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11.05.2016

19:01 Uhr

Air Berlin

Angeschlagene Airline weitet den Verlust aus

Der Abschwung bei Air Berlin geht auch 2016 weiter. Die Fluggesellschaft musste rund 172 Millionen Euro Verlust verkraften – dafür seien vor allem die Diskussionen um Etihad und die Anschläge in Ägypten verantwortlich.

Air Berlin kommt nicht aus den Verlusten raus. dpa

Neue Zahlen, gleiche Richtung

Air Berlin kommt nicht aus den Verlusten raus.

BerlinNach dem Rekordverlust 2015 ist Air Berlin zum Jahresbeginn tiefer in die roten Zahlen geflogen. Der Betriebsverlust (Ebit) weitete sich auf 172 Millionen Euro aus, nach einem Fehlbetrag von 160 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, wie Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft am Mittwoch mitteilte. Die Diskussion um die umstrittenen Gemeinschaftsflüge mit dem Partner Etihad sowie die Anschläge in Ägypten und der Türkei hätten das Geschäft belastet, erläuterte Konzernchef Stefan Pichler. Der Umsatz schrumpfte um gut sieben Prozent auf 737 Millionen Euro.

Erst nach einer langen juristischen Auseinandersetzung hatte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg Mitte Januar die meisten der umstrittenen Gemeinschaftsflüge mit Etihad genehmigt. Bei den sogenannten Codeshare-Flügen erhalten Air-Berlin-Verbindungen eine Flugnummer von Etihad und umgekehrt. Air Berlin erhöht damit die Auslastung der Flugzeuge, während Etihad mehr Ziele weltweit anbieten kann.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Etihad hat wiederholt betont, dies sei ein wesentlicher Grund für den Einstieg beim deutschen Partner. Die Araber halten die Fluglinie seit Jahren über Wasser. Ein Finanzpolster hat Air Berlin schon längst nicht mehr. Ende März wies die Airline ein negatives Eigenkapital von fast einer Milliarde Euro aus.

Unter dem Stich konnte Air Berlin im ersten Quartal den Fehlbetrag allerdings etwas verringern, der Nettoverlust schrumpfte um 13 Prozent auf 182 Millionen Euro. „Im wesentlichen entwickelt sich unser Geschäft in die richtige Richtung, und wir werden insbesondere ab der zweiten Jahreshälfte 2016 deutliche Ergebnisverbesserungen erzielen“, erklärte Pichler.

Luftfahrtberater Gerald Wissel zu Air Berlin : „Eine weitere Kostensenkung ist keine Strategie“

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Air Berlin hat das Geschäftsjahr mit einem gewaltigen Minus beendet. Im Interview spricht der auf Luftfahrt spezialisierte Berater Gerald Wissel über die Gründe für das schlechte Abschneiden und mögliche Konsequenzen.

Mit Langstreckenverbindungen, Kostensenkungen und dem Fokus auf Firmenkunden will er den Lufthansa-Rivalen wieder auf Vordermann bringen. In der Firmenmitteilung legte das Management nun keine konkrete Ergebnisprognose fürs Gesamtjahr vor. Pichler hatte jüngst ein „deutlich besseres operatives Ergebnis“ in Aussicht gestellt, nach einem Minus von 307 Millionen Euro 2015.

Airlines verbuchen im reiseschwachen Jahresauftaktquartal meist Verluste – Geld wird in der Regel erst in der Hochsaison im Sommer verdient. Auch Lufthansa startete mit roten Zahlen ins Jahr, konnte den Betriebsverlust allerdings dank guter Geschäfte in der Passagiersparte und der niedrigeren Ausgaben für Treibstoff verringern.

Von

rtr

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