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25.04.2012

11:39 Uhr

Ex-Teldafax-Vorstand

Der Ehrliche bekommt eine zweite Chance

VonSönke Iwersen

Als er die Wahrheit sagte, musste er gehen. Der einzige Manager, der beim Skandalunternehmen Teldafax auf sein Gewissen hörte, war der erste, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelte. Nun bekommt er eine neue Chance.

Alireza Assadi wird neuer Chef bei den Stadtwerken Oranienburg. PR

Alireza Assadi wird neuer Chef bei den Stadtwerken Oranienburg.

DüsseldorfMehr als zwei Jahre lang schien für Alireza Assadi die Wirtschaftswelt auf dem Kopf zu stehen. Er, der Einzige, der beim Stromanbieter Teldafax sein Gewissen über sein Gehalt gestellt und bei der Aufarbeitung der Betrugsvorwürfe geholfen hatte, wurde als Verräter denunziert, als Erpresser angezeigt und blieb nach seinem Ausscheiden bei dem Skandalunternehmen ohne feste Anstellung. Das ändert sich nun. Ab dem zweiten Mai wird Assadi Chef bei den Stadtwerken Oranienburg.

„Wir brauchen einen Geschäftsführer, und zwar einen guten“, erklärt Kerstin Kausche, Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, die Personalentscheidung. Deshalb habe man Assadi eingestellt - wegen seiner Fachkompetenz. Teldafax sei nur am Rande ein Thema gewesen. Aber: „Seine Ehrlichkeit in dieser Sache hat für ihn gesprochen.“

Was selbstverständlich sein müsste, ist für Assadi ein neues Gefühl. Im Oktober 2009, als er seinem Aufsichtsrat bei Teldafax mitteilte, das Unternehmen sei überschuldet, illiquide und müsse Insolvenz anmelden, entließ der Aufsichtsrat ihn. Ein Jahr lang blieb der Zustand von Teldafax geheim. Als das Handelsblatt den Skandal im Oktober 2010 aufdeckte, begann für Assadi ein Spießrutenlauf.

Chronologie der Teldafax-Pleite

1998: "Telefon, Daten, Fax"

Mit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes 1998 bietet der Marburger Dienstleister Teldafax ("Telefon, Daten, Fax") über die Billigvorwahl 01030 günstige Telefongespräche an. Nur wenige Jahre später gerät das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Rund 90 Millionen Mark schuldet Teldafax damals dem Bonner Telekom-Konzern, dessen Leitungen die Marburger mieten mussten. Es folgt die Abschaltung der Billigvorwahl durch die Telekom und die darauf folgende Abwanderung von Kunden ist das Aus: Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit stellt das Unternehmen im April 2001 einen Insolvenzantrag. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kauft dann eine Schweizer Investorengruppe das Unternehmen.

2002: Die Teldafax GmbH entsteht

Im Jahr 2002 wird das Unternehmen mit dem Firmennamen "oneVoice Communication" gegründet, das ein Jahr später den Markennamen "Teldafax" des Vorgängers übernimmt, ohne dessen Rechtsnachfolger zu werden. Es resultiert die "Teldafax GmbH".

2007: Das Geschäft mit dem Strom

Nach vielen Umstrukturierungen entsteht 2006 schließlich unter der "Teldafax Holding AG", die inzwischen mehrere Tochtergesellschaften umfasst, die "Teldafax Energy GmbH", die ab 2007 aktiv im bundesweiten Stromgeschäft tätig ist. Ab Juni 2008 bietet das Unternehmen auch Erdgas an.

2008: Risse in der Fassade

Der Billiganbieter wird von Kunden geradezu überrannt. Kein Wunder: Teldafax liegt mit seinen Angeboten teils 40 Prozent unter den Preisen des örtlichen Platzhirschs. So macht der Anbieter den großen vier - RWE, Eon, Vattenfall und EnBW - heftige Konkurrenz. Doch schon ein Jahr nach dem Markteintritt zeigen sich bedrohliche Risse in der Fassade von Teldafax. Bei den Verbraucherschutzzentralen häuen sich die Beschwerden über fehlerhafte Abrechnungen, wahllose Abbuchungen und stures Abblocken von Reklamationen. Das Unternehmen reagiert gelassen. Die Probleme seien Einzelfälle, die allermeisten Kunden von Teldafax seien hochzufrieden.

2010: Schneeballsystem führt zur Überschuldung

Teldafax verwaltet nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2008 bereits 400.000 Aufträge. Ende 2009 sollen es knapp 500.000 Kunden sein. Doch die Verluste wachsen ebenfalls. Nur dank immer neuer Kunden, denen eine Vorauszahlung von bis zu 1.000 Euro abverlangt wird, kann Teldafax einen halbwegs geordneten Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. Ende Oktober 2010 berichtet das Handelsblatt, dass der Stromanbieter überschuldet ist. Grund für die schwere Schieflage ist offenbar das Geschäftsmodell der Firma.

2010: Chaotische Zustände & Investoren

Doch die Beschwerden rissen nicht ab, immer wieder gab es Berichte über geprellte Teldafax-Kunden. Das Unternehmen wies 2010 alle Vorwürfe von sich und verbreitete trotz offensichtlicher Schieflage weiter Erfolgsmeldungen. So gelang es, im November 2010 russische Investoren zu gewinnen, die rund 50 Millionen Euro in das Unternehmen pumpten. Im März 2011 gab das Unternehmen die mehrheitliche Übernahme durch die beiden Investoren CPA Invest AG und Sigma Citation Capital Strategies bekannt.

2011: Höptner schmeißt hin

Im Mai 2011 meldet Teldafax einen Wechsel an der Spitze. Der Sanierer Hans-Gerd Höptner, erst seit März im Amt, schmeißt hin. Allein in den vergangenen vier Monaten hat das Unternehmen zwischen 150.000 und 200.000 Kunden verloren, weil es seine Rechnungen bei den Netzbetreibern nicht mehr bezahlen konnte. Der 69-jährige Höptner hatte Anfang März das Ruder übernommen, um das Unternehmen aus der dramatischen Schieflage zu bringen und eine drohende Insolvenz abzuwenden. Seine Strategie: Neue Kunden werben - mit höheren Preisen. "Discounter-Tarife, die nicht kostendeckend sind, wird es von uns in Zukunft nicht mehr geben", kündigte Höptner damals an. Seither aber schrumpft Teldafax dramatisch.

2011: Teldafax kappt die Stromleitungen

Teldafax meldet am 14. Juni Insolvenz an und setzt darauf die Belieferung der Kunden mit Strom und Gas aus.

2011: Razzia in Troisdorf

Erst kam der Insolvenzverwalter, dann die Kriminalbeamten. Mit einem Großaufgebot hat die Staatsanwaltschaft Bonn Ende Juni die Geschäftsräume von Teldafax durchsucht. Die Vorwürfe wiegen schwer. „Es besteht der Verdacht, dass Teldafax eine Vielzahl von Neukunden warb, um mit deren Vorauszahlungen bestehende Liquiditätslücken zu decken“, sagt die Staatsanwaltschaft Bonn. Umgangssprachlich nennt man ein solches Modell ein Schneeballsystem.

2011: Das Insolvenzverfahren beginnt

Für den zahlungsunfähigen Energie-Billiganbieter Teldafax beginnt am 01. September 2011 das Insolvenzverfahren: Nach Angaben des Bonner Amtsgerichts wäre es mit bis zu 750.000 Gläubigern wahrscheinlich das größte Verfahren dieser Art in Deutschland.

Teldafax leugnete. Es leugnete seine Schulden, es leugnete seine Zahlungsschwierigkeiten, und es leugnete, dass der Betrieb nur aufrechterhalten werden konnte, indem man immer mehr neue Kunden mit ruinösen Vorkassetarifen lockte. Teldafax war das größte Schneeballsystem Deutschlands. Doch wer dies offen sagte, wurde vom Unternehmen angegriffen.

Assadi las in Zeitung, dass Teldafax ihn wegen Geheimnisverrat verklagte. Er wunderte sich, dass die Insolvenzreife ein Geheimnis darstellte. Er wunderte sich auch, dass Journalisten so etwas schrieben, ohne ihm Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Am meisten aber wunderte Assadi, dass die Staatsanwaltschaft tatsächlich gegen ihn ermittelte und nicht gegen Teldafax. Dies geschah erst acht Monate später – da aber war Teldafax schon pleite –und mit 750.000 Gläubigern der größte Insolvenzfall Deutschlands.

„Zwischendurch habe ich gezweifelt, ob ich das Richtige getan habe“, sagt Assadi. Schließlich machte der Teldafax-Vorstand noch monatelang weiter, während Assadi sich als Berater durchschlug – mit der Staatsanwaltschaft im Nacken. Die hat ihre Ermittlungen gegen Assadi vor Monaten eingestellt, seinen Job tritt er unbeschwert an. „Das ist wohl die Lehre“, sagt Assadi. „Am Ende lohnt sich Ehrlichkeit doch.“

Kommentare (6)

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DeutschlandAG

25.04.2012, 13:03 Uhr

Willst Du Karriere machen? Heule mit den Wölfen! Juble alles hoch, selbst wenn es unsinnig ist!
Warnst Du vor Risiken und Konsequenzen, wirst Du verlacht, geschnitten, als Miesmacher bezeichnet... Kassandra! Selbst wenn die vorhergesagten Konsequenzen eintreten, wird man bestreiten, dass Du jemals gewarnt hast; legst Du Beweise für deine Warnung vor, wird man dir sagen, dass die (nunmehr als falsch bezeichnete) Entscheidung seinerzeit richtig war, weil die Konsequenzen, vor denen Du gewarnt hast, damals höchst unwahrscheinlich gewesen seien.
Egal wie oft Du warnst, egal wie oft Du Recht damit hast und egal, ob Du jemals daneben lagst mit Deinen Warnungen - es läuft immer gleich! Erfahrung - wertlos, Wissen - zwecklos, Gewissen - hinderlich, harte Arbeit - Du Idiot!

Aber bei jeder Mitarbeiterveranstaltung "wollen" die Manager kritische Mitarbeiter, die ihnen die Meinung sagen. Willst Du Karriere machen? Vergiss diese Sprüche ganz schnell! Geh stattdessen zu einer systemrelevanten Bank, zu einem großen Arbeitgeber, mit vielen Angestellten, behaupte, Du hättest etwas geleistet (wirklich leisten, musst Du nichts!), verpasse keine Feier, kein Golfspiel, kein Tennismatch, erkläre alles für möglich, kümmere Dich zu allerest und immer wieder um einen möglichst großen Dienstwagen statt um angemessene Gehälter für Deine Mitarbeiter, quäle Deine Mitarbeiter mit langen Besprechunge (schließlich müssen die behaupteten 14-Stunden-Tage irgendwie zusammenkommen) missachte Warnungen und wenn Du Mist gebaut hast, lass das Unternehmen vom Staat bzw. Steuerzahler retten! Selbst wenn Du 70, 80 oder 90% Kursverlust in wenigen Jahren zu verantworten hast: Geh zum nächsten Unternehmen, mach es wieder so und erhalte jedesmal Abfindungen in Millionenhöhe - Headhunter sei Dank!

Wie sagte Heiner Geißler mal in einem Interview - sinngemäß: Diese Manager sind nicht intelligenter, sondern lediglich skrupellos...

Gott sei Dank gibt es auch andere Manager - leider zuwenige.

Numismatiker

25.04.2012, 13:34 Uhr

@ DeutschlandAG:

Wie wahr!

Ihren Kommentar werde ich mir (ohne Ironie!) ausdrucken, rahmen und über das Bett hängen.

Account gelöscht!

25.04.2012, 13:47 Uhr

Wenn man sich Ihren Artikel so reinzieht, wird einem jeden bewusst, in was für einer verlogenen Gesellschaft und Wirtschaft wir uns bewegen.
Wie sagt man so schön? Lügen haben kurze Beine........
........ aber die dicksten Bankkonten !

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