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11.11.2016

12:16 Uhr

Air Berlin

Ohne Finanzpolster durch den Winter

Air Berlin hat auch im Sommer überraschend einen Verlust eingeflogen. Das Finanzpolster ist längst aufgebraucht, die Schulden steigen. Konzernchef Stefan Pichler sieht trotz Radikalkur kein Ende der Dauerkrise.

„Auch das vierte Quartal wird für Air Berlin operativ noch keine Trendwende bringen“ dpa

Stefan Pichler

„Auch das vierte Quartal wird für Air Berlin operativ noch keine Trendwende bringen“

FrankfurtAir Berlin gibt nach roten Zahlen im üblicherweise boomenden Sommergeschäft die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Dauerkrise auf. „Auch das vierte Quartal wird für Air Berlin operativ noch keine Trendwende bringen“, sagte Konzernchef Stefan Pichler. Die Airline stecke mitten in der Neuausrichtung und zudem sei das Marktumfeld in der Branche wegen der Anschläge in der Türkei und anderen Urlaubsländern anspruchsvoll.

Air Berlin flog im dritten Quartal einen Fehlbetrag von 46 Millionen Euro ein nach 56 Millionen Euro Überschuss vor einem Jahr. Die Entwicklung ist überraschend, da Airlines im Sommer, wenn Urlauber massenweise an die Strände des Mittelmeers reisen, ordentlich Geld verdienen. Der große Rivale Lufthansa etwa erhöhte vor kurzem sogar seine Gewinnprognose für dieses Jahr. In der Branche gilt, dass die hohen Erträge aus dem Urlaubsquartal die Verluste im verkehrsarmen Winter ausgleichen müssen.

Air Berlin – schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.

Und hier gibt es bei Air Berlin Experten zufolge viele Fragezeichen, da die Verluste aus den ersten neun Monaten sich auf 317 Millionen Euro summieren. Ein Finanzpolster bietet normalerweise das Eigenkapital, doch auch der Posten ist nach hohen Verlusten in den Vorjahren aufgezehrt - stattdessen stehen hier 987 Millionen Euro Miese. Und die Schulden türmen sich auf 927 Millionen Euro. Bislang ist jedoch die arabische Fluglinie Etihad, die 29 Prozent der Air-Berlin-Aktien hält, stets eingesprungen und hat Geld nachgeschossen.

Die Misere im abgelaufenen Quartal ist aus Sicht von Air Berlin dem harten Wettbewerb auf Strecken nach Spanien und Portugal geschuldet. Denn in die Richtung hätten viele Rivalen massiv Strecken eröffnet und verstärkt, nachdem wegen der Anschläge kaum noch Urlauber in die Türkei, nach Ägypten und Tunesien reisen wollten. Der Umsatz fiel deshalb um fünf Prozent auf 1,23 Milliarden Euro. „Durch den erhöhten Marktdruck, insbesondere in der Touristik erfüllt das dritte Quartal nicht die gesetzten Erwartungen und die Rahmenbedingungen für unsere Branche bleiben weiter herausfordernd“, sagte Pichler.

Der seit anderthalb Jahren amtierende Konzernchef versucht es deshalb mit einer Radikalkur, die er Ende September vorstellte: Die Flotte soll halbiert werden und 1200 der 8600 Arbeitsplätze wegfallen. Kernstück ist ein Deal mit der Lufthansa über die Vermietung von 40 Flugzeugen samt Crews. Gleichzeitig soll sich Air Berlin künftig auf Geschäftskunden- und Langstreckenverbindung, etwa nach Nordamerika, konzentrieren. Im Frühjahr etwa kommen drei neue Interkontinental-Jets dazu, wie Pichler sagte.

Allerdings droht auch hier schon der erste Rückschlag: American Airlines überprüft nämlich die Codeshare-Zusammenarbeit mit den Berlinern. Die weltgrößte Fluglinie übernimmt bisher die Anschlussflüge von Air-Berlin-Passagieren in Nordamerika.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

11.11.2016, 16:46 Uhr

"Frau Annette Bollmohr
Als gäbe es nicht mehr als genug Sinnvolleres zu tun, und zwar für jeden."

Wie zum Beispiel aber auch jeden Artikel zu kommentieren.....

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