Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.03.2013

16:28 Uhr

Ulrich Lehner

Thyssen-Aufsichtsratschef will drei Mandate abgeben

Thyssen-Krupp hält einige Aufgaben für seinen designierten Aufsichtsratschef bereit. Deswegen will dieser nun auf ein paar seiner übrigen Aufsichtsrat-Tätigkeiten verzichten – aber nicht auf alle.

Ulrich Lehner will drei seiner Aufsichtsratstätigkeiten für seinen Posten bei Thyssen-Krupp aufgeben. dpa

Ulrich Lehner will drei seiner Aufsichtsratstätigkeiten für seinen Posten bei Thyssen-Krupp aufgeben.

DüsseldorfDer designierte Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, Ulrich Lehner, will seinen Posten im Kontrollgremium von Eon behalten. Drei andere Mandate wolle er aber bis August 2014 abgeben, hieß es in der am Donnerstag veröffentlichten Einladung zur Hauptversammlung des Energiekonzerns im Mai. Welche Posten das sind, blieb offen.

Der frühere Henkel -Chef tritt am 1. April die Nachfolge von Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme an. Lehner soll den von Milliardenverlusten, Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschütterten Stahlkonzern zurück in die Spur bringen. Aktionärsschützer haben gefordert, dass Lehner andere Mandate abgibt, um sich auf die Aufgabe zu konzentrieren.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Der 66-Jährige führt unter anderem das Kontrollgremium der Deutschen Telekom, woran er nach Angaben des Unternehmens festhalten will. Seinen Interimsposten im Verwaltungsrat von Novartis will er dem Schweizer Pharmakonzern zufolge auch behalten. Von einem Rückzug aus dem Gesellschafterausschuss von Henkel ist auch nichts bekannt. Blieben unter anderem noch die Posten im Beirat des Bielefelder Oetker-Konzerns und im Aufsichtsrat von Porsche. Von den Unternehmen war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Auch Thyssen-Krupp hatte in Aussicht gestellt, dass Lehner sich stärker auf seine Arbeit für den Mischkonzern konzentrieren wolle. „Prof. Dr. Ulrich Lehner hat angekündigt, im Falle seiner Wahl zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats auf Mandate zu verzichten, die er bisher wahrnimmt, um sich der neuen Aufgabe widmen zu können“, hat Thyssen-Krupp vor gut einer Woche mitgeteilt. Mehr Klarheit gab es aus Essen bislang nicht.

Eon wurde nun etwas deutlicher. „Herr Prof. Dr. Ulrich Lehner hat weiter erklärt, dass er im Fall seiner Wahl innerhalb von zwölf bis fünfzehn Monaten nach der Hauptversammlung von Eon am 3. Mai 2013 mindestens drei seiner Mitgliedschaften in anderen gesetzlich zu bildenden Aufsichtsräten und vergleichbaren in- und ausländischen Kontrollgremien niederlegen wird“, schrieb der Energieriese seinen Aktionären.

Von

rtr

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

An_Interested_Reader

21.03.2013, 19:45 Uhr

So basically another lie out of ThyssenKrupp.

As he was being mooted for the AR-job, this being called into question due to the multiple mandates of the candidate, ThyssenKrupp announced Lehner would resign from ALL of these positions.

Novartis and Telekom seemed, at least then, to have a different viewpoint about his leaving them. Now Eon says he will stay. And it seems his resignations are not even planned to occur in this business year.

So now it seems that the lies and delays of playing for time (as was aledged in the plants scandal, and in the various cartel scandals, and in the not-selling-the-plants-oops-now-selling of the plants, and in the don't-need-to-sell-shares-oops-now-need-to-sell-shares PR statements.)

Meet the new TK, just the same as the old TK, a shiny house populated by empty suits is a house of greed, corruption, lies, deception.

Disgusting. When is the real transparency and true good governance supposed to begin?

An_Interested_Reader

22.03.2013, 04:26 Uhr

Thinking more about this subject, I am surprised that no one (to my knowledge) has raised the subject of a conflict of interest that exists when the same person sits on the board of a major producer of electricity and one of its largest customers; it is not possible for one person to properly serve two masters with opposite interests.

(Regarding producer and consumer, I assume both of these assertions are true, and if not, then ths argument fails but does not eliminate the opportunity cost of lost time and focus on the part of Lenher due to other commitments.)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×