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04.08.2015

14:47 Uhr

Ärger über neues Preissystem

Warum der Lufthansa Zoff mit Vielfliegern droht

VonStephan Happel, Rüdiger Kiani-Kreß
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Die Lufthansa stellt ihre Ticketpreise um. Das stößt der treuesten Kundengruppe sauer auf: Für viele Geschäftsreisende bringen die neuen Tarife steigende Kosten – und Zoff ums Handgepäck. Wofür die Airline kassiert.

Das Europageschäft der Lufthansa ist ein Verlustbringer; Low-Cost-Linien wie Ryanair drücken die Preise. dpa

Geschäftsreisende bei Lufthansa

Das Europageschäft der Lufthansa ist ein Verlustbringer; Low-Cost-Linien wie Ryanair drücken die Preise.

DüsseldorfLufthansa-Chef Carsten Spohr fehlt die glückliche Hand. Kaum hat er seine neue Tarifstruktur in die Welt gesetzt, hagelt es auch schon Protest. Die Lufthansa verliere ihren Status als Premium-Airline, ätzt ein Kunde. Und Hans-Ingo Biehl, Geschäftsführer des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) und Interessenvertreter der Geschäftsreisenden, sagt gegenüber der WirtschaftsWoche: „Nun muss man mehr zahlen, um Nachteile zu vermeiden.“

Mit der neuen Dreiteilung des Economy-Tarifs innerhalb Deutschlands und Europas in Light, Classic und Flex droht Spohr sich Ärger ausgerechnet mit seinen wertvollsten Kunden einzuhandeln: den Vielfliegern und Geschäftsreisenden.

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Die Lufthansa führt ein neues Preissystem für Flüge innerhalb Europas ein. Was Sie über die Tarife wissen sollten.

Zwar setzen nicht nur Billig-Airlines, sondern auch klassische Wettbewerber wie Air France und British Airways auf diese Strategie: Wer mehr Service möchte, zahlt auch mehr. Indem Spohr auf diese Strategie einschwenkt, beraubt er sich jedoch eines bisherigen Wettbewerbsvorteils, zulasten seiner treuesten Fluggäste.

„Für die meisten Geschäftsreisenden dürfte der Flug mit Lufthansa in Zukunft teurer werden“, sagt Gerd Pontius von der Luftfahrt-Beratung Prologis. Zwar wirbt die Lufthansa im Light-Tarif mit Tickets ab 89 Euro für Hin- und Rückflug.

Doch das ist kaum mehr als ein Lockangebot. „Der Light-Tarif dient vor allem dazu, sich beim Kunden im Preisvergleich attraktiver zu machen“, sagt Pontius. „Während der Buchung werden aber viele in die teureren Tarife wechseln.“

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Grund sind die Fluggewohnheiten dieser Kunden. Geschäftsreisende benutzen meist dickere Trolleys, in denen sie Laptop, Unterlagen und gern auch die Zweitgarderobe verstauen. Obwohl das alles meist mehr als die erlaubten acht Kilo wiegt, waren Lufthansa-Mitarbeiter bislang meist kulant – auch im Wissen, dass selbst Billig-Flieger wie Ryanair und Easyjet großzügigere Maßstäbe anlegen.

Doch: „Beispiele aus den USA zeigen, dass Airlines solche Tarifumstellungen dazu benutzen, rigidere Gepäckregeln einzuführen“, sagt Branchenkenner Pontius. Auch bei der Lufthansa ist künftig offenbar Schluss mit allzu viel Großzügigkeit.

Rivale für Lufthansa: Turkish Airlines plant Billigflieger in Deutschland

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Premium Turkish Airlines plant Billigflieger in Deutschland

Kampf um die Flug-Passagiere: Ab nächsten Sommer will Turkish Airlines mit einem Billigflieger Deutschland erobern. Das erhöht das Risiko für den angeschlagenen Lufthansa-Konzern und seine Neugründung Eurowings.

„Mit der Einführung der neuen Tarife werden wir einerseits noch besser über die Handgepäckregeln informieren, andererseits auch deren Einhaltung sicherstellen“, erklärte die Lufthansa gegenüber der WirtschaftsWoche. „Es wird bei uns nicht dazu kommen, dass große Gepäckstücke mit in die Kabinen genommen werden.“

Lufthansa-Fluggästen mit dickem Trolley bleibt so nur, einen Koffer für 15 bis 30 Euro hinzu zu buchen oder in den Classic-Tarif zu wechseln. Der kostet mindestens 129 Euro. Das sind 30 Euro mehr als der bisherige Tarif, der die Aufgabe eines Koffers einschloss.

Kommentare (4)

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Herr Olaf Schulte

04.08.2015, 15:30 Uhr

Alles schön und gut! Eines wurde an dieser Stelle vergessen: Geschäftsreisende, die des öfteren in die USA und weiter fliegen erhalten in Deutschland zumeist viel höhere Preise für die selbe Leistung, als wenn man von Belgien, Italien oder Griechenland aus fliegt.

Noch viel schöner ist die Tatsache, dass die Konkurrenz in diesen Ländern auch viel günstiger fliegt und dass zumeist zu einem Preis, welcher sich um nur 50 € von der Konkurrenz unterscheidet. Wenn dass mal nicht etwas für die "Wettbewerbshüter" ist.

In jedem Falle ein weiteres Ärgernis für Geschäftsreisende, dass man für die gleiche Leistung viel mehr bezahlen muss, wenn man aus Deutschland abfliegt.

Herr Markus Gerle

04.08.2015, 16:32 Uhr

Herr Schulte, das Phänomen, welches Sie beschreiben, betrifft nicht nur die USA. Flüge mit der LH sind eigentlich immer billiger, wenn sie im Ausland gebucht werden. Auch erhält man als Ausländer viel schneller einen Status. Da ich häufiger ganze Projektteams durch die Gegend fliegen lasse, habe ich es mir bei langfristigen Projekten angewöhnt, die Projekt-MA bei der ersten Anreise mit einem teuren flexibel umbuchbaren Ticket einfliegen zu lassen. Der Rückflug ist dann aufs Projektende terminiert. Die Wochenendheimflüge werden dann im jeweiligen Ausland gebucht. Dann wird es erheblich billiger.
Die Preise richten sich halt auch danach, was man von den Leuten bekommen kann. Deutsche Autos sind zu einem großen Teil in den USA ja auch billiger zu haben.
Die Umstellung des Preissystems der LH jetzt auf das Preissystem von Billig-Airlines dürfte der LH aber teuer zu stehen kommen. Wenn man sich als Geschäftsreisender nun bei jeder Flugbuchung noch großartig Gedanken über das Gepäck und die Planungssicherheit seiner Termine machen muss, sehe ich eigentlich keinen Unterschied zu Ryanair & Co. mehr. Außer, dass eben Ryanair & Co. günstiger sind. Herr Spohr macht aus der ehem. Premium-Fluggesellschaft eben eine Billig-Airline. Dann müssen auch die Ticket-Preise drastisch nach unten angepasst werden.
Sonst bleibt als einziger Vorteil der LH nur noch das Streckennetz und die tolle Anbindung von Provinzflughäfen an die Hubs über die LH CityLine. Hoffentlich reicht dieser Vorteil zum Überleben.

Thomas Meier

04.08.2015, 16:36 Uhr

Ich bin vor allem mal gespannt, wie die Lufthansa dies hier handhaben wird:

http://www.spiegel.de/reise/aktuell/mode-fuer-schlaue-billigflieger-kleid-statt-koffer-a-963185.html

Sieht zwar nicht schön aus, würde aber auf Dauer einiges an Gebühren sparen...

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