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03.05.2017

14:38 Uhr

Finanzspritze von Etihad

Hunderte Millionen für Air Berlin – per Vorkasse

Großaktionär Etihad überweist hunderte Millionen Euro an Air Berlin. Das Geld erhält die angeschlagene Fluggesellschaft für den Verkauf ihrer Tochter Niki. Dabei ist der Deal noch gar nicht vollzogen.

Die Fluggesellschaft erhält eine Finanzspritze von Etihad – und kann auch in Zukunft auf weitere Zahlungen hoffen. dpa

Boeing von Air Berlin

Die Fluggesellschaft erhält eine Finanzspritze von Etihad – und kann auch in Zukunft auf weitere Zahlungen hoffen.

BerlinDie hochverschuldete Fluggesellschaft Air Berlin kann für ihr Überleben auf weitere millionenschwere Finanzspritzen ihrer Großaktionärin Etihad setzen. Praktisch per Vorkasse überwies die arabische Fluglinie im Dezember und Januar die gesamten 300 Millionen Euro, die Air Berlin für ihre Anteile an der österreichischen Fluglinie Niki erhalten soll. Ende April folgte ein neues Darlehen über 350 Millionen Euro, wie aus dem jetzt veröffentlichten Geschäftsbericht der zweitgrößten deutschen Fluglinie hervorgeht. Der Niki-Deal ist aber noch nicht genehmigt und schon gar nicht vollzogen.

Im Geschäftsbericht erwähnen die Wirtschaftsprüfer von KPMG mögliche „bedeutsame“ Zweifel, ob Air Berlin als Unternehmen fortgeführt werden könne. „Der Konzern ist angewiesen auf einen Letter of Support eines wesentlichen Anteilseigners“, heißt es dort. „Bei solchen Erklärungen verbleiben Zweifel, ob diese im Falle der Notwendigkeit durchgesetzt werden können.“

So hat Etihad dem Berliner Unternehmen die notwendige Unterstützung zugesichert, damit die Gesellschaft ihre finanziellen Verpflichtungen der näheren Zukunft „und in jedem Fall innerhalb der kommenden 18 Monate ab dem 28. April 2017“ nachkommen kann. Die Wirtschaftsprüfer erteilten Air Berlins Konzernabschluss daraufhin ihre Zustimmung.

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Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann weiß, dass die marode Fluggesellschaft für ihr Überleben dringend die Hilfe eines stärkeren Unternehmens braucht. In seiner neuen Strategie spielt die Lufthansa eine Schlüsselrolle.

Air Berlin hält sich seit Jahren dank Krediten der arabischen Fluglinie Etihad in der Luft, die gut 29 Prozent der Air-Berlin-Aktien hält. Air Berlins Schulden übersteigen die Vermögenswerte seit langem deutlich. Die Nettoverschuldung lag Ende 2016 bei knapp 1,2 Milliarden Euro, das Eigenkapital war mit fast 1,5 Milliarden Euro negativ. Der Jahresverlust fiel mit rund 782 Millionen Euro so hoch aus wie nie zuvor.

Etihad ist auch größter Anteilseigner der italienischen Fluglinie Alitalia, die nach einem geplatzten Sanierungsplan jetzt in eine Art Insolvenzverwaltung geht.

Für Air Berlin sieht Etihad offenbar noch Hoffnung, nachdem dort im Februar der frühere Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann die Führung übernommen hat. Die Araber wollen Air Berlins Touristikgeschäft auf Basis der Niki mit dem deutschen Ferienflieger Tuifly des weltgrößten Reisekonzerns Tui zusammenführen. Das Geschäft soll zur Rettung von Air Berlin beitragen, die 50 Prozent an Niki hält.

Ob und wann Etihad diese Anteile bekommt, hängt aber unter anderem noch von der Zustimmung der EU-Kommission ab. Zwar sieht die Air-Berlin-Spitze laut Geschäftsbericht keinen Grund, weshalb der Deal nicht gelingen sollte. Allerdings könne es bis zur Umsetzung noch bis zu zwölf Monate dauern.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

15. September 2017

Interessenten geben Angebote für die ganze Air Berlin oder Teile davon ab.

21. September 2017

Der Gläubigerausschuss entscheidet sich, exklusiv mit der Lufthansa und Easyjet bis zum 12. Oktober zu verhandeln.

9. Oktober 2017

Air Berlin kündigt an, den Flugverkehr in eigener Regie mit dem Airline-Code AB wohl spätestens zum 28. Oktober einzustellen. Nicht betroffen sind die Töchter Niki, LGW und die Maschinen, die Lufthansa von Air Berlin mietet.

Sollte das Vorhaben doch noch platzen, würde Air Berlin erneut auf Hilfe von Etihad hoffen. Denn eine Rückzahlung des erhaltenen Vorschusses hat das Unternehmen in seiner Finanzplanung nicht vorgesehen. Zudem werde im April 2018 eine Unternehmensanleihe von 225 Millionen Euro fällig, heißt es in dem Bericht. Falls sich am Finanzmarkt keine Geldgeber finden, werde erwartet, „dass eine etwaige Differenz durch die Unterstützung des Großaktionärs abgedeckt wird“. Etihads neuer 350-Millionen-Euro-Kredit an Air Berlin läuft bis Ende 2021. Weitere Millionenkredite aus Abu Dhabi wurden gerade bis April 2019 verlängert.

Der frühere Lufthansa-Manager Winkelmann hatte die Führung von Air Berlin im Februar von Stefan Pichler übernommen. Seitdem vermietet Air Berlin schrittweise 38 Flugzeuge samt Besatzung an die Lufthansa, die diese vor allem bei ihrer wachsenden Billigmarke Eurowings einsetzt. Nach Vollzug des Niki-Deal soll Air Berlin nur noch 75 Flugzeuge in eigener Regie betreiben.

„Wir sind offen für neue Partnerschaften und neue Kooperationen“, hatte Winkelmann bei der Vorlage der Bilanz am Freitag gesagt. Man werde sich innerhalb und außerhalb Europas umsehen, auch der Einstieg eines Investors sei denkbar.

Von

dpa

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