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22.08.2013

12:17 Uhr

Zwist unter Aufsichtsräten

Konflikt um Stellenabbau bei Salzgitter

Die Lage ist brisant: Der Aufsichtsratschef von Salzgitter sieht das Werk in Peine „in seiner Existenz bedroht“. Großaktionär Niedersachsen ist gegen eine Schließung, auch die Gewerkschaft kündigt Widerstand an.

Zwei Mitarbeiter der Salzgitter Tochtergesellschaft Peiner Träger GmbH. Das Werk in Peine gilt als Sorgenkind des Konzerns. dpa

Zwei Mitarbeiter der Salzgitter Tochtergesellschaft Peiner Träger GmbH. Das Werk in Peine gilt als Sorgenkind des Konzerns.

FrankfurtDer Aufsichtsratschef von Salzgitter will den Stahlkonzern umkrempeln. „Die Wege von der Ofenbühne zum Spitzenmanagement müssen kürzer werden und die Produktion flexibler“, sagte Rainer Thieme der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Die Lage sei brisant und man müsse gegensteuern.

Das Werk in Peine sieht Thieme „in seiner Existenz bedroht“. Peine dürfe nicht den gesamten Konzern in Gefahr bringen. Am Standort Peine arbeiten weniger als fünf Prozent der Konzernbelegschaft - aber das Stahlträgerwerk sorgte zuletzt für mehr als die Hälfte der Verluste im laufenden Geschäft. Die Tochter wird nun immer mehr zur entscheidenden Zukunftsfrage. Management und Belegschaftsvertreter arbeiten derzeit hart an einem Sanierungskonzept. „Nur wenn sich hier etwas bewegt, möchte ich heute die schlimmstmögliche Entscheidung ausschließen“, ergänzte Thieme.

Salzgitter hatte in der vergangenen Woche den Abbau von mehr als 1500 Stellen angekündigt, nachdem der Konzern Anfang August seine Geschäftsprognose erneut gesenkt hatte. Nun rechnet das Unternehmen für das laufende Jahr mit einem Vorsteuerverlust von 400 Millionen Euro. Auf der Suche nach Lösungen für den kriselnden Stahlhersteller deutet sich im Aufsichtsrat nun ein handfester Konflikt zwischen Kapital- und Arbeitnehmerseite an.

Die größten Stahlhersteller der Welt

Platz 1: Arcelor-Mittal

Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her.

Quelle: World Steel Association

Platz 2: Hesteel Group

Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.

Platz 3: Nippon Steel & Sumitomo Metal

Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.

Platz 4: Posco

Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.

Platz 5: Baosteel Group

Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.

Platz 16: Thyssen-Krupp

Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Inzwischen hat sich das Land Niedersachsen gegen eine schärfere Gangart bei der Sanierung Salzgitters ausgesprochen. Das Land ist mit 26,5 Prozent größter Einzelaktionär des Konzerns und hat eine entscheidende Machtposition. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte vergangene Woche, dass der Standort Peine nicht zur Debatte stehe.

Details im Jobabbau sollen Ende September festgezurrt werden, wenn der Aufsichtsrat die Sparpläne berät. Die IG Metall, deren Vorstand Hans-Jürgen Urban Vize-Aufsichtsratschef ist, wies das Sparziel von gut 1500 Stellen bereits als „spekulativ und überflüssig“ zurück. Betriebsbedingte Kündigungen dürfe es auf keinen Fall geben und konzernweit müssten tragfähige, nachhaltige Perspektiven her.

Aufsichtsratschef Thieme sieht Fehler in der Konzernführung, die in den guten Zeiten der vergangenen Jahre die Hausaufgaben nicht gemacht und Vorsorgen verpasst hätte. „In dieser guten Zeit hätten wir uns noch stärker auf Schlechtwetter vorbereiten sollen.“ Eigene Versäumnisse sieht der Chefkontrolleur aber nicht. „Die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte zu sichern, ist Aufgabe des Vorstands.“

Das Problem sei nicht nur die Schwäche des Stahlmarktes, „sondern auch die Verschachtelung und der mangelhafte Informationsfluss im Konzern“. Niedersachsens Finanzminister Peter-Jürgen Schneider sagte, er rechne damit, dass sich der Aufsichtsrat am 26. September mit dem Sanierungsplan befassen werde. Eine Woche vorher solle der Haushaltsausschuss des Landtags über die geplanten Einschnitte unterrichtet werden.

Von

rtr

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