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21.05.2014

17:06 Uhr

Geblitzt.com

Der Schrecken der Bußgeldstelle

VonLukas Bay

Die Seite „Geblitzt.com“ wirbt damit, Bußgeldbescheide kostenlos auf Fehler zu prüfen. Das könnte die Kommunen viel Geld kosten. Doch der Deutsche Anwaltverein ist skeptisch, dass das Geschäftsmodell Bestand hat.

Der Streit nach dem Blitz: Die Seite "Geblitzt.com" will Bußgeldbescheide kostenlos prüfen. Imago

Der Streit nach dem Blitz: Die Seite "Geblitzt.com" will Bußgeldbescheide kostenlos prüfen.

DüsseldorfKurz bevor Markus Harwarth (Name von der der Redaktion geändert) die Baustelle auf der Autobahn hinter sich lässt, blitzt es. 60 Kilometer pro Stunde waren erlaubt, Harwarth war deutlich schneller. Auf dem Bußgeldbescheid, der wenige Wochen später in seinem Briefkasten liegt, steht es schwarz auf weiß: 26 Stundenkilometer zu viel hat der Radarmesser der Polizei ermittelt. Das macht 100 Euro, 3 Punkte und sogar ein einmonatiges Fahrverbot, denn es ist nicht das erste Mal, dass Harwarth geblitzt wird. Nur ein Stundenkilometer weniger und er wäre glimpflicher davon gekommen.

Für Harwarth ist der Bußgeldbescheid eine Katastrophe. Als Taxifahrer ist er auf seinen Führerschein angewiesen. Dann entdeckt er im Internet Geblitzt.com. Die Seite wirbt dem einem einfachen Versprechen: Sie lässt Bußgeldbescheide kostenlos auf ihre Richtigkeit prüfen. Wenn die Lizenzanwälte der Seite keine Chance sehen, den Fall zu gewinnen, lehnen sie eine weitere Bearbeitung ab. Sehen sie eine gute Chance, dass der Fall Erfolg haben könnte, fechten sie den Fall für den Klienten durch. Und das ebenfalls völlig gratis.

„Viele zahlen diesen Bußgeldbescheid einfach – dabei ist die Fehlerquote hoch“, sagt Jan Ginhold, Betreiber von Geblitzt.com. Acht Prozent aller Bußgeldbescheide in Deutschland seien unzulässig falsch, so haben es Verkehrsexperten auf dem 51. Verkehrsgerichtstag in Goslar 2013 in einer Studie errechnet. Jeder vierte Bußgeldbescheid ist zudem in der Beweisführung mangelhaft. Die Gründe reichen vom unkenntlichen Foto über fehlerhaft ausgefüllte Formulare bis zu falsch geeichten Radargeräten. Ginhold und seine Seite könnten damit zum Schrecken der Bußgeldstelle werden: Denn die Blitzer spülen Jahr für Jahr Millionen in die Stadtkassen. Alleine die Stadt Stuttgart nimmt jährlich 7,9 Millionen Euro durch Radarkontrollen ein.

Das Angebot von Geblitzt.com klingt verlockend. Eine Dienstleistung, die bei einem anderen Anwälten bis zu 800 Euro kostet, gibt es dort gratis. Das Geschäftsmodell: Wenn ein Bußgeldbescheid in einem Prozess für fehlerhaft befunden wird, muss die Bußgeldstelle den Anwalt bezahlen. Hat der Geblitzte bei dem Prozess keinen Erfolg, zahlt Geblitzt.com selbst das Anwaltshonorar. Das Geld bekommt die Firma aus Lizenzeinnahmen. Denn die Anwälte, die über die Plattform Fälle annehmen, müssen für die Nutzung dieses Dienstes ihrerseits Geld bezahlen.

„Viel Arbeitszeit in Anwaltskanzleien geht für Routinen drauf“, sagt Ginhold. Seine Firma Coduka ist der Betreiber von Geblitzt.com und fungiert als Prozessfinanzierer und Softwareentwickler. Das System von Coduka soll den Anwälten die Arbeit immens erleichtern: Ginhold spricht von einer Zeitersparnis von bis zu 90 Prozent. Die Prüfung einer Akte alleine nehme für einen erfahrenen Anwalt meist nicht mehr als 15 Minuten in Anspruch, weil alle erforderlichen Daten bereits aufgenommen wurden.

Insgesamt – so wirbt die Coduka – habe man über Geblitzt.com bereits mehr als 2000 Fälle bearbeitet. Für die Anwälte hat das System mehrere Vorteile. Zum einen sparen sie Zeit, zum anderen spielt Ihnen die Seite neue Klienten in die Kanzlei. Für jeden bearbeiteten Fall zahlt die Coduka den Anwälten eine zudem eine kleine Pauschale, denn Anwälte dürfen laut Gesetz nicht kostenlos arbeiten.

Sind Fälle komplizierter gelagert, können die Anwälte auch weitere Beratung anbieten. Ist beispielsweise ein Bußgeldbescheid korrekt, aber ein Fahrverbot zu vermeiden, kann sich der Klient weiter von der Kanzlei vertreten lassen. Die Nutzer von Geblitzt.com können dann selbst entscheiden, ob sie ihren Fall kostenpflichtig weiterführen wollen. Rund jeder dritte Nutzer hat auch eine Rechtsschutzversicherung, die eventuelle Kosten übernimmt.

Bisher geht das Geschäftsmodell auf, sagt Betreiber Ginhold, man sei bereits profitabel.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

21.05.2014, 17:46 Uhr

Schon aus Prinzip werde ich diese Aktion unterstützen.

Danke HB ein sehr wichtiger Hinweis.


Account gelöscht!

21.05.2014, 20:40 Uhr

"„Der Staat verteidigt jeden Euro mit Zähnen und Klauen.“ "

Insbesondere dann, wenn der Aufwand dafür das Bußgeld bei weitem überschreitet. Denn so arbeiten Verwaltungen num einmal.

Account gelöscht!

21.05.2014, 21:39 Uhr

Falls es so einfach wäre, gäbe es sicherlich eine andere Kanzlei die den Kommunem erklären könnte wie man korrekte Bescheide verschickt - zumindest solche die man nicht automatisiert als falsch erkennt.

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