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28.07.2014

15:58 Uhr

Fahrer sagt im Untreue-Prozess aus

„Stau war für Middelhoff das Schlimmste“

Von Bielefeld nach Essen in vier statt zwei Stunden: Der Arbeitsweg von Thomas Middelhoff dauerte wegen Staus teils doppelt so lang. Dem Ex-Arcandor-Chef gefiel das gar nicht, wie Middelhoffs einstiger Fahrer berichtet.

Middelhoffs tierische Flucht

„Ich bin wie die Katze übers Dach“

Middelhoffs tierische Flucht: „Ich bin wie die Katze übers Dach“

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EssenVerkehrsstaus sind für Thomas Middelhoff in seiner Zeit als Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor ein rotes Tuch gewesen. Das berichtete am Montag der langjährige Fahrer des Managers im Essener Untreueprozesse gegen Middelhoff. „Stau war das Schlimmste für ihn“, sage der Fahrer. Einmal sei Middelhoff sogar aus dem stehenden Fahrzeug gestiegen, um nach einer Möglichkeit zu suchen, anders ans Ziel zu kommen.

Der Fahrer bestätigte Aussagen, dass Bauarbeiten am Kamener Kreuz zeitweise die Fahrzeiten von Middelhoffs Wohnsitz in Bielefeld zur Firmenzentrale in Essen deutlich verlängert hätten. Statt knapp zwei Stunden habe die Fahrt in Einzelfällen bis zu vier Stunden gedauert. Middelhoff hatte diese unkalkulierbaren Verzögerungen als Grund genannt, warum er insgesamt 28 Mal auf Firmenkosten Privatjets und Hubschrauber für die Strecke genutzt hatte. Die unkalkulierbaren Fahrzeiten seien für die Firma nicht hinnehmbar gewesen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Middelhoff vor, dem inzwischen pleitegegangenen Handelskonzern diese insgesamt 80 000 Euro teuren Flüge zu Unrecht in Rechnung gestellt zu haben, da der Weg zur Arbeit grundsätzlich vom Arbeitnehmer selber zu tragen sei.

Die Rechsstreitigkeiten des Thomas M.

Charterflüge

Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft dem 61-Jährigen Untreue in 49 Fällen vor. In dem Strafverfahren vor dem Essener Landgericht geht es vor allem um Charterflüge auf Firmenkosten, die von Arcandor bezahlt worden waren, obwohl sie laut Staatsanwaltschaft privaten Zwecken dienten. Middelhoff hatte öffentlich erklärt, er habe sich korrekt verhalten.

Sal. Oppenheim

Das Kölner Institut Sal. Oppenheim hatte das Ehepaar Middelhoff Ende 2013 auf knapp 78 Millionen Euro verklagt. Kredite seien nicht zurückgezahlt worden. Zuvor hatte Middelhoff seinerseits die Bank auf 101 Millionen Euro verklagt.

Arcandor I

Im September 2013 erklärte das Landgericht Essen, es halte einen Sonderbonus, den der Manager kurz vor seinem Arcandor-Ausscheiden erhielt, für nicht gerechtfertigt. Er soll rund 3,4 Millionen Euro an den Insolvenzverwalter zahlen, hat aber Berufung angekündigt.

Arcandor II

Der 61-Jährige verlangt seinerseits von den Insolvenzverwaltern wegen angeblichen Rufmords Schadenersatz in Höhe von 120 Millionen Euro. Gegen einen entsprechenden Mahnbescheid haben die Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Hans-Gerd Jauch Widerspruch eingelegt. Sie hatten Middelhoff und andere Arcandor-Manager auf Schadenersatz von insgesamt 175 Millionen Euro verklagt, unter anderem wegen angeblicher Managementfehler. Der Prozess vor dem Oberlandesgericht Hamm könnte Jahre dauern.

Josef Esch

Mit seinem ehemaligen Vermögensverwalter Josef Esch liegt Middelhoff ebenfalls im Clinch. Im Streit um Unterhaltskosten für seine Luxusyacht einigten sich Middelhoff und Esch im Jahr 2012 außergerichtlich auf eine Zahlung von 2,5 Millionen Euro, Frist 30. September 2013. Überwiesen hat Middelhoff bis heute nicht, Esch geht gerichtlich gegen Middelhoff vor. Middelhoff selbst will von seinem Ex-Vermögensverwalter 33 Millionen Euro, weil der ihn falsch beraten und sein Privatvermögen riskiert haben soll.

Der Fahrer berichtet von 15-Stunden-Tagen des Arcandor-Chefs. Auch während der Fahrten im Dienstwagen habe der Manager praktisch ununterbrochen gearbeitet. „Es gab eigentlich keine persönlichen Gespräche“, erzählt der langjährige Mitarbeiter. Middelhoff habe zu arbeiten angefangen, wenn er ins Auto gestiegen sei. Er habe Akten gelesen und telefoniert. Meist habe er noch beim Aussteigen das Handy am Ohr gehabt.

Sein vor Gericht verlesener Dienstvertrag sicherte ihm ein Monatsgehalt von 47 000 Euro sowie Tantiemen von mindestens 180 000 Euro im Jahr und darüber hinaus Bonuszahlungen von bis zu 900 000 Euro zu.

Trotzdem hatte der Manager erst am vergangenen Wochenende Spekulationen entgegentreten müssen, er stehe vor dem finanziellen Ruin. Auf die Frage: „Sind Sie pleite?“ erwiderte Middelhoff der Nachrichtenagentur dpa: „Ganz klare Antwort. Nein.“ Er räumte aber ein, dass er am Freitag vor dem Gerichtsvollzieher über seine Vermögensverhältnisse habe Auskunft geben müssen - im Volksmund Offenbarungseid genannt.

Der Manager sagte, sein Problem sei, dass er an seine Liquidität nicht herankomme, die von der Bank Sal. Oppenheim blockiert werde. Am Freitag war Middelhoff nach dem Termin beim Gerichtsvollzieher aus einem Fenster geklettert und über ein Garagendach geflüchtet, um wartenden Journalisten zu entgehen.

Ex-Arcandor-Chef

Der tiefe Fall des Thomas Middelhoff

Ex-Arcandor-Chef: Der tiefe Fall des Thomas Middelhoff

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Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Andreas Driller

30.07.2014, 16:07 Uhr

Warum hat Herr Middelhoff sich kein Hotelzimmer in Essen genommen unter der Woche? Ich kenne zahlreiche Arbeitnehmer, die das auch für viel weniger als 47.000 Euro im Monat in Kauf nehmen! Er sollte die Flüge auf jeden Fall selbst zahlen, wenn er noch nicht pleite ist!

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