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29.03.2016

10:30 Uhr

ERIN CALLAN MONTELLA

Eine verletzte Seele

VonFrank Wiebe

Die Ex-Finanzchefin von Lehman Brothers blickt in einem Buch ohne Selbstmitleid zurück. Ihr Werk ist eine persönliche Sicht auf die Finanzkrise. Der Star der Wall Street sucht Frieden in der Familie.

Erin Callan Montella hatte sich seit Mitte der neunziger Jahre bei Lehman Brothers nach oben gearbeitet, dort konnte sie sich aber gerade einmal sechs Monate halten.

Full Circle

Erin Callan Montella hatte sich seit Mitte der neunziger Jahre bei Lehman Brothers nach oben gearbeitet, dort konnte sie sich aber gerade einmal sechs Monate halten.

New YorkFrauen sind in der Finanzwelt der Wall Street ohnehin eine Seltenheit. Noch seltener sind Frauen, die schonungslose Einblicke in das Leben in den Topetagen geben. Erin Callan Montella hat genau das getan. "Full Circle" heißt das Buch, in dem die heute 50-Jährige zurückblickt - auch auf ihre Zeit als Finanzchefin der Investmentbank Lehman Brothers. Die einstige Vorzeigefrau der Wall Street, ein Liebling der Finanzpresse, hatte sich seit Mitte der neunziger Jahre in der Bank nach oben gearbeitet, dort konnte sie sich aber gerade einmal sechs Monate halten. 2008, kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman, wurde sie als Finanzchefin abgesägt.

Karrieren nach Lehman

Vom Lehman-Direktor...

Lawrence McDonald geriet mitten in die Turbulenzen der Finanzkrise: Er leitete der Investmentbank Lehman Brothers den Handel mit Wandelanleihen und ausfallgefährdeten Firmenpapieren. Den Untergang der Traditionsbank erlebte er hautnah mit.

...zum Buchautor

Der erfahrene Anleihehändler schrieb dann ein Buch, in dem er Einblicke in den Zusammenbruch von Lehman Brothers gab. „A Colossal Failure of Common Sense: The Inside Story of the Collapse of Lehman Brothers“ stürmte schon in den ersten Verkaufstagen die Bestsellerlisten in den USA.

Dank des Insiderberichts über die Hintergründe für den Niedergang von Lehman erlangte McDonald einen Ruf als Risiko-Experte und wurde zum gefragten Gastredner und Kolumnisten. So schreibt er etwa für die „Huffington Post“ oder tritt bei den Sendern CNBC und Bloomberg als Kommentator auf.

Vom Hedgefonds-Manager...

„Ein Hedgefonds ist wie ein Investmentfonds auf Steroide“, meint Ben Shoval. Der junge Amerikaner steuerte 2008 einen mehr als 200 Millionen Dollar schweren Hedgefonds.

...zum Comedian

Die Idee zu seiner Zweitkarriere kam Ben Shoval auf einer Hedgefonds-Konferenz in Monaco. Dort torpedierten ihn zwei ältere Teilnehmer mit Fragen. Die beiden hätten ihn an die Griesgrame Waldorf und Statler aus der Muppet-Show erinnert, sagte er. Aus dem unterdrückten Drang heraus, den beiden mit Witz zu antworten, entwickelte der Hedgefonds-Manager die Idee zu einer Comedy-Show.

So tingelte Shoval inmitten der Hochphase der Finanzkrise durch die Clubs am New Yorker Broadway und witzelte: „Chrysler hat angekündigt, dass es keine Leasingverträge für seine Autos mehr anbietet. Das ist furchtbar. Millionen Amerikaner verlieren ihre Häuser, und jetzt haben sie nicht einmal mehr ein Auto, in dem sie schlafen können.“

Vom Wertpapierhändler...

Thomas Brauße wickelte als Leiter der Wertpapierabwicklung einer Handelsplattform Aktien-Deals in Millionenhöhe ab. Im Dezember 2008 war dann Schluss für die Frankfurter Niederlassung. Brauße wurde arbeitslos. Nach der Kündigung fiel er in ein tiefes Loch und hatte mit Existenzängsten zu kämpfen.

„Ich habe immer auf einem guten Niveau Geld verdient, da ist es nicht so leicht, mit einem anderen Job dieselbe Summe rauszuschlagen“, berichtet der zweifache Vater. Angebote aus der Bankbranche habe er nach der Kündigung bekommen, aber abgelehnt, weil das Gehalt nicht stimmte.

...zum Currywurst-Brater

Doch Brauße ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte schon lange den Traum von einer eigenen Imbissbude. Drei Monate vergingen nach der Kündigung, bis er endlich seine Geschäftsidee in Angriff nehmen konnte. Im Internet ersteigerte er einen ausrangierten Linienbus und baute ihn um. Ein Freund aus der Gastronomie gab ihm Tipps.

Heute ist die Schlange im Vorraum der Imbissbude gut zehn Meter lang. Geschäftsleute stehen neben Bauarbeitern und warten, bis sie an der Reihe sind. Hinter der Theke nimmt Brauße die Bestellungen auf und kassiert ab. Der Schweiß perlt ihm über die Glatze, am Grill ist es heiß wie in einer Sauna. Seit fünf Jahren betreibt der 48-Jährige nun erfolgreich die „Frankfurter Worscht Börse“, die direkt am Messeturm steht – gleich neben den Wolkenkratzern, in denen er einst arbeitete.

Ohne Selbstmitleid, ohne sich selbst zu schonen und ohne die Verantwortung abzuwälzen, schildert sie nun ihr Leben, zum Beispiel, wie Lehman-Chef Richard "Dick" Fuld sie damals gefeuert und sich mehr als sechs Jahre später genau dafür entschuldigt hat. Das Buch zeigt, wie wenig sie sich durchsetzen konnte. Anders als ihr Vorgänger bestand sie zwar darauf, als Finanzchefin im alles entscheidenden Executive Committee der Bank vertreten zu sein. Doch von den wichtigen Männern dort wurde sie nicht wirklich ernst genommen und zugleich im entscheidenden Moment im Stich gelassen.

Sie erzählt, wie Fuld ihre Warnungen in den Wind schlug, dass die Investoren den Glauben an die Bank verlieren - was sich später als berechtigt herausstellen sollte. Sie drängte darauf, die hochverschuldete, mit riskanten Anlagen belastete Bilanz der Bank umzustrukturieren. Vergeblich. Ihr erstes Quartalsergebnis präsentierte sie allein. Die Investoren fühlten sich hinterher getäuscht. Sie warfen ihr vor, die Lage geschönt zu haben, sie bekam die Verantwortung für die Schieflage der Bilanz zugeschoben, auf die sie in den wenigen Monaten ihrer Amtszeit kaum Einfluss nehmen konnte.

Ihre Rolle als Finanzvorständin hat sie überfordert. Sie kam aus dem Kundengeschäft, hatte Kontakt zu den bekanntesten Hedgefonds-Managern Amerikas. Sie war Expertin für komplizierte Produkte und verbrachte den größten Teil ihres Berufslebens auf Reisen. Als sie Finanzchefin wurde, fehlten ihr der fachliche Hintergrund und der Einblick in die Interna der Bank. Stattdessen war sie das Gesicht, das Fuld den Investoren zeigen wollte. Als sie in der Rolle verbraucht war, habe er sie zum Rücktritt gezwungen.

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