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26.07.2013

10:04 Uhr

Gefordert und überfordert

Was treibt Manager in die Ausweglosigkeit?

VonCarina Kontio

„Ich war noch nie wirklich relaxed“: Der verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter war ein Getriebener. Sein Suizid bewegt die Öffentlichkeit. Über die psychische Belastung von Managern – und Wege aus der Sackgasse.

Dauernd gefordert und am Ende überfordert? Topmanager tauschen Lebenszeit gegen Geld. © Creasource/Corbis

Dauernd gefordert und am Ende überfordert? Topmanager tauschen Lebenszeit gegen Geld.

Düsseldorf„Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen. Das schnürt Ihnen die Kehle zu“, erzählte Carsten Schloter im Mai einem Journalisten der Schweizer Sonntagszeitung. Zwei Monate später ist der Swisscom-Chef tot – er wurde am Dienstag leblos an seinem Wohnort im Raum Freiburg gefunden. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Der Manager hinterlässt drei kleine Kinder und eine Ehefrau, von der er getrennt lebte.

Die Gründe für seinen Selbstmord sind noch unklar, aber der 49-Jährige sprach ganz offen davon, dass er Mühe hatte, sich von der Arbeit abzugrenzen. Er war ein Getriebener. Einer, der nicht abstritt, dass er ein Workaholic ist und in Interviews erzählte, dass er sein Smartphone nicht abschalten kann, um ständig erreichbar zu sein. Schloter: „Ich stelle bei mir fest, dass ich immer größere Schwierigkeiten habe, zur Ruhe zu kommen, das Tempo herunterzunehmen.“

Fünf Wege aus der Depression

1. Den Sinn der Depression erkennen

Die Therapeutin und Autorin Ursula Nuber zeigt in ihrem Buch "Wer bin ich ohne dich?" fünf Wege aus der Depression. Die 1. Strategie lautet: Den Sinn der Depression erkennen. Dabei ist es für Betroffene wichtig herauszubekommen, welcher Sinn, welche Botschaft für sie in der Krankheit enthalten ist. Dazu gehört auch, dass sie nicht ausschließlich auf hormonelle Veränderungen, biochemische Ungleichgewichte im Gehirn oder Erbfaktoren zurückgeführt und damit zu einem rein medizinischen Problem reduziert werden sollte. Wenn es gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln, kann sich die Depression als grundlegende Veränderung zum Positiven nutzen lassen.

So wie Angst ein Signal für Gefahr ist, so ist die Depression häufig ein Signal, dass man sich vor vergeblichen Anstrengungen schützen sollte.

2. Selbst aktiv werden

In dieser Phase können Erkrankte viel Neues über sich lernen. Sie bekommen eine Ahnung, was genau ihnen nicht gut tut, wo sie die Weichen anders stellen müssen. Sie achten nicht nur darauf, wann sie sich besonders niedergeschlagen und ungeliebt fühlen, sie achten ebenso darauf, wer und was ihnen dabei hilft, damit die Depression weniger intensiv spürbar ist. Sie erkennen, dass sie kein passives Opfer der Krankheit sein müssen, sondern durchaus Einfluss auf sie nehmen können - zum Beispiel indem sie sich in Bewegung setzen.

3. Hilfe annehmen

Die Erfahrung, nicht auf sich allein gestellt zu sein, kann auf dem Weg aus der Depression so etwas wie ein Leitstern werden. Vor allem Freunde können hilfreich im Prozess der Selbstfindung sein. Nachhaltig helfen kann auch eine rechtzeitige psychotherapeutische Behandlung, die das Risiko, an weiteren Depressionen zu erkranken, deutlich senkt. Der richtige Therapeut kann also ein äußerst wichtiger Begleiter bei der Depressionsarbeit sein. Ausschlaggebend für den Erfolg ist nicht in erster Linie die Methode, sondern die Beziehung, die zwischen dem Therapeuten und dem Klienten entsteht.

4. Wenn ich nicht für mich bin, wer ist es dann?

Niemanden behandeln Depressive, ganz besonders depressive Frauen, so schlecht wie sich selbst. Depressionsgefährdete Frauen neigen dazu, mit sich selbst ungeduldig zu sein und sich selbst zu kritisieren, sie beschuldigen sich für ihr Versagen und werfen sich vor, anderen Menschen Probleme zu bereiten.

Ob Mann oder Frau: Wichtig ist vor allem die Selbstfürsorge und das Mitgefühl für sich selbst. Kommt die Selbstfürsorge dauerhaft zu kurz, dann kann das auch zu einem Stressfaktor werden, der in die Depression führen kann. Erkrankte müssen erkennen, dass ihr Leben nicht dadurch lebenswert wird, indem sie möglichst viel für andere leisten, sondern dass es vielmehr darauf ankomme, dass sie sich möglichst viel ersparen.

5. Nett war gestern

Die reife Form der Aggressionsverarbeitung kann man nur dadurch erwerben, dass man Erfahrungen mit seiner Aggression macht. Wir alle haben das Recht auf alles, was wir fühlen. Das geringe Selbstwertgefühl Depressiver hat eine wichtige Wurzel in ihrer nicht gewagten, nicht gekonnten Aggressivität. Depressive müssen lernen, den Ton lauter zu stellen. Und Frauen, die ihre Depression überwinden wollen, müssen ihre Rolle als nettes Mädchen aufgeben. Denn Nettsein ist eine Einbahnstraße. Wer nett ist, ist beliebt, aber er wird ausgenutzt und bekommt nicht, was er sich wünscht, nämlich Anerkennung und eine Gegenleistung für das Nettsein.

(Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

Diese persönlichen Aussagen erscheinen jetzt in einem ganz anderen Licht. Es ist die Tragik vieler Topmanager, dass sie psychische Probleme als Schwäche interpretieren. Vor allem Führungskräfte sind Meister im Verbergen. „Psychische Probleme werden in der heutigen Leistungswelt als ein No-Go angesehen“, weiß der Coach Hartmut Stepputtis. „Je mehr Führungskräfte dazu neigen, sich als fehlerfrei und untouchable zu zeigen, desto problematischer wird es, über eigene Note zu reden.“

Dabei leiden Männer genauso häufig wie Frauen unter Depressionen - die Hauptursache für einen Selbstmord. Etwa vier Millionen Menschen sind in Deutschland laut dem europäischen Fachverband European Depression Association an Depressionen erkrankt. Allerdings, das hat das Robert-Koch-Institut ermittelt, werden nur 20 Prozent der Männerdepressionen überhaupt erkannt, während die Quote bei Frauen gut 40 Prozent beträgt. Die Selbstmordrate bei Männern ist dreimal so hoch wie bei Frauen.

Warum ihr Leiden häufig nicht erkannt wird, weiß der Führungskräftecoach Gottfried Huemer. „Wenn zu mir zehn Männer kommen, die unter einem Burnout oder einer Depression leiden, befindet sich darunter maximal einer, der das weiß“, schildert Huemer aus seinem Praxisalltag. „Die anderen Klienten sind sehr sehr überrascht. Erst, wenn ich ihnen die Symptome schildere, geht ein Licht auf.“ Weil Männer Experten darin sind, ihre Gefühlswelt abzuschalten, drücken sich seelische Nöte häufig über den Körper aus. Das gehe relativ lange gut. Huemer: „Gerade habe ich jemanden in der Beratung, der zum dritten Mal einen Bandscheibenvorfall hat.“

Kommentare (33)

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Account gelöscht!

26.07.2013, 10:22 Uhr

Ein sehr schwaches Selbstwertgefühl gepaart mit dem enormen Wunsch nach Anerkennung, dazu die feste Überzeugung, außerirdisch brilliant zu sein - das ist die Basis für einen überduchschnittlichen Berufserfolg. Und zugleich für einen Psychopathen.

Robert Hare hat das in seinem legendären Buch perfekt beschrieben.

Arbeiter

26.07.2013, 10:34 Uhr

Ja die armen Manager, wir sollten aber auch nicht die Millionen Arbeitnehmer vergessen die unter Stress in der Arbeit leiden. Denen geht es doch genauso z.B. wenn man Angst um seinen Job hat und dann bis zum umfallen arbeitet, damit ja keien Chef sagt der ist faul und ist entbehrlich. Oder deer Mitarbeiter leidet uter einem gar zu strengen und nörgligen Chef/in, die alles kontrolliert und nicht motiviert sondern nur rummotzt egal ob man gut der schlecht ist, etc. etc. . Wenn man da als Mitarbeiter nicht eine dicke Haut hat kann das auch schnell in diese Rcihtung gehen und dann ist auch keiner da der einem hilft, denn bei so etwas ist sich jeder selbst der nächste insbesondere wenn es um den Job geht. Da gibt es auch keine Kollegen mehr die einem helfen und unterstützen......

Wolfsfreund

26.07.2013, 10:38 Uhr

Als Manager verdient man ja nun gewöhnlich nicht schlecht. Ergo hat man schnell etliche Reserven auf der hohen Kante.
Warum dann nicht innehalten und sich fragen, was wirklich wichtig ist im Leben? Geld kann ungemein beruhigend sein und einem den Rücken freihalten, aber ab einem gewissen Punkt kann man es doch gar nicht mehr alles ausgeben. Noch'n Luxusauto? Noch eine Ferienwohnung? Noch eine Yacht? Mehr als sattessen kann man sich auch nicht. So viel haben mich die Jahrzehnte gelehrt.
Ich war auch mal in der Industrie tätig, kein Manager, aber immerhin Entwicklungleiter. Irgendwann habe ich die Notbremse gezogen und bin ausgestiegen, arbeite heute für den Bruchteil des damaligen Einkommens als Photograph und Autor. Aber im Gegensatz zu früher empfinde ich heute bei meiner (kreativen) Arbeit Freude und Zufriedenheit. Statussymbole aller Art haben seit langem ihren Wert für mich völlig verloren. Ein Blick aus den Augen meiner vier Hunde ist unendlich viel mehr wert als die protzigste Rolex.

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