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16.11.2014

09:57 Uhr

Ex-Karstadt-Manager

Middelhoffs Anwalt will in Revision gehen

Der aufsehenerregende Fall Middelhoff könnte nun vor dem Bundesgerichtshof verhandelt werden. Am Freitag hatte das Landgericht Essen den früheren Chef der Karstadt-Mutter Arcandor zu drei Jahren Haft verurteilt.

Die Anwälte von Thomas Middelhoff (Mitte): Winfried Holtermüller (rechts) and Udo Wackernagel (links). Einer der beiden, Holtermüller, kündigte eine Revision gegen das Urteil für Middelhoff an. Reuters

Die Anwälte von Thomas Middelhoff (Mitte): Winfried Holtermüller (rechts) and Udo Wackernagel (links). Einer der beiden, Holtermüller, kündigte eine Revision gegen das Urteil für Middelhoff an.

Der Anwalt des zu drei Jahren Haft verurteilten Ex-Arcandor-Chefs Thomas Middelhoff will Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Essener Landgerichts einlegen. „Wir werden in Revision gehen“, sagte Winfried Holtermüller der „Bild am Sonntag“.

Der Fall könnte somit vor dem Bundesgerichtshof (BGH) verhandelt werden. Das Essener Gericht hatte den früheren Konzernchef am Freitag in 27 Fällen von Untreue und in drei Fällen von Steuerhinterziehung für schuldig befunden. Middelhoffs Anwalt hatte auf Freispruch plädiert.

In dem Strafverfahren ging es um diverse Flüge sowie eine Festschrift für Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner, die der ehemalige Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende des insolventen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor teils über die Firma abgerechnet hatte.

Der Middelhoff-Prozess von A bis Z Teil I

A wie Arcandor

Die Pleite des Arcandor-Konzerns (Karstadt, Quelle, Thomas Cook) im Jahr 2009 war einer der spektakulärsten Firmenzusammenbrüche der Nachkriegszeit. Thomas Middelhoff leitete das Unternehmen bis wenige Monate vor dessen Ende. Im Essener Prozess ging es aber nicht um die Pleite selbst, sondern „nur“ um den Verdacht, dass der Manager Arcandor Kosten in Höhe von 1,1 Millionen Euro zu Unrecht in Rechnung gestellt haben soll - vor allem für teure Flüge in Privatjets. Middelhoff weist diese Vorwürfe entschieden zurück.

B wie Bombendrohung

Auslöser für die umfangreiche Nutzung von Privatjets war Middelhoff zufolge eine Bombendrohung gegen ein Linienflugzeug, in dem er gesessen hatte. Danach sei er aus Sicherheitsgründen auf Charterjets umgestiegen. Insgesamt nutzte Middelhoff in seiner Zeit bei Arcandor nach eigenen Angaben 610 Mal Privatjets. Er selbst habe 210 Flüge bezahlt, die übrigen 400 seien Arcandor in Rechnung gestellt worden. Im Prozess geht es allerdings nur um 48 dieser Flüge, bei denen die Staatsanwaltschaft die dienstliche Veranlassung bezweifelt. Deren Gesamtkosten beziffert die Anklage auf 945 000 Euro.

C wie Cornelie

Thomas Middelhoffs sonst eher öffentlichkeitsscheue Ehefrau Cornelie erinnerte sich als Zeugin im Essener Prozess vor allem an die hohe Arbeitsbelastung ihres Mannes in der Arcandor-Zeit: „Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer.“

D wie Dauerstau

Dauerstau auf dem Weg zur Arbeit ist für viele Pendler ein Ärgernis - nicht aber für Middelhoff. Als eine Baustelle am Kamener Kreuz die Fahrt zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Konzernzentrale in Essen zur stundenlangen Quälerei machte, stieg er auf Hubschrauber um. Die Rechnung ging an Arcandor. Zu Recht, findet Middelhoff: Er habe so nämlich effizienter arbeiten können. Zu Unrecht, findet die Anklage: Die Kosten für den Arbeitsweg seien Sache des Arbeitnehmers.

F wie Festschrift

Ein weiterer Vorwurf der Anklage: 180 000 Euro habe Arcandor auf Veranlassung Middelhoffs für eine Festschrift zu Ehren des ehemaligen Bertelsmann-Chefs Mark Wössner spendiert. Für die Staatsanwaltschaft ist das Buch ein „persönliches Geschenk“ Middelhoffs an seinen früheren Mentor. Der Manager hätte demnach für das teure Präsent selbst zahlen müssen. Nach Middelhoffs Worten diente die Festschrift dagegen der Verbesserung des Arcandor-Images und der Netzwerkpflege.

G wie Gerichtsvollzieher

Für Middelhoff wurden nach eigener Aussage vor allem die Besuche der Gerichtsvollzieher im Gerichtssaal zur Belastung. Sie nutzten die Gelegenheit, um den im südfranzösischen Saint-Tropez lebenden Manager mit Millionenforderungen seiner Gläubiger zu konfrontieren. In einem Fall pfändete ein Gerichtsvollzieher sogar eine wertvolle Armbanduhr. Die Pfändungsversuche seien demütigend, sagte Middelhoff selbst am Rande des Verfahrens: „Das ist wie ein apokalyptischer Traum.“

H wie Haftbefehl

Zeitweise wurde das Verfahren in Essen von einem drohenden Haftbefehl gegen Middelhoff überschattet. Eine Gerichtsvollzieherin hatte diesen laut einem „Spiegel“-Bericht beantragt, um den Manager im Zusammenhang mit Zahlungsforderungen des Arcandor-Insolvenzverwalters zur Offenlegung seiner Vermögensverhältnisse zu zwingen. Das Thema erledigte sich nach Angaben der Middelhoff-Anwälte aber von selbst, als dessen Managerversicherung eine Haftungsgarantie für 3,4 Millionen Euro übernahm.

Mehr als 500.000 Euro Schaden habe der frühere Top-Manager dem Arcandor-Konzern zugefügt, urteilte das Gericht. Arcandor war 2009 mitsamt seiner Tochterfirmen wie Karstadt und Quelle in die Pleite gerutscht. Middelhoff hatte den Chefposten einige Monate zuvor aufgegeben.

Direkt nach der Urteilsbegründung wurde am Freitag Haftbefehl gegen den 61-Jährigen wegen Fluchtgefahr erlassen. Nach Informationen der „Bild am Sonntag“ hob der Vorsitzende Richter den Haftbefehl beim Haftprüfungstermin nicht auf, weil Middelhoff einen abgelaufenen Ausweis und nicht seinen neuen, gültigen Pass vorlegte. Am Montag soll es demnach einen neuen Haftprüfungstermin geben.

Kommentare (3)

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17.11.2014, 08:29 Uhr

also ich sag mal: € 500T Schaden; das muss natürlich geahndet werden. Aber 3 Jahre Haft? Da schau ich mir mal den UH mit seinen 27 Mille an; der bekam nur 3 Jahre Haft und hätte wahrscheinlich 10 verdient.
Irgendwie stimmt dieses Verhältniss doch nicht wirklich. Hat der eine zu wenig oder hat der andere zu viel?

Herr Ulrich Groeschel

17.11.2014, 09:24 Uhr

Den neuen Personalausweis müsste Middelhoff auch aus der U-Haft heraus beantragen können. Wenn seine Ehefrau oder eine Dritte Person eine Bankbürgschaft als Kaution stellt, so dürfte diese vermutlich nicht von Middelhoff seinen Gläubigern pfändbar sein. Man kann mich da berichtigen.

Herr Klaus Hofer

17.11.2014, 09:36 Uhr

Bei dem Urteil gegen Herrn Middelhoff ging es um die Frage, ob dieser als Vorstandsvorsitzender von Arcandor die dem Unternehmen gegenüber obliegende Vermögensbetreuungspflicht verletzt hat. Dies hat das Gericht zutreffend bejaht. Selbst wenn der Aufsichtsrat in diesem Zusammenhang seinen Kontrollpflichten nicht genügt hätte, könnte dies Herrn Middelhoff nicht entlasten, weder was die ihm zu Last gelegten Straftatbestände noch das Strafmaß betrifft. Die Einlassungen des Herrn Middelhoff lassen auch Zweifel an der Verteidigungsstrategie aufkommen. Seine inhaltlichen Ausführungen vermochten genau so wenig zu überzeugen wie sein Auftreten, welches nicht die Spur eines Selbstzweifels erkennen ließ. Insoweit ist der Weg in die nächste Instanz nur konsequent.

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