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20.04.2016

13:35 Uhr

Tumulte bei RWE-Versammlung

„Eure Zeit ist abgelaufen“

VonJürgen Flauger, Franz Hubik

Umweltschützer haben die Hauptversammlung des Energiekonzerns RWE gekapert. Bei der Rede von Vorstandschef Peter Terium stürmten Demonstranten die Bühne. Terium reagierte schlagfertig auf den Vorfall.

Eine Umweltaktivistin schaffte es in der Grugahalle bis aufs Podium. dpa

RWE-Hauptversammlung

Eine Umweltaktivistin schaffte es in der Grugahalle bis aufs Podium.

EssenPeter Terium hatte seine Rede feinsäuberlich vorbereitet. Doch schon nach neun Sätzen wurde der RWE-Chef abrupt unterbrochen. „Eure Zeit ist abgelaufen“, skandierten wütende Umweltschützer von Fossil Free und Greenpeace auf der Hauptversammlung des Energiekonzerns. Einigen Aktivisten gelang es sogar auf die Bühne in der Essener Grugahalle zu springen, um Transparente in die Fernsehkameras zu halten. Ihre Botschaft: „Schütz Natur und Umwelt, es gibt wichtigeres als Geld“. Eine Anspielung auf die vielen klimaschädlichen Kohlekraftwerke des Konzerns.

Mit Kritik und Protesten musste RWE-Boss Terium rechnen – schließlich streicht der Niederländer seinen Anteilseignern erstmals seit den 1950er Jahren die Dividende. Ein Affront, mit dem Terium insbesondere die klammen Kommunen an Rhein und Ruhr, die fast ein Viertel der RWE-Aktien halten, gegen sich aufbrachte. Doch obwohl Vertreter von Städten wie Dortmund, Essen oder Mülheim an Ruhr im Vorfeld teils öffentlich mit Konsequenzen für Terium drohten – auf der Hauptversammlung blieben sie kleinlaut. Protest und Tumult überließen sie den Umweltaktivisten – aus gutem Grund. „Ich habe überhaupt kein Problem mit solchen Kundgebungen. Ich habe ja auch Kinder im protestfähigen Alter“, konterte Terium nüchtern.

Das sind die größten Baustellen von RWE

RWE will durch eine Aufspaltung aus der Krise kommen

Der Energiekonzern RWE steckt in einer der schwersten Krisen seiner 117-jährigen Unternehmensgeschichte. Vorstandschef Peter Terium will den Versorger durch eine Aufspaltung des Ökostromgeschäftes sowie der Stromnetzen und des Vertriebs neu aufstellen. Zehn Prozent der neuen Gesellschaft sollen Ende 2016 an die Börse gebracht und neue Gesellschafter gewonnen werden. Der Mutterkonzern soll derweil Mehrheitseigner bleiben und sich künftig auf die konventionelle Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Was sind die größten Baustellen von RWE?

Der Gewinneinbruch setzt sich fort

RWE brechen wegen der fallenden Strom-Großhandelspreise die Gewinne weg. Die Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, die früher die Kasse füllten, werden Konzernangaben zufolge womöglich bald nur noch ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Im laufenden Jahr rechnet der Versorger insgesamt mit einem weiteren Schwund des operativen Ergebnisses (Ebitda) auf 6,1 bis 6,4 Milliarden Euro von 7,1 Milliarden im Jahr zuvor. 2009 waren es noch 9,1 Milliarden. 2013 hatte RWE nach hohen Abschreibungen auf seine Kraftwerke einen Nettoverlust von 2,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Aktienkurs und der Börsenwert dümpeln im Tief

Der Aktienkurs befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Er liegt bei rund elf Euro. Ende 2007 notierte das Papier bei fast 100 Euro. RWE ist an der Börse noch rund 6,6 Milliarden Euro Milliarden Euro wert. Im August waren es noch elf Milliarden. Der Konkurrent Eon kommt auf das Dreifache des aktuellen Marktwertes.

Hohe Schulden und die Lasten für die Zukunft

RWE drücken Schulden von 25,6 Milliarden Euro. Durch den Verkauf der Öl- und Gastochter Dea für mehr als fünf Milliarden Euro hatte der Versorger seine Schulden etwas reduziert. Auf den Konzern kommen aber durch den Atomausstieg und die Beseitigung der Braunkohletagebauschäden hohe Kosten zu. RWE will auch deshalb seine Kosten senken – bis 2017 um zwei Milliarden Euro.

Die Dividende schmilzt dahin

Die Aktionäre müssen sich auf einen weiteren Rückgang der Dividende gefasst machen. Gab es für das Geschäftsjahr 2008 noch 4,50 Euro, war es zuletzt ein Euro je Aktie. Vielen Kommunen, die knapp 24 Prozent an RWE halten, entgehen früher als sicher eingeschätzte Haushaltseinnahmen. Großaktionär ist der Finanzinvestor Blackrock mit gut fünf Prozent.

Die starke Abhängigkeit von der Kohle

RWE hat die Energiewende verschlafen und insbesondere unter Ex-Chef Jürgen Großmann lange auf Kohle und Atom gesetzt. 2014 erzeugte RWE die Hälfte seines Stroms aus Stein- und Braunkohle. Der Ökostromanteil lag bei knapp fünf Prozent. Die Ökosparte Innogy soll nach vielen Rückschlägen 2015 ihren Gewinn erhöhen.

Der Jobabbau geht weiter

Entlassungen von Beschäftigten dürften weitergehen. RWE hat derzeit knapp 59.000 Mitarbeiter nach früher über 70.000. In der Kraftwerkssparte droht der Wegfall von rund 1000 Jobs – betriebsbedingte Kündigungen sind nicht mehr ausgeschlossen.

RWE kann sich einen Konflikt mit seinen Ankeraktionären nicht leisten. „Ich will den Teufel nicht an die Wand malen“, erklärte RWE-Chef Terium. „Aber wenn sich das niedrige Strompreisniveau nachhaltig etabliert, wird die konventionelle Stromerzeugung wirtschaftlich kollabieren.“ Für RWE heißt das: Es geht um die Existenz. Die großen Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke des Traditionskonzerns rechnen sich nicht mehr. Das alte Geschäftsmodell implodiert.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr rutschte RWE deshalb in die roten Zahlen. Unter dem Strich steht ein Verlust von 170 Millionen Euro. Allein auf unrentable Kraftwerke in Deutschland und Großbritannien musste der Konzern 2,1 Milliarden Euro abschreiben. Die RWE-Aktie hat sich 2015 halbiert. Zudem drücken die Essener noch immer Schulden in der Höhe von mehr als 25 Milliarden Euro. Und Besserung ist nicht in Sicht. Denn an der Leipziger Strombörse bekommen Energieversorger für eine Megawattstunde, die sie in den nächsten Jahren liefern, kaum mehr als 20 Euro. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren waren es noch gut 60 Euro.

RWE-Hauptversammlung: Die Rebellion gegen Terium fällt aus

RWE-Hauptversammlung

Die Rebellion gegen Terium fällt aus

Mit der Streichung der Dividende hatte RWE-Chef Peter Terium den Unmut der Aktionäre auf sich gezogen – vor allem der Kommunen. Sie hatten erwogen, ihm die Entlastung zu verweigern. Jetzt ist eine Entscheidung gefallen.

Als Reaktion auf die Umwälzungen im Energiemarkt spaltet sich RWE ähnlich wie der Konkurrent Eon auf. Die RWE AG wird nur noch für den Großhandel und die notleidende konventionelle Stromerzeugung zuständig sein. Das Zukunftsgeschäft (Sonne, Wind, Netze und Vertrieb) wurde in eine neue Gesellschaft (Projektname: NewCo) ausgelagert, die Anfang April an den Start ging. Ende des Jahres will RWE zehn Prozent der Anteile an der neuen Gesellschaft im Zuge einer Kapitalerhöhung an die Börse bringen.

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