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07.03.2014

07:25 Uhr

Gastbeitrag

„Nehmen Sie von weiteren Bewerbungen Abstand“

VonSvenja Hofert

Nicht nur Bewerbungen, auch Absagen sollten mit viel Fingerspitzengefühl formuliert sein, findet die Karriere-Expertin Svenja Hofert. Die meisten Absagen-Texte sind „haarsträubend“. Eine kleine Auswahl.

Nach einem Vorstellungsgespräch wird es spannend: Kommt die Zusage, oder folgt die Absage? ALIMDI.NET / A. G. Holesch

Nach einem Vorstellungsgespräch wird es spannend: Kommt die Zusage, oder folgt die Absage?

DüsseldorfWenn Bewerber sich auf einen Job freuen, auf den sie zu 100 Prozent zu passen scheinen, ist es nicht schön, im Postfach eine Absage vorzufinden. Vor allem, wenn diese eine lieblose Mail an die „sehr geehrten Bewerber/sehr geehrte Bewerberinnen“ ist, die – vermutlich oder manchmal sichtbar durch offenes CC: – gleichzeitig an 100 andere Personen gegangen ist. „Wir haben uns für einen Kandidaten entschieden, der mit seinen Qualifikationen besser zu unseren Anforderungen passte.“ Besser?

Unsere Kunden leiten immer mal wieder Absagen an uns weiter mit dem Verweis „für Ihren Blog“ oder „für Ihre Sammlung“. Meistens sind die Absagen-Texte haarsträubend. Und ich könnte die beim Namen nennen, die dabei besonders unprofessionell agieren. Etwa die Bank, die den Bewerber bittet „von weiteren Bewerbungen Abstand zu nehmen“, da das Profil auch in Zukunft nicht passen würde. In Zukunft? Weiß das dieser Arbeitgeber?

Was ist, wenn ein neuer Personalchef eine ganz andere Strategie ausgibt? Und wer hat im Zeichen der Veränderungen am Arbeitsmarkt überhaupt so eine Strategie ausgegeben? Kann man das überhaupt Strategie nennen?

Die Dos and Don'ts bei der CEO-Bewerbung

Kompetenzen

Das Auflisten gleichförmiger Kompetenzkataloge wie "strategisch, analytisch, zupackend, führungs- und verhandlungsstark" in der schriftlichen Bewerbung ist in Wirklichkeit ermüdend, weil nichtssagend, das unreflektierte Befolgen der allgegenwärtigen Empfehlung, sich in der mündlichen Bewerbung "gut zu verkaufen", ist dagegen sogar gefährlich.

(Quelle: Jügen und Nane Nebel, Die CEO-Bewerbung - Karrierebeschleunigung ohne Netzwerk und Headhunter)

Dokumente

Unsere Erfahrung hat uns gezeigt: Drei Kurzdokumente - eine "Executive Summary" Ihres Lebenslaufes, eine Darstellung Ihrer "Beiträge zum Geschäftserfolg" und ein kurzes, nicht besonders persönlich gestaltetes Anschreiben - sind Ihre Eintrittskarte zum Vorstellungsgespräch.

Karrierefalle

Karrierefalle Nummer eins dürfte der Glaubenssatz sein: "Guter Manager werden angesprochen - sie sprechen nicht selbst an!". "In Schönheit sterben" muss nicht gleich die unerwünschte Folge solch vornehmer Zurückhaltung sein. Aber ganz sicher bezahlen Manager solche bisweilen dünkelhafte Reserviertheit mit deutlich weniger Karriereoptionen, als sie ihren kontaktfreudigeren Konkurrenten geboten werden.

Businessnetzwerke

Jobbörsen und Businessnetzwerke halten für Manager nicht, was sie versprechen! Verlassen Sie sich nicht darauf anzunehmen, Unternehmen würden in großem Umfang versuchen, die erfolgsentscheidenden C-Level-Positionen zu besetzen, indem sie die in Masken gepressten CV-Profile nach möglicherweise Passendem durchforsten.

Fußball

In der Welt der Unternehmen ist es wie im Fußball: Am Ende zählen nur die geschossenen Tore! Das sollten Sie im Kopf behalten, wenn Sie das nächste Mal im Interview für eine neue Position sind oder Ihre Unterlagen aufbereiten: Für das bloße Tätigwerden wird der Manager nicht bezahlt.

Erfolge

Zeigen Sie, mit welchem Aufwand, welcher Methode Sie Ihre Erfolge erzielen konnten – das schmückt Ihre Performancedarstellung, denn nach Thomas Edison ist Erfolg nur ein Prozent Inspiration, aber zu 99 Prozent Transpiration!

Charakter

Sparen Sie sich die Darstellung Ihrer charakterlichen Eigenschaften oder Kompetenzen - wenn überhaupt - für das persönliche Gespräch auf und erhöhen Sie die Seriosität Ihrer schriftlichen Unterlagen durch weitgehenden Verzicht auf die vorgestanzten, selbstetikettierenden Lobhudeleien, etwa Sie seinen durchsetzungsstark, analytisch und strategisch.

Sie, 23, sucht

Oft entfalten zutreffende, aber abstrakte Begriffe erst ihre volle Wirkung, wenn sie aufgefächert werden in ihre inhaltlichen Bestandteile: So, wie aus "Sie, 23, sucht..." dann "Weiblich, ledig, jung sucht..." wird und damit eine ganz andere emotionale Kraft und Anschaulichkeit ausgedrückt wird, wird aus dem sehr pauschalen "international" durch die Auffächerung in "Skandinavien, Südosteuropa sowie Middle East" etwas Konkretes, Anschauliches und Überzeugendes.

CV-Aufbau

Bauen Sie Ihren CV retrograd - rückwärts-chronologisch - auf. Bei zeitlich aufsteigendem Aufbau würde er schon auf den ersten Blick veraltet wirken. Die aus dem retrograden Aufbau resultierenden Nachteile lassen sich mehr als ausgleichen durch nach sachlichen Kriterien geordnete, zusätzliche Executive-Summary-Versionen.

Wer die Wahl hat,...

Unternehmen sind fast so unterschiedlich wie Menschen. Sie wenig, wie Sie die meisten heiraten würden, so wenig sinnvoll ist es, für die meisten Unternehmen arbeiten zu wollen. Es führt also kein Weg daran vorbei, mit einer respektablen Anzahl von Unternehmen Erstgespräche zu führen, um herauszubekommen, wer zu Ihnen passt: Nicht "Wer die Wahl hat, hat die Qual", sondern "Nur wer die Wahl hat, hat keine Qual."

Ich kenne den CV des betreffenden Bewerbers; er ist makellos, mit Auslandserfahrung und allem, was man sich so wünscht. Vielleicht gefiel es nicht, dass die Person nicht nur in der Finanzbranche Erfahrung gesammelt hat, sondern auch außerhalb – man wird es nie erfahren. Möglicherweise wurde auch gar nicht richtig gelesen. Das kommt vor, erschreckend häufig. Wie beim Hamburger Konzern, der absagt, um fünf Minuten später wieder anzurufen. „Äh, war ein Versehen, der Praktikant hatte nicht genau genug hingesehen.“

Die Deutsche Bahn schreibt weiter: „Bitte lassen Sie sich jetzt nicht entmutigen, sondern sich vielmehr darin bestärken, auch weiterhin aktiv z.B. auf unserem Karriereportal (…) nach alternativen Positionen zu schauen. Vielleicht ergibt sich ja zu einem späteren Zeitpunkt mit einer anderen Stelle eine neue Chance bei der DB für Sie.“

Ja, das ist einerseits freundlich und andrerseits geschickt: warmhalten. Was können Personaler daraus lernen?

Lassen Sie die Texte nicht von Praktikanten schreiben. Sowohl beim Stelleninserat als auch bei der Absage lohnt sich das Invest in einen Texter. Doch es geht nicht um den Text allein, denken wir an das schon öfter thematisierte „Kampagnen-Du“. Nein, ein guter Texter sollte auf der Basis echter Informationen und wirklicher Strategie texten. Die ideale Basis ist ein Manual für die „Personal-Außenpolitik”. Ich sage bewusst „Außenpolitik“, weil das Wort Employer Branding ein Schimpfwort ist. Nirgendwo sonst wie in der Außenpolitik kommt es so stark auf Diplomatie an – bei maximaler Klarheit und in Harmonie zu den inneren Werten.

Die Autorin des Gastbeitrages, Svenja Hofert, ist Expertin für neue Karrieren. Die Autorin verschiedener Ratgeber und Sachbücher gilt als Kennerin moderner Karriere- und Jobmodelle. Sie bloggt und betreibt ein Coachingbüro in Hamburg.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

07.03.2014, 12:38 Uhr

Die Personalabteilungen großer Unternehmen haben fast alle ihre eigene Hausmachtstellung entwickelt. Teilweise wird dann auch das mittlere Mgmt lustig hin und hergeschoben - einmal quer durch die Welt und durch alle Funktionen.
Ist das auch kundengerecht? I wo, daß interessiert doch die arroganten Personaler nicht. Durch diese Arroganz sind schon einige Unternehmen zugrundegegangen.
Oder wie Bosch wirtschaftlich desolat.

Account gelöscht!

07.03.2014, 13:16 Uhr

Ist doch egal, wie die Absage geschrieben wurde. Absage ist Absage und heißt: Wir wollen dich nicht!

Müssen Absagen jetzt auch in Watte und warme Worthülsen verpackt werden, so wie die politisch korrekten Umschreibungen für unbequeme Wahrheiten?

Die Welt ist nunmal hart.
Man sollte sich der Realität bewusst und damit auch bereit sein, diese anzunehmen.



Account gelöscht!

07.03.2014, 16:39 Uhr

Sie machen ihrem Namen alle Ehre :-)
Die Welt ist hart? Nein, aber es gibt harte Menschen. jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass sie menschlicher bleibt und wird. ein Personaler ist z.B.nicht gezwunden Altersdiskrimierung zu betreiben. Es sind Menschen, die die Entscheidungen fällen,nicht die "Welt"

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