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20.01.2008

08:02 Uhr

Götz Wolfgang Werner

Starke Impulse aus Raum 38

VonBolke Behrens

Der Chef des Drogeriemarkt-Konzerns dm, Götz Wolfgang Werner, steht in geistiger Nähe zu den Lehren des bedeutenden Künstlers Joseph Beuys. Wie sein Vorbild will Werner mit seinem Unternehmen ein soziales Kunstwerk schaffen, getreu Beuys' Credo: „Jeder ist ein Künstler.“

Der "Künstler" Werner und sein Meisterstück. Foto: AP ap

Der "Künstler" Werner und sein Meisterstück. Foto: AP

Dieser Raum in der Stuttgarter Staatsgalerie ist nicht nach jedermanns Geschmack. Viele Besucher sind verwirrt angesichts von großen Planen an der Wand, Schutt und Schrottresten auf dem Fußboden, wähnen sich auf einer Baustelle eines Museums, das gerade seine Bestände neu ordnen und präsentieren will. Rätsel geben große Batterien und eine Luftpumpe auf, ein Stativ mit Autorückspiegel oder ein Stuhl, der augenscheinlich nicht als Sitzgelegenheit für Aufseher oder Besucher dienen soll, sondern bedeutungsschwer mit einer großen Wachsmasse beladen ist.

Wer jetzt leise den Verdacht äußert, er werde wohl an der Nase herumgeführt, outet sich als Kunstbanause und erntet verachtende Blicke der Eingeweihten, die entzückt und ehrfurchtsvoll alle Werke des Meisters im Raum 38 bestaunen. Denn hier hat sich Joseph Beuys, einer der Größten der deutschen Kunstszene, mit Objekten und Installationen verewigt. Für Begriffsstutzige erläutern Tafeln an den Wänden den tiefen Sinn etwa des raumgreifenden Ensembles aus Gips, Wachs und Filz, Eisenstäben und Fotografie, in dessen Mitte der Stuhl steht. Der spielt die Rolle des „Energiezentrums“, in dem sich die „den Raum durchziehenden geistigen und materiellen Kraftströme“ sammeln .

Neben der Installation des Meisters vom Niederrhein sitzt ein Beuys-Bewunderer aus Baden-Württemberg, der sich als Seelenverwandter des Künstlers verstanden wissen will: Götz Wolfgang Werner, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Karlsruher Drogeriekonzerns dm. Er verkündet: „Ein Unternehmen ist eine sozial-künstlerische Veranstaltung.“ Seine Botschaft: „Hier tun sich Menschen in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um sich entwickeln zu können und über sich hinauswachsen.“

Da berühren sich in der Tat die Gedankenwelten, hat doch das Credo von Beuys gelautet: „Jeder Mensch ist ein Künstler in dem Sinne, dass er etwas gestalten kann. Das würde die Entfremdung in der Arbeitswelt überwinden.“ Der Kunstschaffende mit gesellschaftspolitischen Ambitionen wollte bewusst keine Skulpturen im traditionellen Sinn schaffen. Ihm ging es darum, Prozesse anzustoßen – auch wenn die Metaphorik der Materialien wie Wachs und Filz, vom „Wärmeprozess“ beim Gestalten als Hinweis auch auf einen dringend nötigen „therapeutischen Prozess“ in der Gesellschaft sich zuweilen in solch esoterische Höhen verflüchtigt hat, dass nur noch sehr belesene Kunsthistoriker die Beuys-Arbeiten deuten können.

Götz Werner versucht erst gar nicht, sich als ein solch bildungsbeflissener Kenner darzustellen. Er will nicht prunken, sondern Nutzen ziehen: „Was mich an der Kunst interessiert, ist die Methode, Dinge sichtbar zu machen, die nicht ohne weiteres sichtbar sind.“ Da verordnet er sich und seinen Kollegen in der Geschäftsleitung denn auch öfter ganztägige Arbeitsbesuche in Museen, um zu lernen, genauer hinzusehen. Mit Rembrandts „Nachtwache“ beispielsweise haben sie sich in Amsterdam beschäftigt. Und als Werner nach Stuttgart gezogen ist, hat er hier Beuys entdeckt und Parallelen im Hinschauen und Handeln bemerkt: „Ich verstehe Beuys so, dass es ihm ebenso um die Entwicklung des Menschen geht wie mir.“

Das treibt den 1944 in Heidelberg geborenen Badener ständig um. Unaufhörlich hat er Neues in seine Welt zu bringen versucht, zunächst alleine und dann mit anderen zusammen. „Ich bin Unternehmer geworden, weil ich mich entwickeln wollte“, sagt Werner. Wohl auch, um mit einer Mischung aus Trotz, Eigensinn und Willenskraft sich und der Umwelt zu beweisen, wie man sich durchbeißen kann. Als fünftes Kind einer Drogistenfamilie, die das Geschäft schon in der dritten Generation betrieb, ist er in nicht eben üppigen Verhältnissen aufgewachsen. Seine Schulzeit empfand er als eine Tortur.

Mehr Anerkennung findet der leidenschaftliche Sportler beim Rennrudern im Doppelzweier. Sein energisch betriebenes Hobby bringt ihm und seinem Partner Günter Bauer 1963 einen Titel als deutscher Jugendmeister. Der sagt im Rückblick, Werner sei schon immer ein „Querdenker“ gewesen. Was die gesamte Republik spätestens seitdem weiß, da Werner ein Grundeinkommen für jeden Bürger bis zur Höhe von 1 500 Euro fordert, dafür die Mehrwertsteuer auf 50 Prozent erhöhen und das bisherige Abgabensystem abschaffen will.

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