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18.12.2015

17:53 Uhr

Zeche Auguste Victoria schließt

Das Ende des Kohle-Zeitalters

VonFranz Hubik

Schicht im Schacht: Das Steinkohlebergwerk Auguste Victoria in Marl wird dichtgemacht. Bald folgen auch die letzten beiden verbliebenen Zechen in Deutschland. Denn der Klimakiller Kohle ist ein Auslaufmodell.

Für die Bergleute war es am Freitag die letzte Schicht. ap

Die letzte Kohle aus der Zeche Auguste Victoria

Für die Bergleute war es am Freitag die letzte Schicht.

MarlDeutschlands Steinkohle stirbt. Doch Ralf Zander will es immer noch nicht so recht glauben. Erst als er sieht wie seine Kumpel, das letzte Gefäß mit Kohle aus der tausend Meter tief hinabragenden Zeche Auguste Victoria ans Tageslicht fördern, realisiert der 46-jährige Bergmann, dass sein Beruf nicht mehr gebraucht wird. „Da trifft einen die Realität urplötzlich voll ins Gesicht“, sagt Zander. Seit 1986 arbeitet er unter Tage. Er ist hier ein Urgestein. Zander ist in Marl geboren und aufgewachsen. Ein typisches Kind des Ruhrgebiets: breite Schultern, große Klappe. Schroff und herzlich zugleich.

Wie dutzende seiner Kollegen wollte er am Freitag Abschied nehmen. Zum letzten Mal läutete auf der Auguste Victoria die Glocke, die den Bergleuten den Schichtwechsel signalisiert. Nach 116 Jahren wurde damit eines der letzten Steinkohlebergwerke Deutschlands offiziell geschlossen. Schicht im Schacht. Übrig bleiben hierzulande nur noch die Zechen in Ibbenbüren am Rande des Münsterlandes und in Bottrop. Doch auch dort ist Ende 2018 Schluss.

Kohle ist ein Auslaufmodell. Die Klimabilanz des Rohstoffs ist miserabel. Wegen des schlechten Brennwerts setzt die Verfeuerung von Kohle der Erdatmosphäre massiv zu. Zudem rechnet sich Bergbau in Deutschland schlichtweg nicht mehr. In tausend Meter Tiefe nach Kohle zu buddeln, ergibt selbst mit Subventionen keinen Sinn, wenn zeitgleich etwa in Australien riesige Schaufelradbagger den Rohstoff im Tagebau gewinnen können. Bereits 2007 hat der Bundestag deshalb das Aus für Deutschlands Zechen beschlossen. 2018 endet der subventionierte Bergbau in Deutschland endgültig.

Wurden 1995 noch 53 Millionen Tonnen Steinkohle in Deutschland gefördert, sind es heute weniger als acht Millionen Tonnen. Das entspricht in etwa 14 Prozent des deutschen Steinkohle-Verbrauchs. Der Rest wird günstig aus aller Welt importiert. Einst haben mehr als 600.000 Menschen ihr Geld mit dem schwarzen Gold in der Bundesrepublik verdient. Heute sind es nur noch knapp 10.000. Auch in Großbritannien schloss am Freitag das letzte Kohlebergwerk.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

„Keiner fällt ins Bergfreie“, rief Hannelore Kraft den verbliebenden Bergmännern am Freitag bei der Zechenschließung in Marl zu. Die Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens betonte: „Wir werden das Ruhrgebiet nicht im Stich lassen.“ Die Kumpel sind gut abgesichert. All jene, die unter Tage gearbeitet haben, gehen mit 50 quasi in den Vorruhestand und machen nur mehr Kurzarbeit. Wer das Rentenalter noch nicht erreicht hat, wird umgeschult. Kraft verwies darauf, dass das Know-how der Bergleute auch bei der Energiewende gefragt sei – etwa bei Pumpspeicherkraftwerken. Dennoch ist das Aus für den Bergbau ein harter Schlag für die Region.

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