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09.08.2016

19:58 Uhr

Air Berlin

Das Einzige, das wächst, ist der Verlust

Die Angst vor dem internationalen Terror und die politische Lage in Ferienzielen wie der Türkei machen Air Berlin zu schaffen. Die Fluglinie rutscht noch tiefer in die roten Zahlen. Der Ausblick bleibt sehr vage.

Die kriselnde Fluglinie rutscht immer tiefer in die Verlustzone. AFP; Files; Francois Guillot

Air Berlin

Die kriselnde Fluglinie rutscht immer tiefer in die Verlustzone.

FrankfurtAir Berlin fliegt wegen der angespannten Sicherheitslage in wichtigen Ferienländern und zahlreicher hausgemachter Probleme noch tiefer in die roten Zahlen. Der operative Verlust (Ebit) vervierfachte sich auf 62,7 (Vorjahr: 15,9) Millionen Euro, wie Deutschlands zweitgrößte Fluglinie am Dienstagabend mitteilte. Mit den Flügen in die Mittelmeerländer erzielt die Airline ein Drittel ihres Umsatzes.

„Deshalb trifft uns die instabile politische Situation in traditionellen Feriengebieten wie der Türkei, Griechenland und Nordafrika besonders hart“, sagte Konzernchef Stefan Pichler. Da im Gegenzug viele Airlines ihre Flugverbindungen zu sicheren Urlaubsorten wie Mallorca und Spanien insgesamt ausgebaut haben, seien dort die Ticketpreise gesunken.

Teilverkauf an Lufthansa: Air Berlin braucht einen tiefen Eingriff

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Premium Air Berlin braucht einen tiefen Eingriff

Air Berlin steckt tief in der Krise. Ein Teilverkauf an die Lufthansa wäre zwar ein großer Schritt nach vorn. Doch es bleiben etliche andere Baustellen. Eine Analyse.

Der Quartalsumsatz fiel um gut neun Prozent auf 971 Millionen Euro. Der Ausblick des Vorstand bleibt sehr vage: Das volatile und nachfrageschwache Marktumfeld werde sich auf das dritte Quartal 2016 auswirken.

Die mit ihrem Mallorca-Shuttle bekanntgewordene Air Berlin steckt wegen eines übereilten Expansionskurses und einer unklaren Strategie tief in der Krise. In den vergangenen acht Jahren wurden unter dem Strich nur einmal schwarze Zahlen eingeflogen. Vergangenes Jahr erreichte der Nettoverlust mit knapp 450 Millionen Euro Rekordhöhe.

Großaktionär und Geldgeber Etihad - eine staatliche Fluglinie vom Persischen Golf - drängt verstärkt auf eine Trendwende. Als Ausweg aus der Misere sollen künftig verstärkt Langstreckenflüge von den beiden Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf angeboten werden. Zudem verhandelt die Lufthansa Branchenkreisen zufolge mit den Berlinern über den Kauf eines Teils des Geschäfts. Konkret gehe es um die Übernahme von etwa 40 der 150 Maschinen aus der Air-Berlin-Flotte samt Crews, hatten mehrere mit den Verhandlungen vertraute Personen Mitte Juli der Nachrichtenagentur Reuters gesagt. Die Flugzeuge seien vor allem auf touristischen Strecken unterwegs.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Von

rtr

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