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15.08.2013

15:47 Uhr

Air Berlin

Sanierung mit Nebenwirkungen

VonLukas Bay

Mit einem rigiden Sparkurs will der neue Chef Wolfgang Prock-Schauer Air Berlin wieder rentabel machen. Die Reserven der zweitgrößten deutschen Airline sind mittlerweile aufgebraucht.

Fluggesellschaft unter Druck

Air Berlins zahlreiche Baustellen

Fluggesellschaft unter Druck: Air Berlins zahlreiche Baustellen

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DüsseldorfDie Flughafen-Verantwortlichen staunten nicht schlecht, als die Verhandlungsführer von Air Berlin ihnen erklärten, warum sie künftig weniger für die Enteisung ihrer Flugzeuge im Winter bezahlen wollten. Das Gemisch zur Enteisung bestehe größtenteils aus beigefügtem Wasser, das wenig koste. Künftig wolle man daher nur noch für den Alkohol und die Zusatzstoffe bezahlen – und damit deutlich weniger als vorher.

Es ist nur eine Episode, doch sie zeigt, wie hart Air Berlin darum ringt, die laufenden Kosten zu reduzieren. 400 Millionen Euro will das Unternehmen bis Ende 2014 einsparen und so wieder in die schwarzen Zahlen fliegen. Der neue Chef Wolfgang Prock-Schauer muss zu Ende bringen, was sein Vorgänger Hartmut Mehdorn begann.

Der hatte dem Unternehmen mit dem Programm „Turbine 2013“ eine Rosskur verordnet: Die Zahl der verfügbaren Sitzplätze wurde zusammengestrichen, die Flotte wurde um 16 Flugzeuge verkleinert und 80 Ziele wurden aus dem Sommerflugplan gestrichen. Auch beim Personal wird gespart: Jeder zehnte der derzeit etwa 9000 Mitarbeiter soll gehen. Für diese Maßnahmen entstanden Air Berlin bislang zusätzliche Kosten von 35 Millionen Euro.

Allein im ersten Halbjahr hat die Airline einen Verlust von 196,5 Millionen Euro eingeflogen, etwa 17,8 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Insgesamt schrumpften die Kapazitäten um 8,4 Prozent, der Umsatz verringerte sich um 1,8 Prozent auf 1,11 Milliarden Euro. Zudem hat Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft im Ferienmonat Juli weniger Passagiere befördert als ein Jahr zuvor. Die Schwäche im Sommergeschäft begründet Air Berlin mit dem guten Wetter. Mit 3,4 Millionen Fluggästen wurden 5,1 Prozent weniger transportiert als im Vorjahr.

Trotzdem sieht Prock-Schauer die Airline auf dem richtigen Kurs: „Wir gehen für das laufende Jahr aber dennoch davon aus, dass auf der Ebit-Basis eine 'schwarze Null' erreichbar ist.“ Das operative Geschäft soll damit keine Verluste mehr schreiben. Wegen der schwächelnden Konjunktur sei das Erreichen der Ziele „zunehmend anspruchsvoller“ geworden. Es gebe aber auch positive Signale: Die Auslastung der Maschinen sei um vier Prozentpunkte auf 83,7 Prozent gestiegen. Auch der Umsatz pro Fahrgast legte auf 114,72 Euro inklusive Steuern und Gebühren zu. Außerdem habe man zwei Drittel des Sparziels für 2013 bereits erreicht.

Die größten europäischen Billigflieger

Platz 10

Wizz Air: 42 Flugzeuge

Die ungarische Fluglinie Wizz Air hat ihr Streckennetz vor allem in Osteuropa. In Deutschland fliegt sie mit ihren 42 Airbus A320 die Flughäfen in Dortmund, Frankfurt-Hahn, Köln/Bonn, Lübeck und Memmingen an.

Quelle: DLR Low-Cost-Monitor 1/2014 (Stand: Frühjahr 2014). Es wurden ausschließlich in Deutschland operierende Airlines in das Ranking aufgenommen.

Platz 9

Jet 2: 49 Flugzeuge

Die britische Billig-Airline Jet 2 gibt es erst seit dem Jahr 2002, trotzdem hat sie mit 49 Flugzeugen eine der größten Flotten unter den europäischen Billig-Airlines. Mit ihren 38 Boeing 737-Maschinen und elf Boeing 757 fliegt die Airline viele Urlaubsziele im Mittelmeer und außerdem New York City an.

Platz 8

Germanwings: 55 Flugzeuge

Die Lufthansa-Tochter bleibt in den Top Ten der europäischen Billigflieger. Germanwings kommt der Aufstellung zufolge auf 55 Flugzeuge in der Flotte. Weil die Lufthansa allerdings noch weitere Flugverbindungen und Maschinen an die Tochter abgibt, wird die Zahl der Flieger noch zunehmen.

Platz 7

Flybe: 59 Flugzeuge

Die britische Airline Flybe betreibt mit 37 Maschinen die größte Flotte an Bombardier Dash Q8-400 Maschinen weltweit. Dazu kommen 22 Flieger von Embraer. Flybe hat seinen Sitz in Southampton und fliegt in Deutschland die Flughäfen in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Stuttgart an.

Platz 6

Vueling: 72 Flugzeuge

Die spanische Fluggesellschaft Vueling startete im Jahr 2004. Die Flotte der Billig-Airline besteht aus Flugzeugen der Typen Airbus A320 und A319. Der Billigflieger gehört mittlerweile zur International Airline Group (IAG), der Mutter von British Airways und Iberia. Die Flotte wächst weiter – auch dank der Übernahme von Iberia-Verbindungen.

Platz 5

Air Berlin: 88 Flugzeuge

Die Netzwerk-Airline Air Berlin ist ebenfalls im Ranking vertreten – mit Strecken, die als Low-Cost-Flüge gelten (siehe Hinweis). Die Fluggesellschaft hat 41 Airbus A319, A320 und A321, 46 Boeing 737 und eine ATR in der Flotte.
Hinweis: Das DLR spricht bei Air Berlin von einer „Grauzone“, in der mehrere Geschäftsmodelle Anwendung finden. In das Ranking wurden nur die bisherigen Low-Cost-Strecken der in Air Berlin aufgegangenen Fluggesellschaften aufgenommen. Bei der Flotte verhält es sich offenbar ähnlich. Die komplette Flotte von Air Berlin finden Sie hier.

Platz 4

Norwegian: 91 Flugzeuge

Zu Norwegian gehören 87 Boeing 737 und vier 787, viele davon sind mit Portraits berühmter skandinavischer Persönlichkeiten geschmückt. Norwegian gehört damit mittlerweile zu den großen im europäischen Luftraum.

Platz 3

HOP!: 102 Flugzeuge

Die Fluggesellschaft ist neu im Ranking – und schießt gleich auf Rang drei vor. Das hat einen einfachen Grund: Der Zusammenschluss mehrerer ehemaliger französischer Regionalflieger unter dem Dach der Air France bedient erst seit kurzem den deutschen Markt.

Platz 2

Easyjet: 197 Flugzeuge

Die britische Fluglinie Easyjet ist die Nummer zwei der Billigflieger in Europa. Zu der wachsenden Flotte gehören 138 Airbus A319 und 59 Airbus A320.

Platz 1

Ryanair: 297 Flugzeuge

Mit einer Flotte von mehr als knapp 300 Flugzeugen ist Ryanair unumstritten die größte Billig-Airline in Europa. Und die Flotte wird noch größer: Bei Boeing haben die Iren zuletzt 175 neue Flugzeuge bestellt.

Der selbst verordnete Schrumpfkurs ist für die Berliner überlebenswichtig. Die jahrelange Expansion unter dem einstigen Firmenchef Joachim Hunold hat Spuren hinterlassen: Der Berg der langfristigen Finanzverbindlichkeiten ist mittlerweile auf 764 Millionen Euro angewachsen. Im ersten Halbjahr musste Air Berlin allein 44,9 Millionen Euro für Zinsen aufbringen. Und die Kapitaldecke wird durch die andauernden Verluste dünner und dünner. Das Eigenkapital erreicht mit einem Negativwert von 116,3 Millionen Euro einen neuen Tiefststand.

Ein wichtiger Schritt zur weiteren Sanierung ist der Verkauf von elf Flugzeugen an ein chinesisches Leasing-Unternehmen. Air Berlin erhalte als Verkaufserlös insgesamt einen „substanziellen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag“, sagte ein Konzernsprecher. Der Verkauf von zwei weiteren Maschinen stehe noch aus. Doch längerfristig reichen die Erlöse aus dem Verkauf für die Firma nicht aus, um über die Runden zu kommen. Deshalb könnte frisches Geld am Kapitalmarkt aufgenommen, sagte Prock-Schauer. Zunächst müsse aber die Sanierung greifen. „Wenn das funktioniert, schließen wir eine Kapitalmaßnahme nicht aus.“

Prock-Schauer steht vor der Mammutaufgabe, die Einnahmesituation zu verbessern und die Kosten zu senken, ohne die Kunden zu verärgern. Das gelingt nicht immer. Zuletzt meldete die „Welt“, dass Air Berlin derzeit 30.000 Kundenanfragen noch nicht beantwortet hat. Zum Teil müssten Kunden acht Monate auf eine Antwort warten. Beim nationalen Konkurrenten Lufthansa werden solche Anfragen eigenen Angaben zufolge nach maximal sechs Tagen beantwortet. Air Berlin will künftig nur noch Vielflieger selbst betreuen, Anfragen von Gelegenheitskunden sollen an einen separaten Dienstleister ausgelagert werden.

Kommentare (7)

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Gegrounded-und-aus-die-Maus

15.08.2013, 11:00 Uhr

Alle diese großen deutschen Fluggesellschaften sind mittlerweile Geschichte und nicht mehr existent: Hamburg International, Hapag Lloyd Express (HLX), LTU International Airways, Aero Lloyd, Deutsche BA, Lufthansa Italia, XL Airways Germany und das Sterben geht weiter.
Dazu kommen noch OLT Express Germany, Aero Flight GmbH & Co. Luftverkehrs KG, Blue Wings AG, Bremenfly, Cirrus Airlines, Contact Air Flugdienst GmbH & Co. KG, Elbe Air Lufttransport, European Air Express Luftverkehrs GmbH & Co. KG (EAE), dauair AG.
Diese deutschen Fluggesellschaften sind auch in den letzten Jahren vom Markt verschwunden.
Mich würde es nicht wundern, wenn auch Air Berlin bald vom Markt der Billigflieger verschwindet. Ein befreundeter Flugkapitän, der mittlerweile seine berufliche Zukunft im arabischen Raum gefunden hat, sagte mir schon vor 2 Jahren das es Air Berlin als nächstes erwischen wird. Allgemein ist in Europa kein Profit mehr zu machen! Boomen wird der arabische, asiatische und indische Raum, Europa ist dank Euro und EU-Diktatur weiterhin auf dem absteigenden Ast, nicht nur beim Flugverkehr und den „sterbenden“(Billig)Fluggesellschaften.

Steppe

15.08.2013, 11:20 Uhr

Sieht man sich die steigenden Pensionslasten an, dann ist wohl die Lufthansa der nächste Kandidat. Da ist zwar noch viel Substanz vorhanden aber das Geschäft wird für die noch härter als für Air Berlin. Man kann es heute schon an den sinkenden Verkehrszahlen in Frankfurt erkennen.70% Langstreckenumsteiger bedeuten heutzutage ein enormes Risiko.Da wird von allen Seiten dran gesägt.

Joey

15.08.2013, 11:41 Uhr

Was auch immer jetzt in den Nachrichten zu Air Berlin steht, wird sich sicherlich in naher Zukunft als unwichtig herausstellen. Für Ethihad ist Air Berlin lediglich ein kleiner Snack zwischendurch (finanziell gesehen) und den werden sie sich auch bald genehmigen. Dann fliegt Air Berlin unter Ethihad weiter und Service sollte dann auch wieder einkehren.

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