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19.04.2011

19:43 Uhr

Focus-Herausgeber

Markwort muss wegen Aphrodites Stinkefinger vor Gericht

VonGerd Höhler, Hans-Peter Siebenhaar

Vor einem Jahr empörte der Stinkefinger der Liebesgöttin Aphrodite auf dem "Focus"-Titel viele Griechen. Nun hat die ordinäre Geste der Göttin für Herausgeber Helmut Markwort ein juristisches Nachspiel.

Helmut Markwort, Herausgeber des "Focus", soll sich vor dem Athener Landgericht wegen eines anstößigen Titelbildes des Nachrichtenmagazins verantworten. Quelle: dapd

Helmut Markwort, Herausgeber des "Focus", soll sich vor dem Athener Landgericht wegen eines anstößigen Titelbildes des Nachrichtenmagazins verantworten.

Athen/DüsseldorfAusgerechnet die Liebesgöttin Aphrodite! Sie ballt die Faust und streckt den Mittelfinger aus – eine Gebärde, die wohl sagen soll: Europa kann mich mal. „Betrüger in der Euro-Familie“ stand in großen Lettern daneben. Das Titelbild, mit dem das Nachrichtenmagazin „Focus“ am 22. Februar 2010 an die Kioske kam, empörte viele Griechen. Jetzt bekommt die ordinäre Geste der Göttin ein juristisches Nachspiel: am 29. Juni sollen „Focus“-Herausgeber Helmut Markwort und neun seiner Mitarbeiter im Saal 10 des Athener Landgerichts der Staatsanwältin Ourania Stathea Rede und Antwort stehen. Stathea ermittelt gegen die Deutschen wegen Verleumdung, Übler Nachrede und Verunglimpfung von griechischen Staatssymbolen. Darauf stehen bis zu zwei Jahre Haft.

Als die „Focus“-Story erschien, begann sich gerade die griechische Schuldenkrise in ihren wahren Aus-maßen abzuzeichnen – einschließlich der jahrelang frisierten Athener Bilanzen. Titelblatt und Titelgeschichte lösten damals einen Sturm der Entrüstung in Athen aus: „Deutsche Galle gegen Griechenland“, ekelte sich das Massenblatt „Ta Nea“. Parlamentspräsident Philippos Petsalnikos bestellte gar den deutschen Botschafter ein.

Tatsächlich hatte es die Story in sich: Genüsslich beschreiben die „Focus“-Autoren „2000 Jahre Niedergang“. Der Leser erfährt von griechischen Ingenieuren, die von zwei Seiten einen Tunnel graben, sich aber in der Mitte um 35 Meter verfehlen; sie lesen von Fährschiff-Kapitänen, die wie Odysseus ziellos übers Meer irren .

Das wollten sechs Griechen nicht auf sich sitzen lassen. Sie erstatteten Strafanzeige gegen Markwort und neun „Focus“-Autoren. Die Story enthalte unwahre und beleidigende Behauptungen, die sie als Teil des griechischen Volkes in ihren Rechten verletzten.
In Medienkreisen in Deutschland wird die Anklage als „PR-Nummer“ gewertet. Sie sei ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes. Weder Markwort noch Burda waren gestern für eine Stellungnahme erreichbar.

Zu den Beschuldigten gehört auch der Bremer Reisejournalist Klaus Bötig, der auf „Focus Online“ die Griechen als „sympathisches Völkchen“ bezeichnet hatte. Das könnte ihm nun zum Verhängnis werden: die Kläger fühlen sich durch die Verkleinerungsform in ihrer Ehre verletzt. Ob Bötig nach Athen fahren wird, ist offen. Der Griechenland-Kenner versucht erst einmal herauszufinden, ob gegen ihn möglicherweise in Griechenland bereits ein Haftbefehl vorliegt.

Kommentare (21)

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malz

19.04.2011, 20:55 Uhr

Und wie steht es um die Vergleiche von Merkel mit Hitler in der griechischen Presse und im griechischen Fernsehen ?

dotoud

19.04.2011, 21:30 Uhr

Müssen die Deutschen hinfahren? Wie viel Deutsch steht im deutschen Auto, das in China gebaut ist und von Ingenieure aus der ganzen Welt entwickelt wurde? Haben Sie für die Auto bezahlt? Denken Sie bitte ein bisschen nach.

Habu89

19.04.2011, 21:44 Uhr

Nö, die Deutschen müssen nicht nach Griechenland fahren. Und werden es hoffentlich auch so schnell nicht mehr tun. Und würden am besten sofort sämtliche Hilfe für dieses "Völkchen" einstellen.

Zwischenzeitlich hat sich ja leider gezeigt, dass sämtliche Befürchtungen hinsichtlich der griechischen Staatsfinanzen voll und ganz berechtigt - um nicht zu sagen: untertrieben - waren!

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