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11.02.2016

06:54 Uhr

Genie und Wahnsinn

Die dunkle Seite der Kreativität

VonLin Freitag
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Sonderling oder Genie? Kreativität gilt als wertvolle und erstrebenswerte Fähigkeit – wer kreativ ist, dem wird vieles verziehen. Doch die besonders bewunderten Genies haben häufig auch eine besonders negative Seite.

Auf der Suche nach neuen Ideen. Fotolia.com

Mindmap

Auf der Suche nach neuen Ideen.

Am 12. November 2002 verschickte der Mathematiker Grigorij Perelman eine schnörkellose E-Mail an ein Dutzend Kollegen, versehen mit einer kurzen Anrede – und Zeilen, die es in sich hatten. In der E-Mail erbrachte Perelman nämlich den Beweis der Poincaré-Vermutung und löste damit eines der sieben wichtigsten Probleme der Mathematik. Sechs Jahre lang hatte er heimlich daran gearbeitet.

Unspektakulärer geht es kaum. Viele seiner Kollegen hätten eine solche Entdeckung mit viel Tamtam auf einer wichtigen Konferenz gefeiert – oder in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht. Nicht so Perelman, der nach Absenden der E-Mail einfach weiter mit seiner Mutter in einer Plattenbausiedlung am Rande von Sankt Petersburg hauste: in ärmlichen Verhältnissen, mit Kakerlaken als ständigen Mitbewohnern. Haare und Nägel schneidet sich Perelman schon lange nicht mehr. Kontakt zur Außenwelt? Nahezu abgebrochen.

Was die Kreativität fördert

Beschäftigung mit Abstraktem

Der Psychologe Travis Proulx von der Universität von Kalifornien ließ Probanden sinnfreie Passagen aus Kafkas "Landarzt" lesen. In anschließenden Tests fanden sie mehr Lösungswege und schnitten besser ab als diejenigen, die eine redigierte Version gelesen hatten.

Bewegung

Frank Fischer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität analysierte die Gruppenarbeiten von 300 Studenten. Vorher hatte er den Raum mit höhenverstellbaren Tischen ausgestattet. Siehe da: Teilnehmer, die zwischen Sitzen und Stehen wechselten, kamen häufiger zu richtigen Ergebnissen als nur im Sitzen - und hatten 24 Prozent mehr Ideen.

Schlafen

Im Schlaf findet kombinatorisches Denken statt, wie Denise Cai von der Universität von Kalifornien in San Diego 2009 bestätigen konnte. Sie ließ 77 Teilnehmer verschiedene verbale Aufgaben lösen, einige Probanden konnten zuvor ein Nickerchen halten - die lösten die Aufgaben am besten.

Positive Gedanken

Der Sozialpsychologe Jens Förster von der Jacobs-Universität Bremen fand in einer Studie heraus, dass die Teilnehmer eine kniffelige Aufgabe eher lösten, wenn sie zuvor an ihren Partner gedacht hatten. Der Gedanke an Liebe lässt in die Zukunft blicken - was dabei hilft, Dinge miteinander in Beziehung zu stellen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Wirkung von Farbe

In blauer Umgebung steigt der Einfallsreichtum. Ravi Mehta und Rui Zhu von der Universität von British Columbia in Vancouver ließen Freiwillige im Jahr 2009 verschiedene Aufgaben lösen - roter Hintergrund verbesserte zwar die Leistung bei der Detailaufgabe, blau jedoch die Kreativität.

Als bekannt wurde, dass Perelman für seine Entdeckung die Fields-Medaille, den Nobelpreis der Mathematik, gewinnen sollte, verweigerte er die Annahme der Ehrung. Auch ein Preisgeld in Höhe von einer Million Dollar schlug er aus. Menschen, die Perelman schätzen, beschreiben ihn als Sonderling. Weniger freundliche Beobachter nennen ihn seltsam bis verrückt. Auf den Russen trifft der Ausspruch des Philosophen Seneca zu, der besagt, dass es kein Genie ohne eine Beimischung von Wahnsinn gibt.

Denn fest steht: Um eines der größten Probleme der Mathematik zu lösen, reicht es nicht aus, gut rechnen zu können. Dafür braucht es Fantasie. Die Fähigkeit, scheinbar Unvereinbares miteinander zu vereinen, um anschließend neue Ideen zu generieren – eben außergewöhnlich kreativ zu sein.

Natürlich handelt es sich bei dem genial-seltsamen Mathematiker Perelman um ein besonders eklatantes Beispiel. Sein Schicksal ist aber gewiss kein Einzelfall. Zahlreiche Studien legen nahe, dass gerade ganz große Ideenspinner häufig schwierig im Umgang sind. Die Wissenschaftler Francesca Gino von der Harvard Business School und ihr Kollege Dan Ariely von der Duke-Universität ziehen in einer kürzlich veröffentlichten Studie gar den Schluss, dass besonders kreative Menschen zu unmoralischem Verhalten neigen.

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