Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.01.2016

17:46 Uhr

Air Berlin

Das Jahr der Entscheidung für die Krisen-Airline

VonJens Koenen

Die schwer angeschlagene Air Berlin steht vor einem heftigen Jahr. Airline-Chef Pichler muss den Turnaround schaffen. Ob die neue Strategie aufgehen kann – und welche Entscheidung schon in den kommenden Tagen ansteht.

Die Airline muss endlich wieder schwarze Zahlen schreiben. dpa

Air-Berlin-Maschine hebt ab

Die Airline muss endlich wieder schwarze Zahlen schreiben.

FrankfurtStefan Pichler kann so leicht nichts schocken. Doch vor den kommenden zwölf bis 18 Monaten wird auch der im Februar 2015 angetretene Chef der schwer angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin gehörigen Respekt haben. Für den Airline-Manager ist es das Jahr der Bewährung – in gleich mehrfacher Hinsicht. Air Berlin muss endlich schwarze Zahlen erreichen, Pichler braucht eine Lösung im immer noch schwelenden Streit um die Gemeinschaftsflüge (Codesharing), und er muss vor allem zeigen, dass seine Strategie des gezielten Wachstums trotz der Nöte, in der die Airline steckt, aufgeht.

Eine der ersten Baustellen im neuen Jahr werden die Codesharing-Flüge sein. Dabei vermarkten Airlines Flüge gemeinsam. Ein Air-Berlin-Flug etwa von Stuttgart nach Abu Dhabi wird auch vom Großaktionär Etihad unter einer eigenen Flugnummer verkauft. Eine Fluggesellschaft kann so Tickets für Strecken anbieten, für die sie keine eigenen Verkehrsrechte hat. Dadurch kann Etihad dem Fluggast ein attraktiveres Streckennetz anbieten, bei Air Berlin wiederum sorgt die gemeinsame Vermarktung für besser gefüllte Flugzeuge.

Neuer Sanierungsplan für Air Berlin

Pichlers großer Wurf?

Bei den heikelsten Fragen wird Vorstandschef Stefan Pichler zum Basta-Manager. Kann Air Berlin den kommenden Winter überstehen? „Unsere Finanzierung ist gesichert. Punkt“, antwortet er ohne Details. Gibt es einen Plan B, wenn die Gemeinschaftsflüge mit dem Partner Etihad nicht dauerhaft genehmigt werden? Pichler: „Das wird so weitergehen. Punkt.“ Der Spitzenmann der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft legte am 11. November Quartalszahlen vor und das lange erwartete Konzept für die nächsten Jahre – neun Monate nach seinem Amtsantritt.

Wie will Pichler den Umschwung schaffen?

Ein Maßnahmenpaket mit 14 Elementen soll Air Berlin aus der Dauerkrise führen. Pichler will den Verkehr dort ausbauen, wo es lukrativ erscheint, etwa auf Transatlantik-Routen, und neue Kundengruppen gewinnen. Bei Flotte, Organisation und Personal will er weiter sparen.

Wie will Air Berlin wachsen?

Auf langen Strecken lässt sich mehr verdienen. Weil das so ist, baut Air Berlin am Drehkreuz Düsseldorf im Mai 2016 sein Flugangebot in die USA und die Karibik aus. Es sind dann insgesamt bis zu 62 Langstreckenflüge wöchentlich ab Düsseldorf. Zum Vergleich: Ab Berlin-Tegel sind es 28 Interkontinentalflüge pro Woche. Eine engere Zusammenarbeit mit Alitalia soll mehr Fluggäste von Deutschland und Österreich nach Italien bringen. Geplant ist außerdem eine Vertriebsinitiative, um mehr Firmenkunden an Air Berlin zu binden.

Was ist mit dem Standort Berlin?

Auch die Basis Berlin soll erweitert werden, zunächst mit weiteren Europa-Verbindungen und später auch Langstrecken. Noch gibt es dazu nichts Konkretes. Pichler will aber mit der Expansion nach eigenen Worten nicht warten, bis der Hauptstadtflughafen (BER) voraussichtlich Ende 2017 eröffnet wird.

Wo will die Fluggesellschaft sparen?

Wie schon zuletzt, sollen Verbindungen „teilweise ausgedünnt“ werden, also Einsatz von weniger oder kleineren Flugzeugen dort, wo die Nachfrage schwach ist. Künftig soll die konzerneigene Flotte nur noch aus Airbus-Maschinen bestehen, um Kosten etwa bei der Wartung zu senken. Auch Personal soll abgebaut werden, überwiegend in der Verwaltung. Wie viele der rund 8000 Stellen wegfallen, ist noch nicht bekannt.

Was ist neu an den Plänen Pichlers?

Pichler sagt jetzt ausdrücklich, dass sein Konzern eine „Netz-Airline“ werden soll wie Lufthansa oder British Airways. Air Berlin könne aber die gleiche Leistung zu geringen Kosten pro Passagier verwirklichen - ein Wettbewerbsvorteil nach Meinung des Vorstandschefs. „Die strategische Ausrichtung ist relativ klar und eindeutig“. Doch der Weg dorthin brauche Zeit. Air Berlin könne seine anderen Standbeine wie das Tourismus-Geschäft „nicht einfach wegwerfen“. Air Berlin wird seit langem von Experten vorgeworfen, dass ein klares Geschäftsmodell nicht erkennbar sei.

Was ist Pichlers Ziel und bis wann will er es erreichen?

In 12 bis 18 Monaten soll der „Turning Point“ (Wendepunkt) erreicht sein, von dem an das Unternehmen wieder profitabel sein soll. Die frühere Ankündigung, Air Berlin wolle im Gesamtjahr 2016 wieder ein positives operatives Ergebnis (Ebit) erreichen, hat Pichler nicht wiederholt. Nun heißt es, das Ebit solle bis Ende 2018 um 310 Millionen Euro verbessert werden. Das würde für ein kleines Plus reichen. Im Jahr 2014 lag das Ebit bei minus 294 Millionen Euro.

Wie ist Air Berlin im Wettbewerb positioniert?

Zu den größten Konkurrenten gehören im Europageschäft Ryanair und Easyjet, die auch weiterhin ihr Angebot ausweiten und den Preisdruck auf vielen Strecken hochhalten. Interkontinental muss sich Air Berlin mit einer Reihe großer Gesellschaften messen, unter anderem der Lufthansa. Der Partner Etihad Airways aus Abu Dhabi verhilft zu Anschlüssen nach Asien und Australien. Die gemeinsame Vermarktung von Flügen ist für beide Partner ein wichtiger Pfeiler des Geschäfts.

Quelle: dpa

Und gerade Air Berlin kann jeden Euro gebrauchen. In den ersten neun Monaten 2015 flog die Airline einen Betriebsverlust vor Zinsen und Steuern von 94,3 Millionen Euro ein, netto lag das Minus sogar bei 191,4 Millionen Euro. Das Eigenkapital der Gesellschaft ist seit zwei Jahren aufgezehrt, die Nettoverschuldung lag Ende September bei 787 Millionen Euro.

Laut Etihad trug das Codesharing seit dem Start im Jahr 2012 rund 252 Millionen Euro zum Gewinn von Air Berlin bei. Ob die Airline weiter auf diese Zusatzerlöse hoffen kann, ist jedoch ungewiss. Die aktuelle Genehmigung des Luftfahrtbundesamtes (LBA) ist bis zum 15. Januar 2016 befristet.

Das dem LBA übergeordnete Bundesverkehrsministerium ist der Ansicht, dass das Luftverkehrsabkommen zwischen des Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) 34 Codeshare-Verbindungen nicht abdeckt. Der Streit entzündet sich vor allem an der Frage, ob das Abkommen nur Gemeinschaftsflüge innerhalb Deutschlands erlaubt oder auch solche von deutschen Flughäfen ins Ausland.

Air Berlin in der Krise: Krisen-Airline fliegt künftig öfter nach Mallorca

Air Berlin in der Krise

Krisen-Airline fliegt künftig öfter nach Mallorca

Air Berlin zieht sich aus dem Luftverkehr innerhalb Spaniens zurück. Stattdessen bietet die Fluggesellschaft künftig mehr Direktflüge von Deutschland nach Palma de Mallorca an. Doch die Flugzeuge werden kleiner.

Air-Berlin-Chef Pichler setzt darauf, die Genehmigung auch über den 15. Januar zu bekommen, obwohl das Verkehrsministerium zuletzt Härte gezeigt hatte. Die jüngste Entscheidung des Verwaltungsgericht Braunschweig, 31 gemeinsame Verbindungen im Winterflugplan zu untersagen, macht die Genehmigung unwahrscheinlicher.

Allerdings gibt es wohl seit kurzem wieder Kontakte auf politischer Ebene zwischen der Bundesregierung und den VAE. Gleichzeitig hat sich die EU-Kommission das übergeordnete Thema eines „fairen Wettbewerbs im Luftverkehr“ vorgenommen. Beobachter könnten sich vorstellen, dass die Frage der Codeshare-Frage bis zur europäischen Klarstellung zurückgestellt wird und die Flüge bis dahin unter Vorbehalt erlaubt werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×