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30.06.2017

15:04 Uhr

Gesundheitsmarkt

Die Werbetricks der falschen Kliniken

VonMaike Telgheder

Das Geschäft mit Schönheit und Gesundheit floriert – und lockt mit irreführenden Angeboten. Immer mehr Nichtmediziner werben für ärztliche Behandlungsangebote. Und Kliniken, die keine sind, bieten Schönheits-OPs an.

Gleich in fünf Fällen sind Unterlassungsklagen gegen schönheitschirurgisch tätige Ärzte anhängig, die mit dem Begriff „Klinik“ geworben hatten, aber eine Praxis betreiben. Imago

Schönheitschirurg

Gleich in fünf Fällen sind Unterlassungsklagen gegen schönheitschirurgisch tätige Ärzte anhängig, die mit dem Begriff „Klinik“ geworben hatten, aber eine Praxis betreiben.

FrankfurtKosmetikerinnen werben für sich als „para. med. Therapeutinnen für Hautgesundheit“. Augenoptiker betreiben eine „Praxis für Optometrie“. Und ein „Dr. med Therapiezentrum“ in Süddeutschland bietet Osteopathie und Hypnose-Therapie an. Das sind einige Beispiele von Fällen, die die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs im ersten Halbjahr dieses Jahres als Beschwerden auf den Tisch bekam.

In punkto Irreführung der Verbraucher hatte die Zentrale im Gesundheitsbereich Einiges zu tun – unter anderem auch mit Kliniken, die keine sind. „Praxis ist out – Klinik ist in, vor allem wenn man sie mit C schreibt“, sagt Rechtsanwältin Christiane Köber, die als Mitglied der Geschäftsführung der Wettbewerbszentrale in Bad Homburg auf den Gesundheitsbereich spezialisiert ist.

Die Werbung für Gesundheitsangebote treibt seltsame Blüten. Screenshot

Therapiezentrum mit Doktortitel

Die Werbung für Gesundheitsangebote treibt seltsame Blüten.

Gleich in fünf Fällen sind Unterlassungsklagen gegen schönheitschirurgisch tätige Ärzte bei den Gerichten anhängig: Sie haben für ihre Leistungen mit dem Begriff „Klinik“ geworben, betreiben aber de facto eine Praxis. „Für den Betrieb einer Klinik braucht man eine Konzession, für die zahlreiche Voraussetzungen etwa hinsichtlich der medizinischen und pflegerischen Versorgung der Patienten erfüllt werden müssen", sagt Rechtsanwältin Köber. Zudem sei die Bezeichnung auch für den Verbraucher irreführend. Der verbinde mit einer Klinik in der Regel auch die Möglichkeit eines stationären Aufenthalts.

Auf die medizinische Qualität der Kliniken und Praxen lässt eine Klage der Wettbewerbszentrale keine Rückschlüsse zu. Der Institution geht es allein darum, ob die Einrichtungen mit irreführenden geschäftlichen Handlungen gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verstoßen.  

Das Thema Schönheitsoperationen sorgt immer wieder für Beanstandungen der Wettbewerbszentrale. Denn Werbung für solche Eingriffe unterliegt strengen Voraussetzungen. Mit „Vorher-Nachher“-Fotos zu werben ist bei plastisch-chirurgischen Operationen per se gesetzlich verboten. Auch die Verlosung von Schönheits-OPs verstößt gegen das Heilmittelwerbegesetz.

Die größten privaten Klinikbetreiber

Rhön-Klinikum

Umsatz 2016: 1,18 Milliarden Euro

Die Rhön-Klinikum AG ging 1989 als erster Klinikkonzern Deutschlands an die Börse, 2016 kam es nach zehn Jahren im MDax zum Abstieg in den SDax. In elf Kliniken arbeiten bundesweit an fünf Standorten 15.000 Menschen für Rhön. Nach einem deutlichen Gewinnrückgang 2016 und schlechten Prognosen für das laufende Jahr, hat der seit Februar 2017 im Amt befindliche Vorstandschef Stephan Holzinger dem Unternehmen einen Spar- und Modernisierungskurs verordnet.

Sana Kliniken

Umsatz 2016: 2,4 Milliarden Euro

Deutschlands drittgrößte private Klinikgruppe ist nicht börsennotiert und besitzt bundesweit 50 Krankenhäuser. Hinter Sana stehen 26 private Versicherungsunternehmen. Nach einer Umsatz- und Gewinnsteigerung 2016 kaufte das Unternehmen Anfang 2017 weitere Kliniken von kirchlichen Trägern zu. Das Unternehmen besitzt auch sechs Seniorenheime, für die allerdings ein Käufer gesucht wird.

Asklepios

Umsatz 2016: 3,21 Milliarden Euro

Der Klinikbetreiber mit Sitz in Hamburg unterhält bundesweit 150 medizinische Einrichtungen. Asklepios ist seit seiner Gründung 1984 kontinuierlich gewachsen, auch 2016 stiegen Umsatz und Gewinn deutlich. Das Unternehmen besitzt drei Luxushotels, darunter seit 2014 das bekannte Hotel Atlantic in Hamburg.

Helios

Umsatz 2016: 5,84 Milliarden Euro

Die Tochter des Gesundheitskonzerns Fresenius besitzt mittlerweile 112 Kliniken in Deutschland und ist einer der größten Gesundheitsdienstleister Europas. Das Unternehmen wurde in der Vergangenheit wiederholt von Arbeitnehmerverbänden und Gewerkschaften vor allem wegen schlechter Lohnbedingungen kritisiert. 2016 berichtete die Recherchesendung „Team Wallraff“ von schlechten Hygienezuständen und chronisch überarbeiteten Mitarbeitern. Nach einem deutlichen Gewinnsprung im ersten Quartal hat Helios seine Jahresprognose für das Geschäftsjahr 2017 nach oben korrigiert.

Dennoch tauchen solche Fälle Jahr für Jahr wieder auf: Im Februar etwa hat die Wettbewerbszentrale die Verlosung einer Schönheitsoperation durch Radio RTL Berlin untersagen lassen. Im Monat davor hatte ein bayerischer Radiosender die Verlosung von Brust-OPs eingestellt, nachdem die Zentrale die Aktion bestandet hatte.

Die Wettbewerbszentrale ist eine unabhängige Institution der deutschen Wirtschaft, die die Aufgabe hat, für einen fairen und lauteren Wettbewerb zu sorgen. Getragen wird der Verein von etwa 1200 Unternehmen verschiedenster Branchen und Größen sowie etwa 800 Kammern und Verbänden der Wirtschaft. Die Mitgliedschaft schützt allerdings nicht davor, dass die Wettbewerbszentrale im Falle eines Fehlverhaltens nicht aktiv wird, betont Köber.  

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