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22.04.2013

13:30 Uhr

Wechsel im Kontrollgremium

Krupp krempelt Aufsichtsrat um

Nach dem Abgang von Chefkontrolleur Cromme verlässt ein weiterer Aufsichtsrat Thyssen-Krupp. Der Großaktionär des angeschlagenen Stahlkonzern, die Krupp-Stiftung, hat aber schon Nachfolger parat.

Thyssen-Krupp-Logo vor der Zentrale in Essen: Der Stahlkonzern bekommt zwei neue Aufsichtsräte. dpa

Thyssen-Krupp-Logo vor der Zentrale in Essen: Der Stahlkonzern bekommt zwei neue Aufsichtsräte.

EssenDie Personalrochade im Aufsichtsrat des angeschlagenen Stahlkonzerns Thyssen-Krupp geht weiter. Nachdem Chefkontrolleur Gerhard Cromme sein Amt niederlegte, verlässt nun auch Kersten von Schenck den Aufsichtsrat, teilte das Unternehmen mit. Der Großaktionär des Konzerns, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, entsendet Carsten Spohr und Lothar Steinebach in das Kontrollgremium. Steinebach war Henkel-Finanzchef, Spohr ist Vorstandsmitglied der Lufthansa.

Anders als ihre Vorgänger gehören der 46-jährige Spohr yund der 65-jährige Steinebach nicht dem Kuratorium der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung an. Aktionärsschützer hatten die enge Verflechtung zwischen der vom 99-jährigen Berthold Beitz geführten Stiftung und dem Unternehmen immer wieder kritisiert.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Von Schenck habe ohne Angabe von Gründen um eine Entbindung von seinem Posten gebeten, erklärte die Stiftung. Er gehörte dem Aufsichtsrat seit 2004 an. Cromme war aus dem Amt gedrängt worden. Zu viele Skandale wegen illegaler Preisabsprachen und Fehlinvestitionen in große Werke in USA und Brasilien hatten die Geduld von Krupp-Patriarch Berthold Beitz strapaziert. Der 99-jährige Beitz ist Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats und Vorsitzender der Krupp-Stiftung, die mit einem Anteil von 25,3 Prozent der Thyssen-Krupp-Aktien über eine Sperrminorität und etliche Sonderrechte verfügt.

Sie gilt als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme, Kritiker sehen in ihr aber auch ein Bollwerk gegen eine Modernisierung des Mischkonzerns mit rund 150.000 Beschäftigten. Die Stiftung kann drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden, ohne dass die Hauptversammlung zustimmen muss. Neben Spohr und Steinebach hat die Stiftung ihr Vorstandsmitglied Ralf Nentwig entsandt.

Diesen Einfluss hat die Krupp-Stiftung auf den Konzern

Größter Einzelaktionär

Die nach dem Tod von Alfried Krupp testamentarisch verfügte Kruppstiftung nahm 1968 ihre Arbeit auf. Sie war anfangs alleiniger Eigentümer der Fried. Krupp GmbH. Alfrieds Sohn Arndt hatte auf sein Erbe verzichtet. Heute hält sie 25,3 Prozent am Dax-Konzern Thyssen-Krupp und ist damit größter Einzelaktionär. Neben der Förderung von Kultur, Wissenschaft und sozialen Projekten hat die Stiftung auch den Satzungsauftrag, die Einheit des Unternehmens zu wahren.

Vertreter im Aufsichtsrat

Mit ihrer Sperrminorität ist die Stiftung auch ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen. Seit 2007 nutzt die Stiftung außerdem mit Billigung einer Hauptversammlungsmehrheit die gesetzliche Möglichkeit, drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat zu entsenden.

„Stahl-Festung“

Wenn die zehn Arbeitnehmervertreter und die Stiftungsentsandten sich einig sind, können sie mit zusammen 13 von 20 Stimmen im Aufsichtsrat Angriffe abwehren oder doch deutlich erschweren. Das „Manager Magazin“ nannte die Konstruktion eine „Stahl-Festung“. Eine Aktionärsklage dagegen wurde in zwei Instanzen abgewiesen, und der Bundesgerichtshof lehnte eine Revision ab. Vergeblich argumentierte der Kläger, dass das Mehrheitsprinzip verletzt werde.

Sitz in Villa Hügel

Angesichts des hohen Aktienanteils und des zusätzlichen Entsenderechtes verfügt die Kruppstiftung de facto über erheblichen Einfluss auf die Entscheidungen im Konzern. Ihren Sitz hat die Stiftung an historischer Stelle: Im Park gegenüber der Villa Hügel, die bis 1945 Wohnsitz der Krupp-Familie war.

Neuer Chefaufseher ist seit April der ehemalige Henkel-Chef Ulrich Lehner. Der Aufsichtsrat des Industriekonzerns hatte Lehner auf einer außerordentlichen Sitzung zum Nachfolger von Cromme gewählt. Lehner gehört dem Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat bereits seit 2008 als Mitglied an. Andere Mandate, wie den Vorsitz des Telekom-Aufsichtsrates, legte er nieder. Lehner soll den aus den Fugen geratenen Traditionskonzern wieder zusammenschmieden. Der Bau von Stahlwerken in Brasilien und den USA hat dem Konzern Milliardenverluste eingebracht.

Bereits zum Jahresende war SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als Entsandter der Stiftung aus dem Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat ausgeschieden. Neu eingezogen war dafür das Vorstands-Mitglied der Krupp-Stiftung Ralf Nentwig.

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