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16.01.2015

16:13 Uhr

Franken und der Euro

Schweizer Unternehmen müssen fliehen

VonChristof Kerkmann

Schock für die Schweiz: Weil die Zentralbank den Franken vom Euro löst, werden Exporte deutlich teurer. „Wir haben keine Marge mehr“, klagt der Unternehmer Andy Keel – und denkt darüber nach, das Land zu verlassen.

Umtauschkurs 1:1: Die Wechselkurskapriolen bereiten vielen Schweizer Unternehmen Probleme. dpa

Umtauschkurs 1:1: Die Wechselkurskapriolen bereiten vielen Schweizer Unternehmen Probleme.

DüsseldorfDie Nachricht erreichte ihn über Twitter. Und Andy Keel war sofort klar, was sie bedeutet: „Eine absolute Katastrophe.“

Keel ist Unternehmer, seine Firma Dade Design baut in der Ostschweiz Inneneinrichtungen aus Beton. Waschtische und Wannen fürs Badezimmer, Arbeitsplatten für die Küche. Diese Unikate, „swiss made“, verkauft er in ganz Europa, für ein Stück werden schnell ein paar Tausend Euro fällig. Als gestern die Nachricht die Runde machte, dass die Schweizer Zentralbank SNB den Mindestkurs des Franken gegenüber dem Euro aufgibt, erkannte der frühere Banker sofort die Folgen: Die Exporte in die Eurozone werden deutlich teurer – und die Kundschaft droht abzuspringen. „Wird wohl das Ende für meine Produktion in der Schweiz bedeuten“, twitterte Keel.

Die radikale geldpolitische Wende der Schweizer Zentralbank ist ein Schock für die Wirtschaft des Alpenstaates. 50 Prozent der Exporte gehen nach Deutschland, Frankreich und alle anderen Länder der Eurozone. Besonders hart ist das für Maschinenbauer und Autozulieferer, Chemie und Pharma, Hotels und Tourismusbranche. Die Folgen betreffen aber die gesamte Wirtschaft: Die Großbank UBS senkte umgehend ihre Wachstumsprognose fürs laufende Jahr von 1,8 auf 0,5 Prozent.

In welchen Schwierigkeiten gerade kleine Unternehmen stecken, zeigt Dade Design. „Ich zahle Schweizer Löhne in Schweizer Franken, exportiere aber mehr als die Hälfte in den EU-Raum“, sagt Keel im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei allen Verkäufen in die Eurozone nehme er auf einen Schlag 20 Prozent weniger ein. Das Resultat ist für den Unternehmer dramatisch: „Wir haben ab sofort keine Marge mehr. Die ist weg, knallhart, über Nacht.“ Die Gewinnspanne sei eben deutlich niedriger als bei Schweizer Uhren.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Eine starke Währung zwingt Unternehmen dazu, effizienter zu arbeiten – die deutsche Industrie lernte diese harte Lektion zu D-Mark-Zeiten. Doch die Produktivität lässt sich nur begrenzt steigern. Selbstverständlich könne er bei jedem Produkt ein paar Arbeitsstunden einsparen, sagt Keel, etwa mit besseren Kränen für die schweren Betonteile. „Die Kernfrage ist aber: Investiere ich, um effizienter zu werden? Bei einer solchen Ausgangslage sage ich: nein.“

Unternehmer Andy Keel Privat

Unternehmer Andy Keel

Keel denkt darüber nach, mit der Firma ins Ausland zu ziehen. Der Sitz liegt im beschaulichen Altstätten, nur eine halbe Autostunde vom Bodensee entfernt. Österreich und Deutschland sind nicht weit weg – „da liegt es nahe, die Produktion über die Grenze zu verlagern“, sagt Keel. Er kann sich aber auch einen noch drastischeren Schritt vorstellen und beispielsweise in Polen produzieren lassen. Die Transportkosten fallen in der Branche nicht so sehr ins Gewicht.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

16.01.2015, 16:26 Uhr

Schweizer Unternehmen müssen fliehen


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Wer als Schweizer Unternehmer wegen des aktuellen

aufwerten des Schweizer Franken...

sich überlegt oder sogar ausspricht...

deswegen den Schweizer Boden zu verlassen mit seinem Unternehmen...

zeigt entweder wenig Politischen Verstand für die aktuelle

Europäische politische Lage...

oder besitzt leider zu wenig unternehmerischen Weitsicht.






Account gelöscht!

16.01.2015, 16:31 Uhr

"„Wir haben keine Marge mehr“, klagt der Unternehmer Andy Keel – und denkt darüber nach, das Land zu verlassen."

Das er erst jetzt darüber nachdenkt, zeigt nur seine persönliche Faulheit und Bequemlichkeit oder seine totale Naivität auf. Vor zwei Jahren wäre spätestens der richtige Zeitpunkt gewesen mindestens erste Schritte für eine Teilverlagerung anzugehen. Der Euro ist, wie der US-Dollar und das britische Pfund, eine Weichwährung gemanagt von ambivalenten Währungshütern und getrieben von durchgeknallten EU-Politikern. Schweizer Währungshüter die sich dem ausliefern musste von Schweizer Unternehmen ebenfalls zwingend misstraut werden.
Aus Schaden wird man klug und aus verhindertem Schaden überlebt man!

Herr x y

16.01.2015, 16:39 Uhr

Was soll das Gejammere? Wenn man Beton-Badewannen für 'mehrere tausend Euro' nach D verkaufen kann, spielt der Preis offensichtlich keine Roole. Es geht um das Prestige. Für diese Klientel spielen Preiserhöhungen keine Rolle, im Gegenteil, das Prestige steigt mit.

Rolexuhren waren noch nie ihr Geld wert, das Prestige ist ausschlaggebend. Es gilt daselbe.

Wer Tamiflu herstellt, kann es zu jedem Preis verkaufen.

Und nicht zu vergessen: Der Preis der importierten Vorprodukte sinkt im gleichen Verhältnis. Da die Schweiz keine Bodenschätze (außer Zement und Kies für die Badewannen), muß sie eh' alles importieren.

Ich würde mir eher Gedanken machen, daß Betonbadewannen viel zu klobig sind und es heute eleganteres in hochwertigem Kunststoff gibt.

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