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18.04.2016

15:16 Uhr

Vattenfall

Tschechen kaufen deutsche Braunkohle

VonJürgen Flauger, Franz Hubik

Der Energiekonzern Vattenfall hat tatsächlich einen Käufer für seine Braunkohleförderung in Ostdeutschland gefunden. Die tschechische EPH übernimmt den Klimakiller Nummer eins. Aber das Geschäft wirft Fragen auf.

Vattenfall gehören in Brandenburg und Sachsen vier Kohlegruben und drei Kohlekraftwerke. dpa

Braunkohle-Tagebau in Weißwasser

Vattenfall gehören in Brandenburg und Sachsen vier Kohlegruben und drei Kohlekraftwerke.

DüsseldorfDie Förderung von Braunkohle in Ostdeutschland wird künftig komplett aus Tschechien organisiert. Der tschechische Energiekonzern Energeticky a Prumyslovy Holding (EPH) wird gemeinsam mit dem Finanzpartner PPF Investments Ltd die Aktivitäten von Vattenfall in der Region, die zweitgrößten in Deutschland, übernehmen. Das teilten die Unternehmen am Montagmittag mit. „Wir beschleunigen so unseren Umbau zu einer nachhaltigeren Erzeugung von Energie“, erklärte Vattenfall-Chef Magnus Hall.

Zu EPH gehört schon die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag), die Nummer drei. Das Unternehmen wird damit im Osten für den Abbau des umstrittenen Energieträgers verantwortlich sein, während im Westen, im rheinischen Revier, RWE Braunkohle fördert.

Wer sind die Käufer der Vattenfall-Braunkohle?

Investor aus dem Nachbarland

Die tschechische Energie- und Industrieholding EPH hat den Zuschlag für die Übernahme der Braunkohle-Sparte von Vattenfall in Ostdeutschland erhalten. Die Tagebaue und Kraftwerke in Brandenburg und Sachsen werden auf einen Wert von 3,4 Milliarden Euro taxiert. In Deutschland ist der Investor aus dem Nachbarland noch relativ unbekannt. Einige Hintergründe in Fragen und Antworten.

Quelle: dpa

Wer steht hinter EPH?

Der Kopf hinter dem Unternehmen heißt Daniel Kretinsky. Er ist erst 40 Jahre alt - und doch schon einer der reichsten Tschechen. Nach dem Jura-Studium in Brünn (Brno) legte er eine Blitzkarriere beim slowakischen Finanzinvestor J&T hin. Gemeinsam mit dem Finanzmogul und J&T-Mitgründer Patrik Tkac startete Kretinsky 2009 die EPH-Gruppe, die innerhalb kürzester Zeit zu einem der wichtigsten Akteure in der mittelosteuropäischen Energiebranche avancierte.

Schultert EPH den Kauf der Vattenfall-Braunkohle allein?

Nein. EPH hat sich mit einem zahlungskräftigen Partner zusammengetan, der PPF-Gruppe des Multimilliardärs Petr Kellner. Nach einer Schätzung der Zeitschrift „Forbes“ ist Kellner der reichste Tscheche. Er soll Berichten zufolge mit einer privaten Boeing 737 durch die Welt jetten.

Warum investiert EPH in die ostdeutsche Braunkohle?

Kretinsky ist überzeugt davon, dass erneuerbare Energiequellen wie Wind, Solar und Biomasse die fossilen Träger Kohle, Gas und Atom noch lange nicht ersetzen können. Bis zum Ende der Übergangszeit jedenfalls lasse sich mit den alten Kraftwerken vielleicht noch gutes Geld verdienen. Die Wirtschaftszeitung „Hospodarske Noviny“ aus Prag spricht von einer „Wette darauf, dass die Energiepolitik einiger europäischer Staaten undurchdacht ist“ - gemeint ist damit auch die Energiewende in Deutschland. Zugleich brauchen die klassischen Versorger dringend frisches Geld, um ihre Geschäfte angesichts immer unrentablerer Kohlekraftwerke neu zu ordnen. Da lässt sich aus Sicht der Tschechen das eine oder andere „Schnäppchen“ machen. Deutschland ist für EPH kein Neuland: Seit 2011 ist der Braunkohleförderer Mibrag mit Sitz in Zeitz (Sachsen-Anhalt) eine 100-prozentige Tochter.

Warum kaufen die Tschechen nicht zuerst im eigenen Land ein?

Einige der größten Braunkohle-Tagebaue in Nordböhmen wie „Bilina“ bei Teplice und „Nastup“ bei Chomutov gehören dem zu zwei Dritteln staatlichen Energiekonzern CEZ - und stehen nicht zum Verkauf. Andere gingen bei der oftmals undurchsichtigen Privatisierung großer Teile des einstigen Staatsvermögens an konkurrierende Finanzgruppen. Tschechien hat den Tagebau-Ausbau zudem im Jahr 1991 per Gesetz begrenzt und bestimmte Fördergebiete festgelegt. Seither wurden die geltenden Beschränkungen nur stellenweise aufgeweicht.

Was weiß man sonst noch über Kretinsky und Co.?

Kretinsky ist Mitbesitzer des Fußballvereins Sparta Prag. Nur seine Fußball-Leidenschaft sei noch größer als seine Begeisterung für die Energiebranche, heißt es. Er spielt Golf, sammelt Kunst und mag italienische Sportwagen. Kretinsky lebt nach eigener Aussage in einer Villa, die einst der kunstinteressierte und bibliophile Bankier Jaroslav Preiss (1870-1946) für sich und seine Geliebte bauen ließ. Im Kommunismus wohnte dort zeitweise das ZK-Mitglied Vasil Bilak. Obwohl er mitunter wegen seines Bubengesichts belächelt wird, gilt Kretinsky als harter Verhandler.

Gibt es auch Kritik an EPH?

Finanzanalysten weisen auf den hohen Schuldenstand hin. Bei einem Umsatz von knapp 3,7 Milliarden Euro 2014 lag der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen bei fast 1,4 Milliarden Euro - die Schulden nach einer Schätzung der Zeitschrift „Ekonom“ aber zugleich bei über 5 Milliarden Euro. Ein teilweiser Börsengang ist in Planung, um Geld in die Kassen zu spülen. Andere halten Kretinsky für ein „weißes Pferd“ - im Tschechischen ein Begriff für Stellvertreter, hinter denen sich anonyme Besitzer verstecken. Sein Name taucht auch im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ auf. Dass ihm die Firma „Wonderful Yacht Holdings“ auf den Britischen Jungferninseln gehört, bestreitet sein Sprecher nicht: „Ihr einziger Zweck ist der Besitz eines Katamarans.“

Vattenfall gibt vier Tagebaubetriebe sowie drei Braunkohlekraftwerke ab. Ein viertes Kraftwerk wird gemeinsam mit EnBW betrieben. Man habe sich auf einen symbolischer Verkaufspreis geeinigte, heißt es. Darüber hinaus muss das Unternehmen den Käufer mit einer Milliardensumme ausstatten, damit dieser die hohen Verbindlichkeiten tragen kann. Die Sparte wird mit einem Cash-Bestand von 1,7 Milliarden Euro ausgestattet.

„Wegen unseres Engagements im Mitteldeutschen Braunkohlerevier“ sind wir überzeugt, dass EPH Vattenfalls Braunkohleaktivitäten trotz der derzeit schwierigen Rahmenbedingungen verantwortungsvoll betreiben kann“, sagte Jan Springl, das zuständige Vorstandsmitglied von EPH.

EPH greift nach Vattenfall-Sparte: Der Braunkohle-Krimi

EPH greift nach Vattenfall-Sparte

Premium Der Braunkohle-Krimi

Die tschechische EPH greift nach Vattenfalls Braunkohle-Aktivitäten in Ostdeutschland. Doch es gibt Zweifel an der Nachhaltigkeit. Kann der Käufer die milliardenschweren Rückbauverpflichtungen tragen?

Vattenfall-Chef Hall wird froh sein, überhaupt einen Käufer gefunden zu haben. Das Interesse war gering. Einige Interessenten hatten schon früh abgewunken. Andere, wie der ebenfalls tschechische Energiekonzern CEZ, schreckten kurz vor Ende der Frist doch noch vor der Abgabe eines verbindliches Gebots zurück. Neben EPH hatte nur die ebenfalls aus Tschechien stammende Kohlegesellschaft Czech Coal öffentlich bestätigt, ein Gebot abgegeben zu haben. Auf dem Tisch hatte das Vattenfall-Management bis zuletzt aber auch das Angebot des deutschen Stromproduzenten Steag und des Finanzinvestors Macquarie liegen, die Vattenfalls Aktivitäten in eine Stiftung einbringen wollten.

Die Rahmenbedingungen für den Verkauf sind schließlich schlecht - und sie haben sich während des Verkaufsprozesses noch verschlechtert. Zum einen übernimmt EPH ein Geschäft mit begrenzter Laufzeit. Es ist klar, dass die Förderung in den Jahren nach 2030 auslaufen wird. Braunkohle, die als Klimakiller Nummer eins gilt, wird langfristig nicht zur deutschen Energiewende passen. Zum anderen hat sich die Rentabilität der Braunkohlekraftwerke radikal verschlechtert.

Kommentare (12)

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18.04.2016, 14:40 Uhr

Aus technischen Gründen steht folgendes fest: Eine sichere und bezahlbare Stromversorgung Deutschlands ist ohne zuverlässige Wärmekraftwerke nicht möglich.

Daran wird auch ein Ausbau des Leitungsnetzes nichts ändern können. Es gibt nun mal keine bezahlbaren, technisch realisierbaren Stromspeicher, die die Zeiten mit wenig Wind und Sonne überbrücken könnten. Solche Speicher wird es auch in absehbarer Zeit nicht geben, weil niemand weiß, wie und mit welchen Techniken sie man bauen könnte.

Die einzig technisch mögliche Lösung wäre, mit Hilfe von Strom Wasserstoff bzw. Methan als Speichermedium zu erzeugen. Wegen des unüberwindbar geringen Wirkungsgrads solcher Anlagen ist der Strom, der mit ihnen gespeichert werden kann, aber unbezahlbar.

Wenn also wirklich die industrielle Selbstzerstörung Deutschlands, also der Ausstieg aus der Kernenergie, bis zum bitteren Ende exekutiert wird, bleiben nur Wärmekraftwerke mit Steinkohle, Braunkohle oder Gas. Insofern ist die Investitionsentscheidung der Tschechen nachvollziehbar.

Die Energiewende kann nicht gelingen. Deutschland wird die Politiker, die ihm diesem Wahnsinn, diese Selbstzerstörung und Vernichtung von unübersehbar vielen Arbeitsplätzen eingebrockt haben, noch einmal zutiefst verachten.

Herr Axel Fachtan

18.04.2016, 14:58 Uhr

2 Energiewenden um je 180 Grad in nur 180 Tagen. Das ist ein Merkelprojekt, bestens geeignet, nicht nur der Energiewirtschaft in Deutschland sondern den Industriebetrieben insgesamt das Genick zu brechen, soweit sie energieintensiv arbeiten müssen.

Erst hatten wir eine deindustrialisierte DDR. Jetzt haben wir eine DDR- und FDJ-geschulte Kanzlerin, welche auch den Westen bestmöglich deindustrialisieren möchte. Honeckers Rache. Was Merkel von Deutschland übirig lässt, ist für die Flüchtlinge, die sie ins Land gerufen hat.

Warum nur gelingt es mir nicht, es als gesamteuropäischen Erfolg zu feiern, wenn die deutsche Energieversorgung und ggf. Wertschöpfung künftig in tschechischen Händen liegen ? Ist das ein Indiz dafür, dass Deutschland nicht mehr in der Lage ist, seine Energieversorgung sicherzustellen ?

Warum ist eigentlich kein deutscher Energiekonzern mehr bereit und in der Lage, bei der Übernahme mitzumischen ? Sind diese moralisch und wirtschaflich bereits so zerrüttet, dass nichts mehr geht ?

2030 ist Schluss mit der Braunkohle. Vattenfall muss dem Käufer die Betriebe schenken und gutem Geld noch 1.700,000.000 Euro hinterherwerfen. Ich bin gespannt, was bleibt, wenn die verfrühstückt sind ? Die nächste Pleite zu Lasten des Steuerzahlers ist wohlmöglich vorpro-grammiert.

In 12 - 15 Jahren werden die Folgelasten zerstörter Landschaften zu stemmen sein. Sicherheit ist keine geleistet und der Steuerzahler wird bei EPH dann in leere Töpfe schauen.

Herr Vogels schreibt von einer Spekulation auf die Zukunft und der Rückkehr der energiepo-litischen Vernunft. Kann sein. Entweder machen die Investoren Gewinn, weil die Braunkohle auch nach 2030 gebraucht wird. Oder sie machen Gewinn, weil sie die 1,7 Milliarden von Vattenfall verfrühstücken. Die Folgelasten trägt aber so oder so die Allgemeinheit.

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18.04.2016, 15:15 Uhr

Die Tschechen sind clevere Geschäftsleute. Die wissen ganz genau, dass eine Wohlstandsgesellschaft auf Kohle- und Gaskraftwerke angewiesen ist. Vor allen dann, wenn man aus Deutschland aus der Kernkraft aussteigt. Der Energieträger Kohle ist Grundlast und Grundlast ist Wohlstand. Das git für jedes Land dieser Welt.
Die sog. Erneuerbaren Energien sind marktfeindliche staatlich erzwungene Subventionsgeschäfte die weder Technisch noch Wirtschaftlich einen Wohlstand halten können.
Die Tschechen kaufen somit billig ein Kohlerevier auf und werden in Zukunft das Große Geschäft damit verdienen. Besser geht es nicht!

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