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22.06.2015

12:31 Uhr

Griechenland-Krise

Touristen horten Bargeld im Hotel-Safe

Noch sind die griechischen Hotels voll, doch die Buchungen sehen mau aus. Touristen haben zunehmend Angst vor den Auswirkungen der Schuldenkrise – es häufen sich Anfragen nach sicheren Hotelsafes, um Bargeld zu lagern.

Das Grexit-Drama verunsichert viele Griechenland-Urlauber. dpa

Souvenirladen in Athen

Das Grexit-Drama verunsichert viele Griechenland-Urlauber.

Athen/BerlinDer griechische Hotelketten-Manager Kostas Dimitrokalis hat in diesen Tagen von seinen Kunden Anfragen betreffend Ausstattungen erhalten, die normalerweise im Zeitalter von Kreditkarten und Internet ignoriert werden: sichere Hotelsafes, um dort Bargeld zu lagern.

„Kunden wollen sich sicher fühlen, dass sie für den Fall, dass etwas passiert, Zugang zu Geld haben“, erklärt Dimitrokalis im Interview mit Bloomberg. Er ist Chef von KD Hotels – einer Kette mit sechs Ressorts auf Santorin in der südlichen Ägäis. „Sie reisen mit mehr Bargeld an.“

Kunden dabei zu helfen, sich sicher zu fühlen, ist etwas, was Dimitrokalis durchaus leisten kann. Was ihm allerdings mehr Kopfzerbrechen bereitet, ist die Möglichkeit, dass sie gar nicht erst nach Griechenland anreisen. Auch wenn seine Hotels im Moment recht voll sind, sehen die zukünftigen Buchungen laut Dimitrokalis im Moment eher schwach aus. Dahinter würden offenbar Sorgen um die weitere Finanzierung des Landes stehen.

Das ist eine Einschätzung, die so ähnlich auch von der griechischen Urlaubsbranche als Ganzes zu hören ist. Der Verband griechischer Touristik-Unternehmen hatte im vergangenen Monat erklärt, dass es nach einem starken Jahresstart zuletzt wieder schwächer ausgesehen habe. In der vergangenen Woche wollte der Verband angesichts des Streits zwischen Griechenland und seinen Gläubigern keine neuen Angaben machen, weil „die Situation im Moment einfach zu sehr in Schwebe ist“.

Schuldenschnitt bis „Grexit“ – wichtige Begriffe in der Schuldenkrise

Griechisches Schuldendrama

Vom Rettungsschirm über den Schuldenschnitt bis zum „Grexit“ – im griechischen Schuldendrama kommen immer wieder schwierige Begriffe vor. Was verbirgt sich dahinter eigentlich?

Hilfsprogramm

Dies bezeichnet aus Sicht der EU-Finanzminister die finanziellen Hilfen plus der von Griechenland versprochenen Sparprogramme und Reformen. Für die Europartner gibt es derzeit nur die Option, das aktuelle Hilfsprogramm inklusive der Sparauflagen zu verlängern.

Kreditprogramm

Die neue griechische Regierung forderte hingegen bislang eine Verlängerung des „Kreditprogramms“. Damit will sie nach Einschätzung der Geldgeber ausdrücken, dass sie das Geld weiter will - aber nicht die Auflagen des Hilfsprogramms.

Anleihe

Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

Schuldenschnitt

Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Rettungsschirm

Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

Primärüberschuss

Griechenlands Schuldenberg ist – gemessen an der Wirtschaftsleistung – der höchste in der Eurozone. Das sind nicht nur Altlasten, auch im laufenden Betrieb kommt das Land wegen der hohen Zinsbürde nicht ohne neue Schulden aus. In den Verhandlungen mit den Geldgebern musste Athen aber versprechen, zumindest unter Ausblendung der Zinsen weniger auszugeben als einzunehmen. Das nennt man Primärüberschuss.

Troika

In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Grexit

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Ausstieg (Exit) gebildet – gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung im Rücken ihre Produkte viel günstiger anbieten.

Grimbo

Der Begriff „Grimbo“ ist eine Fusion von Greece, also Griechenland und Limbo, zu deutsch Limbus. Limbus kommt aus der katholischen Theologie und bezeichnet die Vorstellung einer Art Vorhof zur Hölle, in dem sich nach dem Tod jene Seelen aufhalten, denen der Zutritt zum Himmel verwehrt wurde, die aber auch nicht in die Hölle gekommen sind. Der Ausdruck steht für etwas, das sich in der quälenden Schwebe befindet. Gemünzt auf Griechenland meint „Grimbo“ ein Szenario, in dem Athen von den Europäern kein Geld bekommt und es auf absehbare Zeit keine Lösung gibt.

Graccident

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Unfall (Accident) gebildet. Das Wort beschreibt die Möglichkeit, dass Griechenland das Geld ausgeht und es deshalb den Euro verlassen muss. Wie groß die Gefahren eines „Graccident“ wären, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Wer eher für großzügige Griechenland-Hilfen argumentiert, hält die Gefahren eines „Graccident“ für größer – oder umgekehrt.

Moral Hazard

Moral Hazard ist die englische Bezeichnung für moralisches Wagnis. Gemeint ist die Ausnutzung der Solidarität aus rücksichtslos verfolgtem Eigeninteresse. Würden alle Staaten nur an sich denken, würde zunächst Griechenland (Verbindlichkeiten von knapp 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach OECD-Prognose) einen Schuldenschnitt bekommen. Dann stünde Portugal (140 Prozent des BIP) und dann Italien (150 Prozent des BIP) auf der Matte. Spätestens an diesem Punkt würde die globale Finanzwelt in die Katastrophe stürzen, weil einer der größten Anleihemärkte der Welt implodieren würde.

Der Fremdenverkehr leistet einen Beitag von 17 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt von Griechenland. Das bedeutet, sollte es in dieser Branche zu einer Abschwächung kommen, würde das die Wirtschaft des Landes relativ hart treffen. Vor den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern in den vergangenen Wochen war das Land auf dem besten Weg, einen neuen Rekordwert bei den Besucherzahlen aufzustellen – im ersten Quartal stieg die Zahl der Touristen um 46 Prozent auf 1,73 Millionen. Das geht aus aktuellen Daten der griechischen Zentralbank hervor.

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