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11.11.2015

16:18 Uhr

Air Berlin im Existenzkampf

Deutschlands Nummer zwei sucht ihr Heil in der Ferne

Kuba, Texas oder Kalifornien: Die angeschlagene Air Berlin hofft auf die Langstrecke. Vorstandschef Stefan Pichler will mit neuen Fernzielen Marktanteile gewinnen. Die Lage für die Airline bleibt aber gefährlich.

Die angeschlagene Airline setzt bei ihrer neuen Strategie vor allem auf Langstreckenflüge. dpa

Air Berlin

Die angeschlagene Airline setzt bei ihrer neuen Strategie vor allem auf Langstreckenflüge.

BerlinAir Berlin peilt mit Langstreckenflügen, Kostensenkungen und dem Fokus auf Firmenkunden die Wende an. Die Fluggesellschaft will in den nächsten zwölf bis 18 Monaten profitabel werden. „2016 wird der Turningpoint sein“, sagte Konzernchef Stefan Pichler am Mittwoch bei der Vorlage der neuen Strategie in Berlin. „Das alles ist aber nicht ein Zaubertrick, wo du ein Kaninchen aus dem Zylinder zauberst.“ Das könne man nicht von heute auf morgen umsetzen. „Das ist ein längerer Weg.“

Künftig wolle man etwa Nonstopflüge zu drei neuen Zielen in den USA sowie in Kuba anbieten. So sollen von Mai 2016 an von Düsseldorf aus die US-Metropolen San Francisco, Boston und Dallas bis zu fünfmal pro Woche angeflogen werden. Zudem wolle man durch die geplante engere Zusammenarbeit mit Alitalia den Flugverkehr von Deutschland und Österreich nach Italien weiter ausbauen.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Pichler setzt zudem darauf, dass das angeschlagene Unternehmen seine umstrittenen Gemeinschaftsflüge mit dem Großeigner Etihad trotz anderer Signale aus dem Bundesverkehrsministerium fortsetzen kann.

Die nach der Lufthansa zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft steckt seit längerem in der Krise – auch mehrere Sanierungsrunden und Chefwechsel brachten kaum Erfolg. In den vergangenen sieben Jahren flog Air Berlin nur einmal einen Konzernüberschuss ein. Der seit Februar amtierende Pichler räumte ein, zuletzt habe Air Berlin den Spagat versucht, mit Billig-Anbietern zu konkurrieren und gleichzeitig auch mit sogenannten Netzwerk-Airlines wie der Lufthansa.

„Wir sind jetzt auf einem konsequenten Weg, diese Grundproblematik zu lösen.“ Dies soll durch den Ausbau von profitablen Langstreckenflügen vor allem in die USA gelingen. Zudem wolle man nicht im direkten Konkurrenzkampf stehen mit Billig-Fluglinien wie Ryanair und Easyjet.

Air Berlin will seine Drehkreuze Düsseldorf und Berlin ausbauen, das Flugangebot zu seinem touristischen Kernmarkt Mallorca erhöhen und die Zusammenarbeit mit Alitalia und dem arabischen Partner Etihad verstärken. „Wir wollen unseren Marktanteil im Firmenkundengeschäft in den kommenden drei Jahren verdoppeln“, kündigte Pichler an. Auf der Kostenseite plant er Entlastungen durch die Abbau von Stellen vor allem in der Verwaltung. Unklar sei, wie viele der insgesamt 9000 Jobs wegfallen. Zudem sollen einige Strecken weniger häufig geflogen werden.

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