Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.06.2015

13:42 Uhr

Windparkbetreiber

Prokon-Genossenschaft braucht 660 Millionen Euro

Die Gläubiger der insolventen Windenergiefirma Prokon können ihre Anteile an EnBW verkaufen oder eine Genossenschaft bilden. Letzteres könnte lukrativer sein – doch zunächst muss Eigenkapital aufgebracht werden.

Die insolvente Windenergiefirma Prokon könnte an den Energiekonzern EnBW verkauft werden. Das Bundeskartellamt gab grünes Licht. dpa

Gläubiger haben das letzte Wort

Die insolvente Windenergiefirma Prokon könnte an den Energiekonzern EnBW verkauft werden. Das Bundeskartellamt gab grünes Licht.

FrankfurtDer insolvente Windpark-Betreiber Prokon braucht 660 Millionen Euro Eigenkapital, um als Genossenschaft weitermachen zu können. Diese Summe nannte Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin am Freitag in einer Information an die Genussrechtsinhaber von Prokon. Das Geld soll zusammenkommen, indem etwa die Hälfte der rund 75.000 Anleger auf eine Barauszahlung ihrer Forderungen verzichten und den Betrag stattdessen in die Genossenschaft einlegen. Bis zum 26. Juni müssen die Genussrechtsinhaber erklären, ob sie der Genossenschaft beitreten wollen. Eine Woche später, am 2. Juli, steht das Genossenschaftsmodell in der Gläubigerversammlung in Hamburg als einer von zwei Wegen aus der Insolvenz von Prokon zur Abstimmung.

Der Karlsruher Versorger Energie Baden-Württemberg (EnBW) hat 550 Millionen Euro für Prokon geboten. Er wirbt in Zeitungsanzeigen für die Übernahme. Bei einem Verkauf könnten die Prokon-Gläubiger Penzlin zufolge mit einer Rückzahlung von 52 Prozent ihres Kapitals rechnen. Bei der Umwandlung in eine Prokon eG kämen fast 59 Prozent heraus – allerdings trügen die künftigen Genossenschaftsmitglieder dann auch das unternehmerische Risiko der Sanierung. Der Verein „Freunde von Prokon“, der hinter dem Genossenschaftsmodell steht, will von Samstag an auf Informationsveranstaltungen dafür werben. Der Vereinsvorsitzende Wolfgang Siegel appellierte vor der ersten Veranstaltung in Hamburg an die Gläubiger: „Lassen Sie sich nicht von EnBW abspeisen.“

Die Zukunft von Prokon

Ist die Insolvenzanmeldung das Ende von Prokon?

Nein, nicht zwangsläufig. Mit dem Gang zum Gericht ist zunächst das vorläufige Insolvenzverfahren angelaufen. Das Gericht bestellt einen vorläufigen Insolvenzverwalter, dessen Aufgabe es ist, das Unternehmen zu sanieren. So soll das für die Gläubiger beste Ergebnis erzielt werden. Im Fall des Fernsehherstellers Loewe konnte beispielsweise ein neuer Investor gefunden werden, der Teile des Unternehmens weiterführt. Für die Mitarbeiter setzt sich der Insolvenzverwalter für das staatlich gezahlte Insolvenzgeld ein. Damit könnte Prokon für drei Monate die Gehälter aus Staatsmitteln auszahlen. Der Betrieb geht zunächst erst einmal weiter. Erst später wird gerichtlich entschieden, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet wird.

Ist mein investiertes Geld verloren?

Nicht unbedingt. Prokon gibt zwar an, zahlungsunfähig zu sein, besitzt aber mit den Windparks auch große Sachwerte, die nun im vorläufigen Insolvenzverfahren verkauft werden könnten. Wie viel Geld die Genussrechteinhaber am Ende erwarten können, ist jedoch völlig unklar. Bedeutsam ist dabei, dass Genussrechte nur nachrangig gegenüber anderen Forderungen sind. Das heißt: Bevor die Inhaber von Genussrechten aus der Insolvenzmasse ausgezahlt werden, müssen andere Forderungen wie ausstehende Mitarbeitergehälter oder Mietzahlungen abgegolten sein.

Ich habe meine Genussrechte behalten. Was muss ich tun?

Durch die Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens bleibt Anlegern zunächst nur eins: abwarten. Vorerst brauchen sie ihre Forderungen noch nicht anzumelden. Dies wäre unwirksam. Erst nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können die Forderungen angemeldet werden. Der Insolvenzverwalter hat angekündigt, die Genussrechteinhaber über das weitere Vorgehen zu informieren. Eine Kündigung zum jetzigen Zeitpunkt dürfte keine Auswirkungen mehr haben.

Ich habe meine Genussrechte schon gekündigt. Bekomme ich mein Geld?

Das Unternehmen wird auch die gekündigten Genussrechte zunächst nicht auszahlen. Laut Prokon werden diese gleichrangig zu den nicht gekündigten Genussrechten im Falle der Insolvenz behandelt. Somit werden die Anleger nicht früher aus der Insolvenzmasse bedient, nur weil sie gekündigt haben. Verbraucherschützer sehen dies genauso.

Kann ich mich juristisch wehren?

Mahnbescheide oder eine per Klage erwirkte Zwangsvollstreckung sind fast aussichtslos. Der Insolvenzverwalter hat das Recht, solche Zwangsvollstreckungen größtenteils zu untersagen. Eine Möglichkeit, sich eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen, ist eine Klage zur Beseitigung des Nachrangs der Genussrechte. Im Erfolgsfall würde der Kläger vor den anderen Genussrechteinhabern und gleichrangig mit anderen Gläubigern entschädigt. Die Erfolgsaussichten sind laut Verbraucherschützern aber unsicher. Bei einer Niederlage müsste der Kläger dann auch noch Anwalts- und Gerichtskosten tragen.

Wann kann ich damit rechnen, mein Geld zurück zu bekommen?

Durch das vorläufige Insolvenzverfahren genießt das insolvente Unternehmen besonderen rechtlichen Schutz. Sollte es zum eigentlichen Insolvenzverfahren kommen, kann dieses Jahre dauern. Bis die Gläubiger Geld sehen, müssen sie also wahrscheinlich lange warten.

Kann ich Prokon mit mehr Geld helfen?

Nein, der Insolvenzverwalter hat klar gemacht, dass derzeit keine neuen Genussrechte gezeichnet werden können. Er bat darum, keine Zahlungen mehr auf Prokon-Konten vorzunehmen.

Bekomme ich weiterhin Strom von Prokon?

Die Stromkunden haben wenig zu befürchten. Der Insolvenzverwalter hat mitgeteilt, dass der Geschäftsbetrieb von Prokon vollständig fortgeführt wird. Zudem würden Kunden in die sogenannte Ersatzversorgung fallen, wenn Prokon keinen Strom mehr liefern könnte. Dann würde der örtliche Stromerzeuger die Versorgung übernehmen. Sollte das Insolvenzverfahren eröffnet werden, könnten Kunden dann zu viel gezahlte Monatsabschläge anmelden und würden aus der Insolvenzmasse, soweit möglich, entschädigt.

Was macht ein vorläufiger Insolvenzverwalter?

Stellt ein Unternehmen Insolvenzantrag, übernimmt wie im Fall von Prokon meistens ein vorläufiger Insolvenzverwalter das Ruder. Die Geschäftsführung wird entmachtet. Während dieses „vorläufigen Insolvenzverfahrens“, also dem Zeitraum zwischen Antrag auf Insolvenz und Insolvenzeröffnung, wird von einem vom Gericht bestimmten Sachverständigen geprüft, ob tatsächlich ein Insolvenzgrund vorliegt. Dieser Experte ist oft zugleich der vorläufige Insolvenzverwalter. Er muss laut Insolvenzordnung prüfen, ob Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung vorliegt.

Was bedeutet Eigenverwaltung?

Das Insolvenzverfahren kann aber auch in Eigenverwaltung ablaufen. Die Geschäftsführung bleibt dann im Amt, der bestellte Insolvenzverwalter tritt nur als beratender Sachwalter auf. Unter dessen Aufsicht kann die Geschäftsführung einen Sanierungsplan ausarbeiten. Ist die Sanierung nicht erfolgreich, wird das Insolvenzverfahren nach den üblichen Regeln fortgesetzt.

Was ist ein Schutzschirmverfahren?

Seit März 2012 ist auch ein sogenanntes Schutzschirmverfahren möglich. Dabei wird die Eigenverwaltung mit einem Vollstreckungsstopp kombiniert: Gläubiger können ihre Forderungen an das insolvente Unternehmen maximal drei Monate lang nicht durchsetzen.

Sollten sich die Prokon-Gläubiger am 2. Juli weder für die Genossenschaft noch für den Verkauf entscheiden, werde Prokon zerschlagen, erklärte der Insolvenzverwalter. Dann sänke die Insolvenzquote auf rund 48,5 Prozent. Das Unternehmen hatte bei Anlegern mit der Ausgabe von Genussrechten rund 1,4 Milliarden Euro eingesammelt und mit Renditen von mehr als sechs Prozent gelockt. Als zu viele Anleger ihre Anteile zurückgeben wollten, geriet Prokon jedoch in Schieflage, weil ein Teil der künftig erwarteten Gewinne vorab ausgeschüttet worden war.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×