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10.09.2014

15:10 Uhr

Geheimnisse der Streber

„Niemand erreicht alles, nur weil er es denken kann“

VonCarina Kontio

Wut, Wollust, Arroganz oder Neid: Der Psychologe Rolf Schmiel entführt uns in seinem neuen Buch „Senkrechtstarter“ in die düstersten Abgründe der Seele und zeigt, wie aus Frust und Niederlagen große Erfolge entstehen.

Sexuelle Deprivation ist ein großer Antreiber, meint der Psychologe Rolf Schmiel. Sie beflügelt die Klassenclowns zu Höchstleistungen, lässt Manta-Fahrer mit dem Gaspedal spielen und spornt männliche Mauerblümchen zu ehrgeizigen Taten an. Getty Images

Sexuelle Deprivation ist ein großer Antreiber, meint der Psychologe Rolf Schmiel. Sie beflügelt die Klassenclowns zu Höchstleistungen, lässt Manta-Fahrer mit dem Gaspedal spielen und spornt männliche Mauerblümchen zu ehrgeizigen Taten an.

DüsseldorfRolf Schmiel hatte alles: einen nachtblauen Luxuswagen mit verchromter Raubkatze am Bug, ein überdimensioniertes Büro, Maßanzüge, Champagner im Überfluss und er logierte in Fünf-Sterne-Hotels. Für den frisch diplomierten Psychologen, der als Coach arbeitete, ging es nach der Uni steil aufwärts, während sich seine früheren Kommilitonen durch Nine-to-Five-Jobs oder für überschaubare Gehälter durch Praktika schufteten.

Je mehr Erfolg er aber hatte, desto mehr entglitt ihm die Fähigkeit, maßvoll, besonnen und vernünftig zu agieren und aus dem Überflieger wurde ein Bruchpilot. Drohende Insolvenz, die Konten leer, Steuerstress und weitere Katastrophen im familiären Umfeld hievten ihn auf den Gipfel der Verzweiflung.

Aber Schmiel rappelte sich wieder auf und analysierte nach dem ersten Schock, was schief gelaufen war – das ist der Stoff, der ihn zu einem überzeugenden Autoren macht. Heute erscheint im Campus-Verlag sein neues Buch „Senkrechtstarter – Wie aus Frust und Niederlagen die größten Erfolge entstehen“ und man merkt dem Geläuterten an, dass er über etwas schreibt, von dem er wirklich etwas versteht. Inzwischen arbeitet der Psychologe erfolgreich als Berater, Dozent und Kongressredner und zu seinen Kunden zählen internationale Konzerne wie Audi, BMW, Coca-Cola oder DHL.

Zehn Motivationsmärchen, die Sie besser nicht glauben

Alles ist möglich – Inklusive Bankrott, Burn-out und Betrug

Der faule Zauber: „Du kannst alles erreichen, wenn du nur wirklich willst“. Das ist Bullshit. Jeder von uns hat Grenzen, körperliche, mentale, intellektuelle, finanzielle... Es kann definitiv nicht jeder Astronaut, Millionär oder auch nur Frauenschwarm werden.

Der wahre Kern: In den meisten von uns steckt mehr, als wir denken und uns zutrauen. Vielen Menschen täten eine optimistischere Grundhaltung und mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten gut. Wer die Messlatte etwas höher legt und mutig handelt, erreicht mehr als jemand, der zu früh aufgibt. Insofern ist „Alles ist möglich!“ eine positive Provokation, die (typisch deutsches?) Miesmachertum und „Das haben wir noch nie so gemacht“-Lethargie infrage stellt.

Tsjakkaa! Urschrei-Therapie für Versager

Der faule Zauber: Wer Tsjakkaa schreit, wird unbesiegbar. Er spornt Sie zu großen Leistungen an, so das „Du schaffst es!“-Versprechen. Das stimmt so nicht, denn Schreien gibt allenfalls einen kurzen Kraftimpuls. Möglicherweise ist der Tsjakkaa-Schrei deswegen so beliebt, weil er als euphorisches Erlebnis, als Überlegenheitsgeste, als Aufbegehren gegen eigene Ängste empfunden werden kann. Ein solcher Schrei gibt einen kurzen Schub, man fühlt sich eine Sekunde lang unbesiegbar. Doch der Effekt verpufft, er hat keine Nachhaltigkeit.

Der wahre Kern: Ein Ritual vor großen Herausforderungen kann die Angst dämpfen und die Konzentration fördern.

Positiv Denken! Selbstbetrug statt Aufbruchstimmung

Der faule Zauber: „Erfolg entsteht im Kopf“, so die These. Doch bei den meisten Menschen bleibt er auch dort. Wer positiv denkt, programmiert sein „Unterbewusstsein“ angeblich auf Erfolg und lebt allein durch die Kraft seiner Gedanken glücklicher, erfolgreicher und gesünder.

Der wahre Kern: Eine optimistische Grundhaltung hilft, Herausforderungen zu meistern. Und man kann trainieren, sich nicht von Grübeleien und negativen Gedanken überwältigen zu lassen.

Ziele setzen! Es könnte alles so einfach sein...

Der faule Zauber: „Schreiben Sie Ihre Ziele auf und profitieren Sie von der magischen Wirkung schriftlich fixierter Zielvorstellungen!“, so das kühne Versprechen.

Der wahre Kern: Ziele wirken tatsächlich wie ein Kompass und steuern Handlungsrichtung, - dauer und -intensität. Auch eine schriftliche Fixierung ist von Vorteil. Darüber hinaus kommt es aber vor allem darauf an, ins Handeln zu kommen. Aufschreiben allein genügt nicht!

Visualisieren! Fata Morgana der Träumer

Der faule Zauber: ...besteht in der Behauptung, eine Zielcollage entfalte eine geradezu magische Wirkung und lasse die ausgewählten Bilder quasi automatisch Wirklichkeit werden.

Der wahre Kern: Im Brainstorming und bei der Ideenfindung kann man gut mit Bildern arbeiten. Und: Was wir vor Augen haben oder was uns beschäftigt, lenkt unsere Aufmerksamkeit. Sich mit seinen Zielen auseinanderzusetzen schärft daher die Wahrnehmung für thematisch Passendes.

Glaub an dich! Sprüche statt Strategien

Der faule Zauber: ...entsteht, wenn banale Trostsprüche sich als echte Hilfestellung tarnen.

Der wahre Kern: Kurzfristig tut Trost gut, und wir alle brauchen gelegentlich Trost. Der sollte uns allerdings nicht einlullen und nicht davon abhalten, ins Handeln zu kommen.

Sei ein Teamspieler! Wer's glaubt, wird selig aber nicht erfolgreich

Der faule Zauber: ...besteht im Lobgesang auf eine nicht näher definierte „Teamfähigkeit“. Wer sich im Team versteckt und Konflikte scheut, wird es nicht weit bringen.

Der wahre Kern: Wer andere für sich und seine Ziele gewinnen kann, kommt leichter vorwärts. Dafür muss man aber Teams nutzen können, statt sie als bequeme Hängematte misszuverstehen.

Lauf Marathon! Unsinn des sportlichen Aktionismus

Der faule Zauber: Es wird suggeriert, (extreme) körperliche Fitness sei der Schlüssel zum Erfolg auch auf anderen Gebieten.

Der wahre Kern: Menschen, die gesund leben, sind im Allgemeinen leistungsfähiger.

Sei ganz du selbst! Die Lüge des Authentischseins

Der faule Zauber: ...besagt, dass man „einfach“ nur man selbst sein müsse, und alles werde sich zum Besseren wenden. Das ist im besten Fall nichtssagend, im schlimmsten Fall irreführend. „Wähle dir Rollen, die zu deinen Werten und Eigenschaften passen, und reflektiere regelmäßig, wie du diese Rollen am besten ausfüllen kannst“, wäre ein ehrlicher und angemessener Rat. Nur ist der für das simple Weltbild, das die Tsjakkaa-Propheten verkaufen, vielleicht ein wenig zu komplex.

Der wahre Kern: ...besteht darin, dass Menschen, die im Einklang mit ihren Werten und Bedürfnissen leben, glücklicher und potentiell auch erfolgreicher sind als Menschen, die das Gefühl haben, sich täglich verbiegen zu müssen.

Hab Spaß! Das Lächeln der Loser

Der faule Zauber: „Hab Spaß“ wird zur Erfolgsphilosophie überhöht, nach dem Motto: „Lächle in die Welt, und die Welt lächelt zurück.“ Das lädt zur Realitätsflucht ein und verhindert einen angemessenen Umgang mit Krisen. Wer die Erwartung schürt, der Job, das Leben (die Beziehung, der Sport etc.) solle immer Spaß machen, braucht vor allem eines - unbeschränkten Zugang zu Glückspillen.

Der wahre Kern: ... ist, dass man Erfolge feiern sollte, um Kraft für die Zukunft zu schöpfen, und dass in einem erfüllten Leben auch Platz für Freude und Genuss ist.

Quelle

Rolf Schmiel

Senkrechtstarter – Wie aus Frust und Niederlagen die größten Erfolge entstehen

Campus Verlag; Auflage: 1 (10. September 2014)
ISBN-10: 3593500086
ISBN-13: 978-3593500089

Da hat es also einer geschafft, von ganz weit unten wieder nach oben zu klettern und möchte nun auch anderen gescheiterten Existenzen dabei behilflich sein, ein Senkrechtstarter zu werden. 228 Seiten sind der motivierende und inspirierende Schlüssel zum Erfolg – glaubt man dem prominenten Vorwortgeber Hermann Scherer, der seit Jahren zu den erfolgreichsten Ratgeberautoren Deutschlands gehört.

Wo Scherer recht hat, hat er recht. Rolf Schmiel gibt in seinem Buch neue, psychologisch fundierte und leicht verdauliche Impulse zur Motivation und er räumt auf mit den „grenzenlosen Erfolgsversprechen“ von „Motivationsgurus“ die „Sand in die Augen streuen“ und eine „Friede-Freude-Eierkuchenwelt“ kreieren: „Ich weigere mich, Sie mit billigen Rezepten und emotionalen Trostpflastern einzulullen“, stellt Schmiel direkt in der Einleitung klar. „Bei mir erfahren Sie die ganze Wahrheit.“ Und die ist, so zitiert er Geraldine Chaplin, „selten so oder so. Meistens ist sie so und so.“

So zeigt Schmiel im ersten Teil – Die Wahrheit über Spitzenleistungen – dass die Wahrheit hinter märchenhaften Erfolgen häufig alles andere als märchenhaft ist. Dahinter stecke schlicht – Arbeit, Arbeit, Arbeit. Geben Sie sich also gar nicht erst der Illusion hin, durch die Lektüre dieses Buches hätten Sie den bequemen Aufstieg schon halb in der Tasche; das genügt nicht.

Schmiel skizziert aber netterweise acht „Erfolgszutaten“ für den Senkrechtstart: Willenskraft, Fokus, Opfer, Risiko, Mentoren, Glück, Großzügigkeit und Zeit. Anhand vieler Anekdoten aus der Welt der Top-Performer, der Stars- und Sternchen und von zweifelhaften Wirtschaftskriminellen wie Mehmet Göker macht der Psychologe sehr anschaulich deutlich, wohin die Reise geht und von welchen dunklen Triebkräften man sich besser nicht leiten lassen sollte.

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