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01.06.2017

14:56 Uhr

Faktor Mensch

Grenzenlose Unfreiheit

Das geschäftsmäßige Fliegen hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert. Statt großer Freiheit gibt es nicht nur Beinunfreiheit.

In ihrer Kolumne schreibt Tanja Kewes über Sonnenkönige in der Wirtschaft, Kabinettstückchen in der Politik, unseren Arbeitsalltag mit Chefchefs und den lieben Kollegenkurrenten sowie Fragen, die uns Tag und Nacht bewegen.

Chefreporterin Tanja Kewes

In ihrer Kolumne schreibt Tanja Kewes über Sonnenkönige in der Wirtschaft, Kabinettstückchen in der Politik, unseren Arbeitsalltag mit Chefchefs und den lieben Kollegenkurrenten sowie Fragen, die uns Tag und Nacht bewegen.

Es ist einer der schönsten deutschen Schlager. „Über den Wolken“, sang Reinhard Mey einst, „muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.“ Nun, seine Begeisterung als Hobbypilot sei dem Liedermacher gegönnt. Das geschäftsmäßige Fliegen hat sich in den vergangenen 30 Jahren aber ziemlich verändert. Statt großer Freiheit gibt es nicht nur Beinunfreiheit.
Es geht schon auf dem Boden mit den unschönen Tatsachen los: die Sicherheitskontrolle. Sie ist dermaßen unsystematisch und willkürlich, dass sich nicht nur Liebhaber der deutschen Literatur an Figuren und Geschichten von Franz Kafka erinnert fühlen. Mal muss man sich von Schuhen, Gürtel, Armbanduhr, Ehering und Haarspange trennen und tapst auf Socken, mit hängender Hose und aufgelöstem Haar durch die Gegend, mal darf man alles anbehalten, wird danach aber peinlichst abgetastet. Mal wird das – mehr oder weniger immer gleiche – Handgepäck akribisch durchsucht, dieses und jenes Fläschchen und Gerät kritisch beäugt und auf- oder angemacht, mal nicht. Die Willkürherrschaft der Sicherheitsleute ist umfassend. Sie wird meist stoisch ertragen, denn Widerspruch führt zu einer noch peinlicheren Untersuchung.
Schließlich und endlich an Bord angelangt, ist auch auf nichts mehr Verlass und man ist endgültig ausgeliefert. Die Lufthansa ist zwar noch nicht wieder Monopolist, übt sich aber schon sehr in adäquaten Verhaltensweisen. Hatte man früher als Vielreisender der Lufthansa gewisse Vorteile wie Priority-Boarding oder Extragepäck, ist dies heute, sobald man, ob gewollt oder nicht, an manchen Flughäfen in die Billigtochter Eurowings gerät, perdu. Das Preis- und Produktprinzip der größten deutschen Fluglinie und ihrer Ableger verärgert selbst treue Kunden. Wie ereiferte sich jüngst ein „Senator“: „Eurowings ist die ätzendste Zumutung seit den Brüdern Wright.“
Schließlich die Verpflegung. Gab es früher auf einem Flug von Lufthansa für jedermann etwas Kaltes oder Warmes zu trinken, herrscht heute Chaos. Es gibt schließlich für einen Flug wie Düsseldorf–Berlin sage und schreibe fünf Tarife. Man kann Lufthansa Economy Classic oder Economy Flex buchen oder Eurowings Basic, Smart oder Best. Wer welches Ticket hat, wissen meist nur noch die Stewards. Sie rennen wie eine Mischung aus Quizmaster und Marktschreier mit langen Listen durch den Flieger. Sie tun einem fast leid ... Vielleicht werden deshalb demnächst auf der Gangway gleich Armbändchen verteilt wie im All-inclusive-Club. Oder noch besser Kopfbänder. Die sind von oben gut zu erkennen.
Nun, der Freiheitsschlager „Über den Wolken“ bleibt uns da meist im (trockenen) Hals stecken. Und vielleicht verbringen wir deshalb diesen Sommer mal daheim. Da ist es – spätestens seitdem „Baywatch“ wieder kommt – eh am schönsten.

Von

tak

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