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29.06.2015

15:07 Uhr

Griechenland-Tourismus

Achtung – nichts für schwache Nerven!

VonChristoph Schlautmann, Georgios Kokologiannis

Griechenlands Inseln sind der Renner bei deutschen Touristen. Doch die Schließung der Banken sorgt für Verunsicherung, viele reisen mit Bündeln von Euro-Scheinen an. Die Frage ist: Gibt es Bares am Automaten?

„Der Automat funktioniert?“ Reuters

Touristen auf Kreta

„Der Automat funktioniert?“

Athen/DüsseldorfFrüher war es der kürzeste Weg zum Strand oder der günstigste Autovermieter, wonach sich ausländische Touristen an griechischen Hotel-Rezeptionen erkundigten. Heute gilt die erste Frage etwas anderem: sicheren Safes auf den Zimmern. Weil die drohende Staatspleite die Geldversorgung im Land behindert, reisen Touristen nun wieder mit Bündeln von Euro-Scheinen ins Land.

Das Auswärtige Amt rät allen Griechenland-Reisenden, sich mit ausreichend Bargeld zu versorgen. Verschließbare Aufbewahrungsorte sind gefragt. „Kunden wollen sich sicher fühlen, dass sie für den Fall, dass etwas passiert, Zugang zu Geld haben“, berichtete Kostas Dimitrokalis, Chef der griechischen Herbergskette KD Hotels, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Pleite, Grexit, Kapitalkontrollen - Was passiert mit Griechenland?

Was bedeutet die EZB-Entscheidung vom Sonntag?

Die Europäische Zentralbank (EZB) friert die Notkredite für Griechenlands Banken bei rund 90 Milliarden Euro ein. Dieser Rahmen ist dem Vernehmen nach bereits ausgeschöpft, die Banken brauchen dringend frische Milliarden. Verunsicherte Verbraucher und Unternehmen heben seit Monaten große Mengen Bargeld von ihren Konten ab und schaffen zumindest einen Teil davon ins Ausland. Dass der Schuldenstreit kurz vor Auslaufen des Hilfsprogramms noch immer nicht gelöst ist, dürfte den Druck auf die Banken erhöhen. Das setzt Athen unter Zugzwang zu reagieren und Abhebungen sowie Transfers ins Ausland mit Kapitalverkehrskontrollen zu begrenzen.

Dürfen die Notkredite unbegrenzt fließen?

Seit Monaten gewährt die EZB den Hellas-Banken Notkredite (Emergency Liquidity Assistance/Ela). Die Ela-Hilfen sind als vorübergehende Unterstützung für Banken gedacht, die im Grunde gesund sind. Zuletzt mehrten sich die Zweifel, dass diese Voraussetzungen im Fall der griechischen Institute erfüllt sind. Auch im EZB-Rat wuchs der Widerstand. Das Gremium entscheidet regelmäßig über die Genehmigung der Kredite, die von der griechischen Zentralbank vergeben werden. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kritisiert, Ela-Kredite seien zur einzigen Finanzierungsquelle der griechischen Institute geworden. Das nähre Zweifel an deren Solvenz.

Kann die EZB die Notkredite stoppen?

Der EZB-Rat könnte die Kredite mit Zwei-Drittel-Mehrheit stoppen. Bislang scheut die Mehrheit in dem Gremium davor zurück, den Geldhahn zuzudrehen. Die Zentralbanker wollen nicht die Verantwortung für eine derart weitreichende politische Entscheidung übernehmen. Denn ohne die Notkredite droht den griechischen Instituten die Pleite, weil sie auf herkömmlichem Weg kein frisches Geld mehr von der EZB bekommen und zugleich Bankkunden ihre Konten leerräumen. Sitzen die Banken auf dem Trockenen, droht eine Abwärtsspirale in Griechenland, denn die Banken halten in großem Umfang Anleihen des griechischen Staates, die bei einer Staatspleite faktisch wertlos wären.

Was passiert nach Auslaufen des aktuellen Hilfspakets am Dienstag?

Ohne Einigung auf ein Reformpaket fließen 15,5 Milliarden Euro Hilfen nicht, die die Geldgeber - Internationaler Währungsfonds (IWF), EZB und die Partner in Europa - zuletzt in Aussicht gestellt hatten. Da Athens Kassen ohnehin im Grunde schon leer sind, wird es für die Links-Rechts-Regierung schwierig, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen - sowohl in der Heimat als auch gegenüber den Geldgebern. Es ist fraglich, ob Griechenland die ebenfalls am 30. Juni fällige Rückzahlung an den IWF in Höhe von rund 1,6 Milliarden Euro leisten kann. Moritz Kraemer, Chefanalyst des Ratingriesen Standard & Poor's (S&P) für die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Staaten, ist skeptisch: „Die Regierung in Athen muss zum Monatsende nicht nur den IWF bezahlen, sondern auch ihre eigenen Bediensteten und Pensionäre - und auch dafür ist nach unsere Einschätzung kein Geld mehr da.“

Muss Griechenland dann am 1. Juli die Staatspleite erklären?

Eine Zahlungsunfähigkeit schon unmittelbar am 1. Juli bei endgültig gescheiterten Verhandlungen gilt als ausgeschlossen - zumal es keine verlässlichen Zahlen gibt, wie viel Geld Athen tatsächlich noch in der Kasse hat. Zudem hat das Parlament beschlossen, am 5. Juli die Griechen über das von den Geldgebern vorgelegte Spar- und Reformpaket abstimmen zu lassen. Auch das zieht die Entscheidung in die Länge.

Folgt nach der Staatspleite zwingend der Euro-Austritt Griechenlands?

Nein. Der EU-Vertrag sieht nicht vor, dass ein Land aus dem Euro austritt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) betont: „Im Übrigen ist auch klar: Griechenland bleibt Mitglied der Eurozone. Übrigens bleibt Griechenland Teil Europas.“ Viele Ökonomen jedoch halten einen Austritt Griechenlands aus dem Euroraum („Grexit“) im Falle einer Staatspleite für wahrscheinlich. Zwar könnte das Land zunächst auf dem Papier ein Euroland bleiben, müsste aber Geld in einer eigenen Währung ausgeben, um seine Banken zu versorgen. „Die neue Währung würde abwerten gegenüber dem Euro, und damit würde das Land wieder wettbewerbsfähig“, erklärt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Doch grundsätzliche Probleme blieben - etwa eine als aufgebläht geltende Verwaltung und ein als ineffizient geltendes Steuersystem.

Wie reagieren die Ratingagenturen?

Sollte Athen die rund 1,6 Milliarden Euro nicht pünktlich an den IWF zahlen, wäre das für Ratingagenturen kein Anlass, sofort den Daumen zu senken. Der IWF wie die EZB gilt für Ratingriesen wie S&P als offizieller Gläubiger, für die andere Maßstäbe gelten. Nach Einschätzung von S&P-Experte Kraemer ist der nächste Termin, an dem es einen technischen Zahlungsausfall geben könnte und die Bonitätsprüfer gezwungen sein könnten, die Note „SD“ für „selective default“ (teilweiser Zahlungsausfall) zu vergeben, der 8. Juli. Dann müsse der griechische Staat zwei Milliarden Euro Kurzfristanleihen (T-Bills) tilgen, die vor allem von griechischen Banken gehalten werden. Ein „SD“ ist für Investoren Alarmstufe Rot, weil es signalisiert, dass ein Schuldner Geld nicht wie versprochen zurückzahlt. Die meisten Investoren haben Griechenland aber ohnehin schon den Rücken gekehrt.

Hat Athen Chancen auf ein drittes Hilfspaket?

Seit 2010 gab es zwei Rettungsprogramme für Athen mit einem Umfang von insgesamt rund 240 Milliarden Euro. In den Verhandlungen der vergangenen Monate hatte die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras versucht, einen Schuldenerlass und somit faktisch ein drittes Hilfspaket zu erzwingen. Doch beim EU-Gipfel in der vergangenen Woche hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande ein drittes Hilfspaket erneut ausgeschlossen. Nachdem die Griechen die laufenden Verhandlungen mit der Ankündigung eines Referendums torpedierten, ist das Vertrauen der Europartner in die Regierung Tsipras zusätzlich beschädigt. Nach Ansicht des österreichischen Finanzministers Hans Jörg Schelling ist Griechenland bei seinem Poker zu weit gegangen: „Ich glaube, dass Griechenland unterschätzt hat, dass die Eurogruppe sich nicht erpressen lässt.“

Mindestens bis kommenden Montag bleiben die Filialen der Geldhäuser geschlossen. Zudem wurden die täglichen Barabhebungen an Automaten für Griechen auf 60 Euro pro Tag beschränkt. Damit gilt die Bankenschließung bis nach dem Referendum über die Vorschläge der internationalen Geldgeber Griechenlands, das am kommenden Sonntag stattfindet. Dagegen sollen ausländische Gäste auch weiterhin ohne Beschränkungen mit ihren heimischen EC- und Kreditkarten Geld abheben können.

„Der Automat funktioniert? Wieviel haben Sie bekommen? Sechzig Euro?“, fragt die Studentin Chrissoula den etwa gleich alten jungen Mann, der am Ausgabeschacht des Bankterminals zu seinen Geldscheinen greift. Als sie erkennt, dass er sie nicht versteht, wiederholt sie ihre Frage auf Englisch. „Ich konnte ohne Probleme zweihundert Euro abheben“, macht ihr der Griechenland-Urlauber aus Kalifornien Mut.

Doch als Chrissoula an der Reihe ist, verweigert der Geldautomat den Dienst. Die Enttäuschung ist der zierlichen Frau ins Gesicht geschrieben, als sie sich von der Außenfassade der Eurobank an der „Straße des 28.Oktober“ Nahe des Athener Zentrums abwendet und in der gegenüberliegenden Bäckerei verschwindet. Urlauber können da entspannter sein.

Diese Ausnahmeregelung an den Geldautomaten dürfte maßgeblichen Anteil daran haben, dass Urlauber von der eskalierenden Krise bisher wenig Notiz nehmen. „Erstaunlich wie gelassen die Menschen hier mit der Situation umgehen“, sagt eine Norwegerin, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Polis-Hotel ganz in der Nähe des zentral gelegenen Athener Omonia-Platzes am Frühstücksbuffet ansteht. „Gestern Abend haben wir eine Gruppe von fünfzig, sechzig jungen Griechen gesehen, die auf dem Vorplatz eines historischen Gebäudes in der Altstadt gemeinsam getanzt haben“, beschreibt die Frau ein Erlebnis, das sie beeindruckt hat. „Ich beneide die Griechen um diese positive Energie“, ergänzt die Urlauberin.

++ Liveblog zur Griechenland-Krise ++: Lange Schlangen an Banken, Tankstellen und Apotheken

++ Liveblog zur Griechenland-Krise ++

Lange Schlangen an Banken, Tankstellen und Apotheken

Die Euro-Zone steht vor einer Erschütterung, Athen steuert auf die Pleite zu. Die Banken bleiben geschlossen, Kapitalkontrollen werden eingeführt. Griechen dürfen 60 Euro pro Tag abheben, Ausländer unbegrenzt.

Auch deutsche Touristen sehen die Situation in Griechenland überraschend gelassen – erst recht, wenn sie auf den Ferieninseln weit weg von der Hauptstadt Urlaub machen. „Ich stehe derzeit mit Reisekunden in Kos, Kreta und Rhodos im Kontakt“, berichtete am Montag die Iserlohner Agenturchefin Marija Linnhoff auf Handelsblatt-Anfrage. „Niemand von ihnen berichtet über Probleme, selbst die Geldautomaten funktionieren anstandslos.“

In einem Facebook-Forum der Reisebürobranche, in dem rund 700 Agenturinhaber regelmäßig aktuelle Warnungen veröffentlichen, sind Griechenland-Reisen trotz der bevorstehenden Staatspleite derzeit kein Thema.
„Es gibt nur geringfügig mehr Anrufe in unserem Service-Center als üblich“, berichtet eine Sprecherin des Münchener Reiseveranstalters FTI. Eine Hotline habe man bislang nicht einrichten müssen. Und selbst die Buchungszahlen für Hellas bezeichnet man bei FTI weiterhin als „stabil“.

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