Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.01.2010

06:01 Uhr

Firmenspionage

Angst vor Datenklau bedroht China-Handel

VonDaniel Goffart, Andreas Rinke , Andreas Hoffbauer

ExklusivDer Internet-Angriff auf Google in China hat deutsche Firmen aufgeschreckt. Spionage und der wachsende Druck Pekings zur Freigabe sensibler Informationen behindern das Geschäft mit der kommenden Supermacht. Die deutsche Wirtschaft reagiert alarmiert - und warnt sogar vor einer Abwanderung von Firmen.

Der Internet-Angriff auf Google in China hat deutsche Firmen aufgeschreckt. ap

Der Internet-Angriff auf Google in China hat deutsche Firmen aufgeschreckt.

PEKING/BERLIN. Der Druck Pekings zur Freigabe sensibler Informationen verschärft die Sorge, dass die Präsenz auf dem riesigen Markt für die Unternehmen mit wachsenden Risiken verbunden ist. Denn neben der Internet-Spionage setzt China zunehmend noch andere Mittel ein, um sich gewünschte Daten oder wirtschaftlich verwertbares Know-how zu verschaffen. Dazu gehören neue Regeln im Bereich der Zertifizierung von Produkten, Patenten, aber auch der wachsende Einsatz chinesischer Spione in westlichen Industriestaaten.

Gerade neue Regelungen, die Peking für den Zugang auf dem chinesischen Markt aufbaut, werden von der deutschen Wirtschaft als immer problematischer angesehen - und durchkreuzen das Ziel, die Beziehungen weiter auszubauen. "Es darf nicht sein, dass etwa Automobilfirmen in Joint Ventures mit Technologieübertragung gezwungen werden oder dass Detailpläne der Produktionsprozesse für Genehmigungsverfahren abgegeben werden müssen", sagte Jürgen Hambrecht, Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA). "Zudem müssen Maschinenbauer, IT- und Softwarehersteller bei der Zertifizierung in China hochsensible Daten offenlegen." Konzerne wie Siemens haben eigens Rechtsexperten eingestellt, die diese Prozesse prüfen.

Die Gefahr des Missbrauchs sei sehr groß, hieß es im Umfeld der EU-Kommission in Peking. Die EU-Handelskammer in China hat das Spionageproblem mehrfach öffentlich kritisiert. Mit der geforderten Standardisierung könnten vertrauliches "Detailwissen und sensitive Informationen, die für die Zertifizierung nicht direkt relevant sind", in die Hände chinesischer Konkurrenten gelangen, heißt es in einem Positionspapier.

Für deutsche Wirtschaftsvertreter in Peking ist dies inzwischen "das größte Exporthemmnis für europäische Firmen". So scheuten etwa einige deutsche High-Tech-Unternehmen im Solarbereich den Gang nach China. Und ein deutscher Hersteller im Bereich der Sicherheitssoftware habe Großaufträge abgelehnt, weil er über die nötige Zulassung in China seine Quellcodes - das "Herz" der eigenen Entwicklung - preisgeben sollte.

"China sollte eher die internationalen Standards zur gegenseitigen Zertifizierung mit beschränkten Offenlegungspflichten übernehmen", forderte APA-Chef Hambrecht. Nur gemeinsame Standards förderten den gewünschten Ausbau der Beziehungen. Beharre Peking auf seinem Kurs, könnte dies kontraproduktiv sein, warnte der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, August-Wilhelm Scheer. "Die geplante Zertifizierung für bestimmte IT-Sicherheitsprodukte mit Zwang zur Offenlegung der Quellcodes wird zu einer Abwanderung innovativer Firmen aus China führen."

"Auch der Patentschutz ist noch immer ein großes Problem", sagte ein deutscher Diplomat in Peking. Das Thema wolle Außenminister Guido Westerwelle (FDP) heute bei seinem Antrittsbesuch in China "aktiv" ansprechen. Dies forderte auch Bitkom-Chef Scheer.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Naschfreudiger

15.01.2010, 09:21 Uhr

Endlich geht der Verstand über die Geldgierigkeit. Hoffentlich ist es nicht zu spät. Auf den Schutz der linkisch-linken EU sollte man ohnehin nicht rechnen!

Xiaoqing Wang

15.01.2010, 09:38 Uhr

Abwanderung von den Firmen, aber wohin? auch VW, Mercedes, bMW, die trotz der Krise weltweit im Jahr 2009 ihre Geschaefte in China jeweils um 36%, 38%, 77% expandieren konnten? Wenn die Situation wirklich so schlimm wie viele deutschen Massenmedien dargestellt haben, werden die Handelsvolumen zwischen China und Deutschland nicht mehr klettern. 2008 haben die deutschen Firmen um 13.95% nach China exportiert. Das ist viel kraeftiger nach umgekehrt. Konfuzius lehrt, suche die Wahrheit in den Tatsachen. Aber kuck mal hier, was fuer Tatsachen die deutschen Korrespondenten in China nach Hause weitergeleitet? Man kann keinen Artikel mit Hass schreiben. Woher kommt dieser Hass denn?

cargocult

15.01.2010, 09:51 Uhr

Schon interessant, dass ein neuer internetkonzern den 150-jährigen Deutschen vormacht, wie man selbstbewusst seine Trade-Secrets schützt. Diese Art Reaktionen sind aber wohl eher für den deutschen Nachrichtenmmarkt gedacht, als dass sie die Chinesen überhaupt wahrnehmen würden.
Probleme beim "Patentschutz", halsbrecherische Offenlegungsforderungen und Ausschreibungsverfahren sind doch nicht neu, und sind auch nicht der Kern der Sache. Die deutsche industrie und der Rest der westlichen industrieländer lassen sich seit 20 Jahren gegeneinander ausspielen bei Autos, Telekommunikation, bahnen, demnächst Flugzeugen. Zwang zu Joint Ventures mit 50%-1 Schein plus Verpflichtung an den chinesischen Partner innerhalb von 10 Jahren mit derselben Produktlinie eigenständig marktfähig zu sein, Offenlegung der Technologie an staatliche Forschungsinstitute etc., sind auch nicht neu.
Nach dem Motto "Nichtdabeisein ist gefährlicher..." haben deutsche industriekonzerne für ein bisschen Umsatz und einen Haufen Kosten in Jahrzehnten hart erarbeitete Technologie und Wettbewerbsvorteile zum Abkupfern ohne Vorbedingungen angereicht.
Politisch flankiert durch Generalfloskeln wie der 'Win-Win-Situation' der Globalsierung (Nachzulesen z.b. hier: http://www.welt.de/print-welt/article158620/Muss_sich_der_Westen_gegen_die_Chinesen_wehren.html ). Diese Win-Win existiert sicher, wenn jeder aufpasst, dass er nicht über den Tisch gezogen wird. ich habe jedenfalls noch von keinem deutschen Konzern gehört dass er mit Rückzug gedroht hat, wenn z.b. idiotische Ausschreibungsverfahren diktiert wurden. Die deutsche hohe Politik hingegen hält neuerdings Geschäftsgeheimnisse wahrscheinlich für ohnehin unmoralisch, und daher nicht schützenswert. ist ja auch ein schwieriges Thema. Weltklima, Atomwaffen und bankerboni sind viel befriedigendere Themen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×