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20.11.2013

13:49 Uhr

Verkauf des US-Werks

Hoffnungsfunken für Thyssen-Krupp

Der marode Stahlkonzern schlägt eines der Milliardengräber in Übersee los. Die Börse reagiert skeptisch. Denn der Verkauf des US-Werks ist noch nicht besiegelt – und Thyssen-Krupp bleibt auf dem größeren Problem sitzen.

Stahl- und Hüttenwerk von Thyssen-Krupp an der Sepetiba-Bucht bei Rio de Janeiro: Können die Milliardenverluste gestoppt werden? dpa

Stahl- und Hüttenwerk von Thyssen-Krupp an der Sepetiba-Bucht bei Rio de Janeiro: Können die Milliardenverluste gestoppt werden?

Essen/DüsseldorfEigentlich wollte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger schon im Sommer eine Lösung für die defizitären Stahlwerke in Übersee präsentiert haben. Nun naht der Winter und immerhin für einen der beiden Verlustbringer des Konzerns rückt endlich eine Lösung in greifbare Nähe. Thyssen-Krupp befinde sich in exklusiven Verhandlungen für einen Verkauf des Stahlwerkes im US-Bundesstaat Alabama, teilte der Konzern am späten Dienstagabend in einer Pflichtmitteilung mit. Die Gespräche beinhalteten auch mögliche langfristige Lieferungen von Stahl aus dem anderen Überseewerk in Brasilien.

Diese Formulierung legt nahe, dass Thyssen-Krupp die Anlage Nahe Rio de Janeiro behält. Der Konzern versucht seit eineinhalb Jahren, die Verlustbringer in Brasilien und den USA loszuschlagen. Die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr will der Industriekonzern nun erst am 2. Dezember statt wie ursprünglich geplant am Donnerstag vorlegen.

Die Halblösung enttäuscht die Anleger. Thyssen-Krupp-Aktien rutschten nach einem positiven Auftakt am Vormittag im Frankfurter Handel rund drei Prozent ins Minus. Zum Mittag erholten sich die Titel etwas und notierten mit 18,89 Euro rund zwei Prozent im Minus.

Ein Konsortium um den Marktführer Arcelor-Mittal will das US-Stahlwerk übernehmen. Ein Vertrag über die Veräußerung könnte bald unterzeichnet werden, erfuhr das Handelsblatt aus Branchenkreisen. Zum Interessenten machte Thyssen-Krupp selbst aber keine Angaben.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Sollten der Ruhrkonzern und das Konsortium handelseinig werden, dann wäre dies eine erhebliche Entlastung für das Unternehmen. Schulden von über fünf Milliarden Euro drücken die Bilanz der Essener. Die arbeiten Insidern zufolge auch an einer Kapitalerhöhung.

Die Sparte Steel Americas erwirtschaftet monatlich bis zu 100 Millionen Euro Verlust. Der Bau der Übersee-Stahlwerke erwies sich als milliardenschwere Fehlinvestition. Konstruktion und Inbetriebnahme waren von Pannen geprägt und verzögerten sich immer wieder.

So summierten sich die Kosten für die Werke bisher auf zwölf Milliarden Euro – das ist mehr als das fünffache des Betrags, der im ursprünglichen Investitionsplan stand. Derzeit haben die Essener nach diversen Abschreibungen beide Werke noch mit 3,3 Milliarden Euro in den Büchern stehen.

Kommentare (1)

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kfvk

20.11.2013, 15:01 Uhr

Ich frage mich nur, weshalb andere Unternehmen mit dem Werk Geld verdienen können nur TK scheinbar nicht.
Wenn TK das Werk nun deutlich unter Kosten an die Konkurrenz verkauft, hat das meiner Meinung nach mehrere Nachteile für TK:
1. die Konkurrenz bekommt ein vermutlich recht modernes Werk unter den Herstellungskosten und kann deshalb Stahl günstiger verkaufen als TK ohne Verluste zu machen.
2. wenn Know-how von TK in dem Werk steckt, wird sich die Konkurrenz freuen eine Einführung dazu zu erhalten. Schließlich muss sie ja wissen für welches Herstellungsverfahren das Werk konzipiert ist.
Wäre es da für TK nicht besser so zu kalkulieren als wäre das Werk für einen fiktiven Kaufpreis X erstellt worden, der auch TK eine Produktion zu günstigen Preisen ermöglicht, statt die Konkurrenz zu füttern?
Wenn TK keine Chancen sieht, bei der Konkurrenz mitzuhalten, scheint in dem Laden etwas ganz im Argen zu liegen. Lange Zeit gehörte TK doch zur Weltspitze -- das scheint aber vorbei zu sein.

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