Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2014

13:54 Uhr

Energiekonzern

Total steigt im Fracking-Geschäft ein

Total macht beim Fracking-Geschäft in Großbritannien mit. Die umstrittene Methode zur Förderung von Schiefergas ist auf der Insel erlaubt. Gegner kritisierten das Energieunternehmen, aber auch die britische Regierung.

Ein Öltank des französischen Energieriesen Total. Das Unternehmen will in Großbritannien auf dem Fracking-Markt mitmischen. Reuters

Ein Öltank des französischen Energieriesen Total. Das Unternehmen will in Großbritannien auf dem Fracking-Markt mitmischen.

Der französische Energiekonzern Total steigt in Großbritannien ins umstrittene Fracking-Geschäft ein. Das Unternehmen habe einen Anteil von 40 Prozent an zwei Förderlizenzen für Schiefergas erworben, teilte Total am Montag in Paris mit. Die Lizenzen beziehen sich demnach auf ein Gebiet von 240 Quadratkilometern im Zentrum von England. An den Projekten sind neben Total auch eine Firma aus Singapur sowie drei britische Unternehmen beteiligt

Total ist nach dem Gaskonzern GDF Suez das zweite französische Unternehmen, das in Großbritannien Schiefergas fördern will. In Frankreich ist Fracking verboten. Bei dieser Methode wird unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Chemikalien und Chemie in den Boden gepresst, um Gestein aufzuspalten und das darin enthaltene Erdgas zu fördern.

Anders als Paris will die britische Regierung Fracking gezielt fördern. Künftig würden Gemeinden, auf deren Gebiet Fracking betrieben werde, sämtliche von den Förderunternehmen gezahlten Steuern erhalten, kündigte Premierminister David Cameron am Montag an. Bislang erhalten die Kommunen 50 Prozent der Steuereinnahmen. Cameron erklärte, die Schiefergasförderung bringe Großbritannien zusätzliche Arbeitsplätze und „wirtschaftliche Sicherheit“.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace warf Cameron vor, er wolle die Kommunen mit Geld dazu bringen, die Risiken des Frackings zu ignorieren. Die Gruppe Friends of the Earth nannte es „ironisch“, dass eine französische Firma in Großbritannien die in Frankreich verbotene Fördermethode anwenden wolle.

In Deutschland gibt es bislang auf Bundesebene keine gesetzliche Regelung zum Fracking. Im vergangenen Sommer wurde ein Gesetzesvorhaben zur Förderung von Schiefergas vorerst auf Eis gelegt. Der Text sah vor, Fracking zwar grundsätzlich zu erlauben, aber sehr strenge Auflagen für die Förderung zu machen.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

@Inoxis63

13.01.2014, 14:13 Uhr

Tja Leute.

Ihr habt soeben einen Kunden weniger.

Tanken kann man gottlob auch woanders.

HofmannM

13.01.2014, 14:49 Uhr

Sehr vernünftig von Total und auch England ist das Frackinggeschäft einzusteigen!

Account gelöscht!

13.01.2014, 15:21 Uhr

Alternative 1): Ja zu Fracking -> billiges Gas -> gut laufende Wirtschaft -> geringe Arbeitslosigkeit -> mehr Geld zum Verteilen -> mehr Geld für Umweltschutz und Soziales

Alternative 2): Nein zu Fracking, Kernkraft, Gentechnik etc. -> teure Energie, weniger Forschung -> schlechter werdende Wirtschaftskraft -> höher werdende Arbeitslosigkeit -> weniger Geld für Soziales und Umweltschutz

Ist ja auch in Ordnung. Momentan geht es uns Deutschen sehr gut im Vergleich zu anderen Ländern in Europa. Da wird man halt fett, träge und hat vor allen möglichen Sachen Angst. Bald sind die anderen Ländern mal dran, auf der Sonnenseite zu sitzen....

Klar hat Fracking auch Risken. Aber Fracking abzulehnen ist noch riskanter. Es wird zu oft übersehen, dass wir uns im harten Wettbewerb befinden. Und mittlerweile sollte jeder erkannt haben, dass Solar- und Windindustrie trotz gigantischer Subventionen mehr Pleiten als Arbeitsplätze schaffen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×