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28.12.2015

12:52 Uhr

Frauenquote in Deutschland

Kulturwandel kommt nur langsam voran

Für die Frauenquote ist 2016 ein sehr wichtiges Jahr. Denn jetzt kommt der Praxistest. Die Prognosen sind bescheiden: Komplett erfüllt werden die 30 Prozent, wie sie das Gesetz vorsieht, wohl noch lange nicht.

Viele der größten börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen haben die Quote von 30 Prozent mit Jahresbeginn 2016 nicht erreicht. dpa

Frauen in Führungspositionen?

Viele der größten börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen haben die Quote von 30 Prozent mit Jahresbeginn 2016 nicht erreicht.

BerlinFür viele war es ein historischer Schritt. 2015 wurde die Frauenquote Gesetz. Allerdings haben viele der etwa 100 größten börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen die Quote von 30 Prozent mit Jahresbeginn 2016 nicht erreicht - und werden sie auch am Ende des Jahres nicht geschafft haben. Denn erst dann, wenn Neubesetzungen oder Nachwahlen für den Aufsichtsrat anstehen, greift die Neuregelung. Das kann fünf Jahre dauern.

Im August 2015 lag die Frauenquote in den Aufsichtsräten der 30 Dax-Unternehmen bei 26,7 Prozent. Nach inoffiziellen Zahlen der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) liegt sie Ende 2015 sogar noch darunter. Bemerkenswert sind die Differenzen. Spitzenreiter im August war Henkel mit 43,75 Prozent. Fresenius und Fresenius Medical Care waren Schlusslichter mit 0,0 Prozent.

Frauenquote: Teilzeit-Chefs sollen den Kulturwandel einleiten

Frauenquote

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Frauen an der Spitze deutscher Unternehmen sind noch immer eine Seltenheit. Größter Karriere-Hemmschuh für Frauen sind laut einer Studie die eigenen Kinder. Fachleute sagen: Es braucht einen Kulturwandel in den Firmen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die Quote nach wie vor kritisch. „Eine starre Quote ist und bleibt ein erheblicher Eingriff in die unternehmerische Freiheit“, sagt Holger Lösch, Mitglied im BDI-Hauptvorstand. Insgesamt hat der Verband aber wohl seinen Frieden damit gemacht. Zu den Bemühungen der Unternehmen sagt Lösch: „Es gibt spürbare Fortschritte.“

FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow erkennt in den Unternehmen immer noch große Vorbehalte. „Viele fühlen sich durch das Gesetz gestört.“ Die gängige Einstellung sei weiterhin: „Was mischt sich der Staat bei der Privatwirtschaft ein?“ Manche Unternehmen verweigerten sich mit dem bekannten Argument: „Wir finden niemanden.“

Warum Frauen im Hamsterrad und Männer im Vorstand landen

Zehn Thesen

10 wesentliche Thesen von Brigitte Witzer aus ihrem Buche „Die Fleißlüge - Warum Frauen im Hamsterrad landen und Männer im Vorstand“. Hat man schon jemals von einem fleißigen Mann auf einer Top-Position gehört? Kein Wunder also, dass Frauen in ihren traditionellen Rollen als „Prinzessin“ und „Superbiene“ grandios scheitern, weil sie genau darauf bauen: Fleiß. Los geht's mit These 1.

These 1: Tugend-Irrtum

Frauen wollen mit genau den gleichen Tugenden im Beruf erfolgreich sein wie schon ihre Mütter und Großmütter in Haus und Hof. Doch das Berufsleben ist ein Spiel mit eigenen Regeln, die oft genug unbekannt und nicht thematisiert sind.

These 2: Was zählt ist Fleiß und Schönheit

Die traditionelle Frauenrolle kann nur mit Fleiß oder Schönheit erfolgreich gelebt werden. Beides lässt sich gut messen und gut zeigen.

These 3: Frauen bleiben stecken

Fleiß führt zügig zu Top-Abschlüssen und oft sehr schnell ins mittlere Management bis an die „Gläserne Decke“. Aber auch weiter?

These 4: Auch Männer kennen Glasdecke

Die Sicht der anderen Seite: Männer holen sich in der Elternzeit blaue Flecken an der gleichen „Gläsernen Decke“: „Kann der das?“

These 5: Kein Arbeiten auf Augenhöhe

Fatal genug: Die „Gläserne Decke“ ist keine Erfindung der Arbeitswelt. Sie sichert viel mehr gegenseitige Abhängigkeiten und verhindert Augenhöhe zwischen Männern
und Frauen in allen Lebensbereichen.

These 6: Macht gewinnt über Inhalte

In der Wirtschaft gewinnt Strategie bzw. Macht ausnahmslos über Inhalte – Frauen kümmern sich eher um Inhalte, Männer um Strategie und Macht.

These 7: Frauen rächen sich mit...

Die Folge: Männer wechseln leicht ihre Strategien und tauschen Inhalte aus – und mit ihnen die fleißigen Frauen, die diese liefern. Inhaltsgetriebene Frauen rächen
sich mit der Abwertung strategischer Manager.

These 8: Für Männer reicht das Potential

Privat wie öffentlich gilt: Frauen müssen hier und jetzt gut sein – Prinzessinnengleich -, für Prinzen reicht das Potential.

These 9: Das Spiel der Königin

Frauen als „Prinzessinnen“ und „Superbienen“ üben neue Möglichkeiten als Heldin und gewinnen Augenhöhe als Königin. Erst in dieser Rolle begreifen sie das Gute am
Macht-Spiel: Einflussnahme, Strategie, Politik – mit persönlicher Überzeugung, aber sicher nicht mit Fleiß.

These 10: Der Weg zur eigenen Identität

Die Welt von Morgen ist auf diese Handlungsqualität angewiesen. Sie sollte gemeinsam von Männern und von Frauen gestaltet werden, die Hierarchie hinter sich lassen
und zur eigenen Identität finden.

Bemerkenswert ist nach FidAR-Angaben auch, dass der Frauenanteil auf der Arbeitgeberseite der Aufsichtsräte noch geringer ist als bei den Arbeitnehmern. Etwa jedes Fünfte der rund 100 börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen hat demnach überhaupt keine Frau auf der Anteilseignerseite des Aufsichtsrats.

Mindestens so wichtig wie die 30-Prozent-Quote in den größten Konzernen sind die Vorgaben für etwa 3500 weitere Unternehmen, die sich selbst Zielgrößen für den Frauenanteil in Vorstand, Aufsichtsrat und weiteren Führungsetagen geben müssen. Die Umsetzung kommt hier offensichtlich nur schleppend voran. Zielvorgabe Null ist keine Seltenheit.

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