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10.03.2013

20:45 Uhr

Thyssen-Krupp

Wer folgt auf Gerhard Cromme?

Die Gerüchteküche brodelt: Wer beerbt den langjährigen Aufsichtsratschef bei Thyssen-Krupp? Erste Namen für die Nachfolge von Gerhard Cromme kommen ins Spiel. Branchenkenner dürften dabei kaum verwundert sein.

Gerhard Cromme räumt seinen Posten im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp. dpa

Gerhard Cromme räumt seinen Posten im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp.

DüsseldorfNach der überraschenden Rücktrittsankündigung von ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sind die Spekulationen über seine Nachfolge im angeschlagenen Konzern voll entbrannt. Hans-Peter Keitel und Ulrich Lehner, beide Mitglieder des Kontrollgremiums, wurden am Wochenende in Presseberichten bereits als die Favoriten auf den Posten genannt. Beide Topmanager gelten als angesehen und kompetent. Ein ThyssenKrupp-Sprecher wollte sich zu den Personalien allerdings nicht äußern.

Dass ausgerechnet die beiden Manger ins Spiel kommen, dürfte Branchenkenner kaum verwundern. Lehner und Keitel haben Erfahrungen in der Leitung und Kontrolle großer Konzerne, sind angesehen und in der Politik bestens vernetzt. Lehner ist in zahlreichen Aufsichtsgremien aktiv, unter anderem als Chefkontrolleur bei der Deutschen Telekom und Interimspräsident beim schweizerischen Pharmariesen Novartis.

Die Baustellen von Thyssen-Krupp

Schwere Krise

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp steckt in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte. Mindestens 2000 Stellen sollen in den nächsten Jahren im europäischen Stahlgeschäft gestrichen werden. Ein Überblick über die größten Baustellen.

Stahlwerke in Übersee

Was der Aufstieg zum weltumspannenden Stahlkonzern werden sollte, endete als Investitionsruine. Fehlplanungen ließen die Kosten explodieren. Schließlich belief sich die Gesamtrechnung auf rund zwölf Milliarden Euro für die riesigen Anlagen in Brasilien und im US-Bundesstaat Alabama. Thyssen-Krupp sieht inzwischen keine Chance mehr, die Anlagen unter dem eigenen Dach profitabel zu machen. Geplant auf dem Höhepunkt des Stahlbooms Mitte des vergangenen Jahrzehnts passen die Annahmen heute nicht mehr. Im Mai vergangenen Jahres stellte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger die Werke zum Verkauf.

Schelte von den Aktionären

Auf der Jahreshauptversammlung Mitte Januar musste sich die Thyssen-Krupp-Führungsriege heftige Schelte von den Aktionären gefallen lassen. Trotz aller Anstrengungen in der Vergangenheit sei es nicht gelungen, Fehlentwicklungen zu verhindern, räumte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ein. „Rechtlich korrekte Entscheidungen bedeuten nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen.“ Konzernchef Hiesinger zeigte sich zuversichtlich, den geplanten Verkauf der Stahlwerke des Konzerns in Brasilien und den USA bis zum Herbst abschließen zu können. Der Verkauf gehe voran. Bei den Stahlwerken handele es sich um die „größte Baustelle“ des Konzerns.

Schulden

Durch den Bau der neuen Stahlwerke sind die Schulden auf mehr als 5 Milliarden Euro gestiegen. Seit Jahren verbrennt der Konzern Geld. Dadurch sind auch Investitionen in Wachstumsfelder schwierig.

Dubiose Geschäfte

In der Vergangenheit war der Konzern in zahlreiche Kartelle verstrickt - nach unerlaubten Absprachen im Edelstahlsektor und bei Rolltreppen machte zuletzt ein Schienenkartell Schlagzeilen. Thyssen-Krupp wurde jeweils zu hohen Strafen verdonnert und muss sich auf Schadensersatzansprüche einstellen. Hinzu kommen Vorwürfe, dass Mitarbeiter mit zweifelhaften Zahlungen Geschäfte im Ausland angestoßen haben sollen. Cromme betonte auf der Hauptversammlung, dass derartige Verstöße vom Aufsichtsrat „mit Nachdruck“ verurteilt würden.

Der 65-jährige Keitel leitete von 1992 bis 2007 den Baukonzern Hochtief und wurde ein Jahr später BDI-Präsident. Beide Manager, berichtete der „Spiegel“ unter Berufung auf Aufsichtsratskreisen, könnten sofort den Posten übernehmen.

Cromme hatte am Freitag überraschend angekündigt, sich zum 31. März vollständig aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Hintergrund sind das Milliarden-Debakel der Stahlwerke in Amerika, Kartellverstöße und Korruptionsfälle. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte das Unternehmen, das seit zwei Jahren von Heinrich Hiesinger geführt wird, einen Verlust von 5 Milliarden Euro verbucht. Für die Fehlentwicklungen wurde Cromme, der auch Aufsichtsratschef von Siemens ist, mitverantwortlich gemacht. Auch die Krupp-Stiftung, mit rund 25 Prozent das eigentliche Machtzentrum des Konzern, wird der Manager verlassen.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Ob Cromme, der auch bei Siemens die Geschäfte des Vorstands überwacht, aus freien Stücken ging oder zum Rücktritt gedrängt wurde, ist nicht klar. Der Chef der Krupp-Stiftung, der 99-jährige Berthold Beitz, stand lange fest zu ihm. Es wird von Beobachtern für möglich gehalten, dass die neuerlichen Kartellvorwürfe gegen ThyssenKrupp das Fass zum Überlaufen brachten. So soll das Unternehmen gemeinsam mit Konkurrenten zulasten der Automobilkunden Preise bei Stahlprodukten abgesprochen haben. Konzernchef Hiesinger sprach von einem „Schlag gegen den Ruf des Konzerns“.

Diesen Einfluss hat die Krupp-Stiftung auf den Konzern

Größter Einzelaktionär

Die nach dem Tod von Alfried Krupp testamentarisch verfügte Kruppstiftung nahm 1968 ihre Arbeit auf. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer der Fried. Krupp GmbH. Alfrieds Sohn Arndt hatte auf sein Erbe verzichtet. Heute hält sie 25,3 Prozent am Dax-Konzern Thyssen-Krupp und ist damit größter Einzelaktionär. Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Satzungsauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

Vertreter im Aufsichtsrat

Mit ihrer Sperrminorität ist die Stiftung auch ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen. Seit 2007 nutzt die Stiftung außerdem mit Billigung einer Hauptversammlungsmehrheit die gesetzliche Möglichkeit, drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat zu entsenden.

„Stahl-Festung“

Wenn die zehn Arbeitnehmervertreter und die Stiftungsentsandten sich einig sind, können sie mit zusammen 13 von 20 Stimmen im Aufsichtsrat Angriffe abwehren oder doch deutlich erschweren. Das „Manager Magazin“ nannte die Konstruktion eine „Stahl-Festung“. Eine Aktionärsklage dagegen wurde in zwei Instanzen abgewiesen, und der Bundesgerichtshof lehnte eine Revision ab. Vergeblich argumentierte der Kläger, dass das Mehrheitsprinzip verletzt werde.

Sitz in Villa Hügel

Angesichts des hohen Aktienanteils und des zusätzlichen Entsenderechtes verfügt die Kruppstiftung de facto über erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen im Konzern. Ihren Sitz hat die Stiftung an historischer Stelle: Im Park gegenüber der Villa Hügel, die bis 1945 Wohnsitz der Krupp-Familie war.

Laut „Spiegel“ hat sich Beitz mit Cromme angeblich bereits seit geraumer Zeit darauf verständigt, dass er Verantwortung für den desolaten Zustand des Stahlriesen übernehmen müsse. Der „Focus“ berichtete dagegen, Cromme habe erst nach einem Gespräch mit Beitz am Freitag, in dem dieser ihm mitteilte, dass er nicht mehr das Vertrauen der Mitglieder des Kuratoriums habe, Konsequenzen gezogen.

Mit seinem Rückzug ist nun auch die Nachfolge von Beitz in der Krupp-Stiftung wieder offen. Der Firmenpatriarch hatte Cromme vor Jahren als seinen Nachfolger aufgebaut und ihn zum stellvertretenden Vorsitzenden der Stiftung gemacht. Jetzt steht er dazu nicht mehr bereit. In dem Kuratorium sitzen derzeit zwölf Mitglieder, darunter NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und seit kurzem auch der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen.

Von

dpa

Kommentare (2)

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An_Interested_Reader

10.03.2013, 23:05 Uhr

Neubeginn is a scheinheilig-scam-sham being perpetrated by The Fool On The Hügel, if he selects anybody from the Stiftung to replace Chromme.

For a legitimate neubeginn at ThyssenKrupp, consistent with the reasons given in December for firing Eichler and Berlien, all members of the totally ineffective Krupp clownatorium must too be replaced, but more importantly, the unfair uncontrolled and unquestionable Entsenderecht enjoyed by the old-boy, connected-gal, and nepotistically-populated Kuratoriumsrat needs to end (if the Kuratorium's VR-candidates are good ones, they will be elected by all the shareholders, and if not, then they are likely to be the wrong candidates.

That the Kuratorium promoted and too long supported individuals that were not-qualified by training or talent, or disqualified by deed or behavior, is proof pure that giving such rights to the Stiftung was wrong-headed in theory and is no longer justified by experience.

Not counting the serious managerial defecits of both mooted candidates, but if true that Beitz is giving consideration to the two individuals in question, and unless either could conclusively show that he raised questions about the course that ThyssenKrupp was on and was out-voted toward taking decicive action long before December, then this would be a further mark of the insularity and self-centered tone-deaf nature of the decision-making mentality of The Stiftung.

To avoid a scheinstart, new faces need to come into the Board, and the special powers of manipulation enjoyed by The Stiftung need to be revoked by the rest of the shareholders.

Account gelöscht!

12.03.2013, 17:59 Uhr

Dr. Reitzle wäre für Siemens ein idealer Aufsichtsratsvorsitzender.

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