional gehaltenen Zentrale leuchten hell.

Fast scheint es, also wollte der Konzern einen Lichtblick eröffnen. Und ein Signal für die Zukunft des Konzerns muss Vorstandschef Heinrich Hiesinger heute setzen, wenn er zur Bilanzpressekonferenz vor die versammelten Medien tritt. Am Abend vorher musste der Konzern einen Rekordverlust von fünf Milliarden Euro melden. Fehlinvestitionen in Übersee-Stahlwerke bescheren dem Konzern Milliarden-Abschreibungen. Erstmals fällt die Dividende aus. Drei Vorstände treten ab. Zudem belasten Korruptions- und Kartellvorwürfe das Traditionsunternehmen.

An diesem verschneiten Morgen muss sich Hiesinger nun den kritischen Fragen stellen – und ein Zeichen für die Zukunftsfähigkeit des angeschlagenen Riesen setzen. Er geht in die Offensive und will radikal umsteuern. "Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schiefgelaufen ist", gesteht der Konzernchef gleich ein.

Er weist auf den „immensen finanziellen Schaden“ hin, der durch fehlgeschlagene Stahlwerks-Projekte in Brasilien und den USA und unsaubere Geschäfte dem Konzern entstanden sei. „Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren.“

Thyssen-Krupp Geschäftsjahr 2011/12 (bis 30.9.)

Netto-Finanzschulden

5,8 Milliarden Euro (plus 62 Prozent)

Ergebnis nach Steuern

minus 5 Milliarden Euro (Vorjahr: minus 1,8 Milliarden Euro)

Betriebsergebnis (Ebit) der fortgeführten Aktivitäten

plus 976 Millionen Euro (minus 66 Prozent)

Betriebsergebnis (Ebit)

minus 4,3 Milliarden Euro (Vorjahr: minus 988 Millionen Euro)

Umsatz der fortgeführten Aktivitäten

40,1 Milliarden Euro (minus 6 Prozent)

Umsatz

47 Milliarden Euro (minus 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr)

Am Vorabend hatte der Aufsichtsrat die Ablösung des halben Vorstands beschlossen. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

Dividende fällt aus: Thyssen-Krupp verbrennt fünf Milliarden Euro

Dividende fällt aus

Thyssen-Krupp verbrennt fünf Milliarden Euro

Nun entlässt der Konzern die halbe Vorstandsetage - und schüttet keine Dividende aus.

Hiesinger kritisiert die bisherige Unternehmenspraxis scharf. Es habe ein Führungsverständnis gegeben, in dem Seilschaften und blinde Loyalität wichtiger gewesen seien als unternehmerischer Erfolg, sagt der Konzernchef. „Es wurde eine Kultur gepflegt, in der Abweichungen und Fehlentwicklungen lieber verschwiegen als korrigiert wurden.“ Zudem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass „Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Damit will Hiesinger nun aufräumen. Mit der einvernehmlichen Ablösung der drei Vorstände habe man ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt, sagte der Thyssen-Krupp-Chef. "Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert." Die Markigen Worte beeindrucken offenbar. Nach einem ersten Kursrutsch zum Handelsauftakt an der Börse erholte sich die Aktie wieder und notiert zeitweilig vier Prozent im Plus.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

11.12.2012, 13:32 Uhr

Ich frage mich, ob das aktuelle strategische Geschäftsmodell zukunftsfähig und eine Zerschlagung des Konzerns droht. Die GuV 2011/2012 sieht schon im operativen Geschäft deutlich schlechter aus als im Vorjahr. Angesichts flauer Stahlkonjunktur und weltweiter Überkapazitäten müssen 2012/2013 weitere Umsatzverluste eingeplant werden. Dieses Scenario kann langfristig Bestand haben. Wenn man sich unter diesen Perspektiven die Bilanz ansieht in der die Netto-Finanzschulden das Eigenkapital übersteigen, dann muss doch die Frage gestellt werden, wie die aufgelaufenen und zu erwartenden Verluste finanziert werden sollen.
Dass in dieser Situation der Aktienkurs am Dienstagvormittag 11.12.2012 nach Bekanntwerden der Sonderabschreibung auf die Anlagen in Amerika nach anfänglichem Schreck auch noch von minus 6% auf plus 4% steigt, kann rational eigentlich nicht argumentiert werden. Oder ist auch Thyssen in der Meinung der Anleger to big to fail? To big sicherlich, aber to fail? Oder ist zuviel Liquidität auf dem Markt? Liquidität, die keinen positiven Zins findet mutiert zum Wetteinsatz.

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