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07.08.2014

21:06 Uhr

Essen im Büro

„Das Gehirn braucht keine Süßigkeiten“

VonLisa Hegemann

Essen im Büro fördert die Teambildung. Im Interview erklärt Ernährungswissenschaftlerin Ines Heindl, warum Essen auch bei der Mitarbeitersuche hilft und wann „All you can eat“ in der Kantine sinnvoll sein kann.

Ob in der Mensa oder in der Kantine – Gemeinschaftsverpflegung ist sinnvoll, weil es die Teambildung fördert. dpa

Ob in der Mensa oder in der Kantine – Gemeinschaftsverpflegung ist sinnvoll, weil es die Teambildung fördert.

Der Terminplan ist voll, der nächste Kunde wartet: Da muss es beim Mittagessen schnell gehen. Ernährungswissenschaftlerin Ines Heindl hält diese Einstellung zum Essen in Betrieben für falsch. Sie forscht und schreibt seit Jahren über Essenskultur und gute Ernährung. Im Interview mit Handelsblatt Online erklärt die Professorin der Uni Flensburg, welches Mittagessen die Produktivität steigert, worauf Betriebe in ihren Kantinen achten sollten und warum auch ein Restaurant außerhalb des Firmenstandorts wichtig ist.

Frau Heindl, während in anderen Ländern mittags ausgiebig gegessen wird, reicht es in deutschen Büros oft nur für ein Käsebrötchen über der Tastatur. Aber was soll daran falsch sein – schließlich bleibt so mehr Zeit zum Arbeiten?
Büroarbeiter sind geistige Hochleistungssportler. Sie sollten sich auch so ernähren. Aber das, was wir essen, ist meist nicht das, was der Körper und vor allem der Kopf für diese Art von Hochleistungssport brauchen.

Ernährungswissenschaftlerin Ines Heindl ist Professorin an der Uni Flensburg. Screenshot

Ernährungswissenschaftlerin Ines Heindl ist Professorin an der Uni Flensburg.

Wer hat Schuld, dass Mitarbeiter sich am Arbeitsplatz nicht richtig ernähren – die Mitarbeiter selbst oder die Unternehmen?
Beide. Wer in einem Betrieb oder im Büro arbeitet, verzichtet nicht böswillig auf die Mittagspause. Vielen ist einfach nicht bewusst, wie wichtig das Essen ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Eine Falle, in die viele Büroarbeiter – und besonders Frauen – gerne tappen: Wenn das Gehirn durch Stress am Arbeitsplatz Glukose, also Traubenzucker, fordert, greifen sie zu Süßigkeiten. Die meisten haben sogar immer einen Vorrat in der Schublade liegen.

Und warum ist daran auch das Unternehmen mit Schuld?
Wenn ich ein persönliches Beispiel aus der Uni erzählen darf: Wenn ich hier gucke, wo ich etwas zu essen bekomme, und was ich zuerst präsentiert bekomme, dann sind das Süßigkeiten, zum Beispiel in der Cafeteria. Das ist auch in vielen Unternehmen so. Und eins ist sicher: Mein Gehirn braucht keine Süßigkeiten.

Neun Trends für das Essen der Zukunft

Functional Food

Gesünder, schöner, leistungsfähiger - diese drei Attribute beschreiben, was Functional Food die Menschen machen soll. Es gebe einen ganz klaren Trend zu mehr Ergänzungsmitteln, sagt der Trendforscher Sven Gabor Janszky aus Leipzig. Er geht davon aus, dass es in ein paar Jahren zum Beispiel Joghurt geben wird, der verspricht, für die nächsten paar Stunden leistungsfähiger zu machen. Und Drinks, die versprechen, kreativer zu machen. Energydrinks oder Anti-Aging-Drinks sind Beispiele für Functional Food, die es schon heute gibt.

Elektronische Assistenzsysteme

In Zukunft könnten Smartphone, Tablet und andere elektronische Geräte Auskunft darüber geben, was der Nutzer essen sollte. Sie messen, was dem Körper fehlt, und geben Tipps, mit welchen Lebensmitteln das Manko ausgeglichen werden kann, beschreibt der Trendforscher Sven Gabor Janszky. Und er geht noch weiter: Künftig hat vielleicht auch der Herd etwas zu sagen. Er kann zum Beispiel Hinweise darauf geben, was der erwartete Besuch gerne mag - wenn dieser vorab über eine entsprechende Software seine Essensvorlieben vermerkt hat.

Smooth Food

Die demografische Entwicklung verstärkt den Trend zum Smooth Food - Essen, das auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt ist. Sie hätten andere Ansprüche, sagt Christian Schindler, der sich mit diesen Szenarien beschäftigt. Die Geschmacksknospen nähmen im Alter ab, es werde gerne mehr Salz gegessen, die Gerichte müssten kaubar sein. Bei Smooth Food werden Lebensmittel durch Schneiden, Mixen, Pürieren, Passieren oder Aufschäumen in eine geschmeidige Konsistenz gebracht, beschreibt der Buchautor Herbert Thill auf seiner Webseite.

Aquaponics Farming

Das Aquaponic Farming produziert gleichzeitig Fisch und Gemüse in einem geschlossenen Gewächshaus. Das Wort setzt sich zusammen aus Aquakultur (Fischproduktion) und Hydroponic (Pflanzenproduktion in Nährlösungen ohne Boden). Man mache sich dabei die Tatsache zunutze, dass Fische und Pflanzen ganz ähnliche Umweltbedürfnisse für ihr Wachstum haben, so das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), das ein Verfahren zum Aquaponic Farming entwickelt hat.

Urban Gardening

Immer mehr Menschen in der Stadt bauen in Zukunft wieder selber an, glaubt Szenarienentwickler Christian Schindler. Schon jetzt mieten einige Städter eine Parzelle, wo sie ihre eigenen Karotten, Kohlköpfe und Co. züchten können. Das Urban Gardening gibt es auch als Gemeinschaftsprojekte, in denen brachliegende Flächen in der Stadt in Gärten umgewandelt werden. Ein Beispiel ist der Prinzessinnengarten mitten in Berlin-Kreuzberg. Das dort produzierte Gemüse geht entweder direkt in die Küche des Gartencafés oder die Besucher können es selber ernten und kaufen.

Exotisches

Was exotisch ist, das liegt wohl auch in Zukunft im Auge des Betrachters. Trendforscher Sven Gabor Janszky nimmt an, dass Gerichte aus der Ferne hierzulande zunehmen. Grund dafür sei die Globalisierung mit ihren weltumspannenden Netzwerken für die Produktion und den Transport von Lebensmittel. Außerdem gebe es immer mehr Informationen und größere Transparenz darüber, was eigentlich andernorts gegessen werde. Ein Vorschlag vom virtuellen Einkaufszettel könne künftig einen Impuls dafür geben, etwas zu probieren, das bis dahin noch unbekannt war, erklärt Janszky.

Reuse (Wiederverwendung)

Das Wegschmeißen von Lebensmitteln sei ein hochemotionales Thema, sagt Hanni Rützler, Autorin des „Foodreports 2014“. Deshalb verstärke sich auch das Bestreben, weniger Nahrung in den Müll zu werfen. Auf Internetplattformen können sich Verbraucher schon regional kurzschließen, welche Lebensmittel sie zum Beispiel abgeben wollen, weil sie spontan verreisen. Ein Beispiel dafür ist „Reusemarkeptlace.org“ aus Amerika. Und auf „culinarymisfits.de“ handeln Berliner mit Gemüse, das wegen seiner Form aus den Handelsklassen herausfällt.

Flexitarier

„Das ist ein neuer Esstyp, der nicht prinzipiell auf Fleisch verzichtet“, erklärt Autorin Hanni Rützler. Aber der Fleisch nicht mehr um jeden Preis konsumieren möchte. Flexitarier essen also insgesamt weniger Fleisch und wenn, dann muss es qualitativ hochwertig sein, beschreibt die Ernährungswissenschaftlerin.

Verpackungsdesign

In Zukunft werde auch das Design von Lebensmittelverpackungen eine noch größere Rolle spielen, sagt Szenarienentwickler Christian Schindler. Insbesondere die Lebensmittelindustrie habe großes Interesse daran. Denn über das Produktdesign werde ein bestimmtes Image transportiert. Eine gutes Design könne dazu beitragen, das Produkt teurer zu verkaufen. Schon heute widmen sich Blogs wie „The Dieline“ nur dem Thema Produktdesign. Verbraucherzentralen bemängeln regelmäßig die Verpackungen von Lebensmitteln, weil sie die Käufer täuschen können. Die Webseite „lebensmittelklarheit.de“ berichtet über irreführende Aufmachungen und Aussagen.

Sondern?
Es braucht gleichmäßig Kohlenhydrate. Wenn ich Süßigkeiten esse, dann ist mein Körper zwar kurzfristig produktiv, aber wenn der Zuckerspiegel wieder abfällt, werde ich müde.

Sollte das Unternehmen demnach lieber Automaten mit Kartoffel-Snacks aufstellen statt Schokoladenmaschinen?
Nein, ganz sicher nicht. Zuallererst sollten wir Getränke finden, die Wasser liefern und keine Aufputsch- und Süßigkeitenbomben. Und dann, wie wäre es mit Innovationen in Richtung appetitlich belegten Broten, Brötchen? Wenn es bald 3-D-Pizzen und ähnliches aus Automaten gibt, ist das sicher leicht zu lösen? Wobei Essen aus Automaten ganz sicher nur eine Notlösung sind.

Kommentare (1)

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Herr Andreas Kettler

08.08.2014, 11:54 Uhr

food rocks!

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