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05.05.2017

20:02 Uhr

Wolfgang Reitzle

Linde-Aufsichtsratschef umwirbt Gegner der Praxair-Fusion

Im April gab es europaweite Demonstrationen von Linde-Mitarbeiter gegen die geplante Fusion mit Praxair. Linde-Aufsichtsratschef Reitzle will die Fusion aber unbedingt durchbringen – und will jetzt beschwichtigen.

Der Aufsichtsratschef von Linde will die Fusion mit Praxair unbedingt durchbringen – wenn nötig auch mit seinem Doppelstimmrecht. dpa

Wolfgang Reitzle

Der Aufsichtsratschef von Linde will die Fusion mit Praxair unbedingt durchbringen – wenn nötig auch mit seinem Doppelstimmrecht.

MünchenLinde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle versucht im Streit über die geplante Fusion des Gasekonzerns mit dem US-Rivalen Praxair die Wogen zu glätten. „Der Deal ist für die Aktionäre extrem gut, und die Arbeitnehmer bekommen eine Beschäftigungssicherung für fünf Jahre“, sagte Reitzle der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstagausgabe) laut Vorabmeldung vom Freitag. Der Manager, der mit dem Zusammenschluss den weltgrößten Industriegasekonzern schaffen will, war dafür zuletzt ins Kreuzfeuer von Arbeitnehmern und Aktionären geraten.

Die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat kann Reitzle allerdings bisher nicht auf seine Seite ziehen. „Wir werden dem Deal nach wie vor nicht zustimmen“, sagte Aufsichtsratsmitglied und Linde-Betriebsrat Gernot Hahl der Nachrichtenagentur Reuters am Freitagabend. „Wir sehen hier keine Veränderung.“

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Beschäftigte und Gewerkschaften fürchten um Arbeitsplätze und Mitbestimmungsrechte, wenn Reitzle die 60 Milliarden Euro schwere Transaktion durchsetzt. Die Aktionärsvereinigung DSW befürchtet eine Benachteiligung deutscher Anleger, wenn wie geplant der Konzernsitz ins Ausland und die operative Führung in die USA verlegt werden. Auf der Hauptversammlung am kommenden Mittwoch in München muss sich das Management der Kritik der Aktionäre stellen, die nach Lindes Auffassung nicht über den Plan abstimmen dürfen.

Linde-Chefaufseher: Keine Ermittlungen gegen Reitzle

Linde-Chefaufseher

Keine Ermittlungen gegen Reitzle

Die Staatsanwaltschaft München wird kein Ermittlungsverfahren wegen Insiderhandels gegen Wolfgang Reitzle einleiten. Der Chefaufseher von Linde kann sich nun auf die anstehende Hauptversammlung konzentrieren.

Ende April protestierten Tausende Linde-Mitarbeiter gegen die Fusion. Vor einem Monat hatte Reitzle Öl ins Feuer gegossen, als er ankündigte, den Plan im paritätisch besetzten Aufsichtsrat mit seinem Doppelstimmrecht notfalls auch gegen den geschlossenen Widerstand der Arbeitnehmervertreter durchzuboxen. „Ja, ich bin gewillt, das zu tun“, sagte Reitzle der von vielen internationalen Investoren gelesenen „Financial Times“.

Den vornehmlich deutschen Lesern der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte Reitzle nun: „Natürlich wäre es mir lieber, die Zweitstimme vermeiden zu können.“ Er sei auch „für die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben“, fügte Reitzle hinzu. In einem fusionierten Konzern soll der 68-Jährige den Posten des Verwaltungsratschefs übernehmen, der gewöhnlich mächtiger ist als ein Aufsichtsratschef in deutschen Unternehmen.

Von

rtr

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