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19.08.2015

07:36 Uhr

Flughafen BER

Noch nicht eröffnet – aber schon zu klein

VonChristian Schlesiger, Harald Schumacher, Melanie Bergermann
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Den aktuellen Sorgen um die Insolvenz der Baufirma Imtech und möglichen Betrügereien beim Bau folgt beim Berliner Haupstadtflughafen bald eine viel größere: Wie will man den Ansturm auf BER bewältigen?

Wieder Negativschlagzeilen

Betrugsverdacht am Baustellen-Flughafen BER

Wieder Negativschlagzeilen: Betrugsverdacht am Baustellen-Flughafen BER

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BerlinEin Blick in die Vergangenheit kann manchmal erhellend sein, bisweilen aber auch amüsant. Vor 20 Jahren schrieb „Der Spiegel“ über den damals geplanten Berliner Großflughafen (BER), das Projekt zeuge „von Gigantonomie“, die Prognosen für das Passagieraufkommen würden „alle bisherigen Monumente politischen Größenwahns in den Schatten“ stellen. Statt der damals zehn Millionen Passagiere in Schönefeld, Tegel und Tempelhof, solle der Superflughafen bei Inbetriebnahme 25 Millionen Fluggäste pro Jahr abfertigen. Die Planer seien offensichtlich „ins Fantastische entrückt“.

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Das Magazin verwies damals auf ein Gutachten des Bundesrechnungshofes, das die Großmannssucht bundesdeutscher Politik anprangerte. Die Planungen beim BER liefen völlig aus dem Ruder, hieß es darin.

Tatsächlich, so weiß man heute, hatten sich die Planer bei der Kapazität verkalkuliert – doch mit umgekehrten Vorzeichen. 2014 fertigten die Berliner Flughäfen bereits 28 Millionen Passagiere ab. Dieses Jahr kommt eine Million dazu. Daraus folgt: Der Flughafen BER, der bei Eröffnung 27 Millionen Passagiere fassen könnte, wäre schon heute viel zu klein.

Den Gesellschaftern droht so eine neue Debatte, die das aktuelle Problem der Imtech-Pleite, den Betrugsverdacht gegen andere am Bau beteiligte Unternehmen und das allgemeine Chaos auf Deutschlands mysteriösester Baustelle überlagern könnte.
In wenigen Wochen muss Flughafenchef Karsten Mühlenfeld dem Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg erklären, wie er die Reisenden in der Hauptstadt in Zukunft abfertigen möchte. Klar ist schon jetzt: Der Bau des Flughafens wird noch mehr Geld verschlingen.

Imtech und der BER – Sorgen um Flughafenprojekt

Der Termin, der wackelt – schon wieder

Der neue Hauptstadtflughafen gleicht einem taumelnden Boxer: Kaum hat er sich aufgerappelt, setzt es den nächsten Schlag. Ein paar Monate schien es, als gäbe es für das Krisenprojekt einen guten Plan, der nur noch abgearbeitet werden muss. Jetzt trifft die Pleite der wichtigen Baufirma Imtech die Baustelle wie einen Boxer die rechte Gerade. Die Verantwortlichen sind besorgt. Und alle fragen sich, ob die für 2017 geplante Eröffnung abgesagt werden muss – es wäre das fünfte Mal.

Welche Arbeiten erledigt Imtech in Schönefeld?

Der Gebäudetechnikausstatter arbeitet neben anderen wie Siemens an der Brandschutzanlage, deren unzureichendes Zusammenspiel neben schweren Mängeln seit Jahren den Flughafenstart verzögert. Mit dem Partner Caverion unterteilt Imtech etwa den zu großen Anlageabschnitt im zentralen Terminal, damit das „Monster“ (Flughafengesellschaft) beherrschbar wird. Imtech kümmert sich auch um Stromversorgung, Heizung, Sanitär und Lüftung. „Sanierung im Bestand“, hat Technikchef Jörg Marks das genannt, was momentan im Terminal läuft.

Lief die Arbeit immer reibungslos?

Nein. Projektbeteiligte berichten im Berliner Untersuchungsausschuss immer wieder von Schönrednerei und von Baufirmen, die machen was sie wollen. Einige Vorwürfe trafen auch Imtech. Die Firma soll mitunter monatelang mehr Bauarbeiter abgerechnet haben als tatsächlich im Terminal am Werk waren, kritisierte einer der Architekten.

Imtech habe mehr als 300 Millionen Euro vom Flughafen erhalten, teils aber ohne Gegenleistung, berichtete ein anonymer Hinweisgeber, der einen mutmaßlichen Bestechungsfall aufdeckte. Das Unternehmen soll einen leitenden Mitarbeiter des Flughafens bestochen haben, damit die Betreiber 65 Millionen Euro überweisen, ohne dass entsprechende Nachforderungen geprüft werden. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen die Verdächtigen nahezu abgeschlossen, der Flughafen-Mitarbeiter sitzt seit Mai in U-Haft.

Warum hat der Flughafen Imtech nicht rausgeworfen?

Die Verantwortlichen fürchteten, Zeit und Wissen zu verlieren. Imtech galt ihnen als „Schlüsselfirma“ für das Projekt. „Es gab den Glauben, dass in der Sekunde, wo die abziehen, was sie auf der Baustelle haben, der Termin tot ist“, sagte der frühere Technikchef Horst Amann einmal mit Blick auf den einst angestrebten Starttermin Oktober 2013.

Wie kam es zur Insolvenz?

Die deutsche Imtech-Tochter war in den vergangenen Jahren durch erhebliche Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Nach Konzernangaben hatte sie über Jahre Umsätze ausgewiesen, die es nicht gab. Das führte zu höheren Boni für die Führungsetage. Dann folgten millionenschwere Abschreibungen und Stellenstreichungen. Das neue Management konnte die Gesellschaft offensichtlich nicht aus der Schieflage befreien.

Welche Folgen hat das für den Flughafen?

Das wird wohl erst in den nächsten Tagen deutlich. „Maximale Unterstützung“ habe der Chef der deutschen Imtech, Felix Colsman, dem Flughafen zugesagt, heißt es. Doch wie viel ist die Zusage wert, wenn das Gehalt der Imtech-Leute nur bis Oktober gesichert ist? Die ersten erschienen schon am Freitag nicht mehr zur Arbeit. Der Insolvenzverwalter muss entscheiden, welche Aktivitäten des Großunternehmens mit 4000 Beschäftigten er am Laufen halten kann.

Kippt damit schon wieder der Eröffnungstermin?

Das ist nicht ausgeschlossen. Noch ist geplant, im zweiten Halbjahr 2017 an den Start zu gehen - mit sechs Jahren Verspätung. Die Situation jetzt erinnert an den Sommer 2010, als der Flughafen den ersten Eröffnungstermin im Oktober 2011 verschob - unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma.

„Imtech ist eine der wichtigsten Baufirmen auf der BER-Baustelle“, sagt Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Im fliegenden Galopp die Pferde zu wechseln, bringt Großprojekte in der Regel aus dem Tritt. Und der Zeitplan ist ohnehin angespannt. Erst am Donnerstag hatte Mühlenfeld die Planungs- und Baufirmen zu mehr Engagement aufgefordert, weil man einigen wichtigen Zwischenterminen hinterherhinke.

Das Ausland staunt längst. „Wie Berlins futuristischer Flughafen zu einer sechs Milliarden Dollar teuren Peinlichkeit wurde“ titelte das US-Magazin „Bloomberg Business“ im Juli. Es folgte ein 13-seitiger Report über „Deutschlands verschwenderisches Fiasko“, das sehr „an Griechenland erinnert“.

Auf der Aufsichtsratssitzung im September will Mühlenfeld das Chaos ordnen. Eine Grundsatzentscheidung hatte das Kontrollgremium bereits im Juli gefällt: BER erhält ab 2017 ein Provisorium. Der derzeitige Flughafen Schönefeld-Alt, der vor allem von Billigfliegern genutzt wird, soll fünf Jahre lang weiter betrieben werden und die Kapazität des BER so auf etwa 35 Millionen Passagiere pro Jahr erhöhen. Mühlenfeld will vorstellen, wie das funktionieren und der provisorische Terminal aussehen soll. Fest steht: Zu den bislang veranschlagten Gesamtkosten von 5,4 Milliarden Euro kommt noch ein hoher Millionenbetrag hinzu.

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