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23.06.2015

18:57 Uhr

Air-Berlin-Chef

Aktionäre fühlen Stefan Pichler auf den Zahn

Wenn die Aktionäre von Air Berlin zusammenkommen, ist das ein besonderes Ritual. Nur wenige nehmen die Reise auf sich, um Fragen zu stellen und ihr Herz auszuschütten. Der Chef stellt ihnen schon mal ein Glas Wasser hin.

Air-Berlin-Chef Stefan Pichler hat ein Mammutprojekt vor sich. dpa

Stefan Pichler

Air-Berlin-Chef Stefan Pichler hat ein Mammutprojekt vor sich.

LondonAktionäre von Air Berlin haben viele Gründe, unzufrieden mit ihrer Fluggesellschaft zu sein. Etwa der Rekordverlust vom vergangenen Jahr, oder die Verluste aus den Jahren davor, oder dass die Aktie nur noch etwas über einen Euro wert ist. Darüber beschweren sich die wenigen Kleinaktionäre auch, die extra an den Londoner Flughafen Heathrow gereist sind, um Unternehmenschef Stefan Pichler mal auf den Zahn zu fühlen. Die Anteilseigner beschäftigen aber auch ganz andere Probleme.

Da ist zum Beispiel Norbert Westphal aus Berlin, er ist Aktionär der ersten Stunde. 40 Prozent im Minus seien seine Anteile, sagt er. „Gott sei Dank habe ich nicht zu viele davon.“ Offenbar noch ärgerlicher ist für ihn aber, dass die Airline es immer wieder nicht schafft, ihm und seiner Frau zweimal jährlich beim Lanzarote-Urlaub die – früh gebuchten – Plätze mit viel Beinfreiheit am Gang zuzuteilen. Oder Bernd Schuh, der findet, Air Berlin solle an Bord „einen Apfel oder einen Banane“ anbieten, „Veggie ist doch in“.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Pichler, erst seit Februar an der Air-Berlin-Spitze, hört zu und nickt. Er hat ein Mammutprojekt vor sich. Man müsse in der Lage sein, die Gesellschaft profitabel zu führen, sagte er den rund zwei Dutzend Kleinaktionären, darunter eine Studentengruppe aus Berlin. Wie er es schaffen will, dass die nach der Lufthansa zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft wieder Gewinn einfliegt, hat er vor der Fragerunde dargelegt. Neuigkeiten waren nicht dabei: Auf profitable Strecken konzentrieren, Kosten senken, Linienflüge mit Partnergesellschaften teilen (das sogenannte Codesharing), Langstreckenziele ausbauen.

Dass Pichler auch an der Preisschraube drehen will, wertet Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) als gutes Zeichen: „Es ist endlich etwas mehr Realitätssinn bei der Gesellschaft eingekehrt“, sagt der Aktionärsschützer. „Es ist erkannt worden, dass man nicht nur auf der Kostenseite ran muss.“

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