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12.11.2015

11:03 Uhr

Air Berlin statt Lufthansa

Carsten Spohr fliegt fremd

Überraschender Gast auf dem Air-Berlin-Flug AB 6209: Lufthansa-Chef Carsten Spohr musste wegen des Streiks der Flugbegleiter auf die Konkurrenz ausweichen. Mit seinem Sitzplatz zeigte sich der Manager durchaus zufrieden.

Der Streik zwang den Lufthansa-Chef zum Flug mit der Konkurrenz. dpa

Carsten Spohr

Der Streik zwang den Lufthansa-Chef zum Flug mit der Konkurrenz.

FrankfurtMit ihrem Rekordstreik haben die Flugbegleiter der Lufthansa ihren Chef zu einem seltenen Flugerlebnis gezwungen. Um von Berlin nach München zu fliegen, nahm der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr am Mittwochabend eine Maschine des Konkurrenten Air Berlin, wie ein Lufthansa-Sprecher am Donnerstag bestätigte.

Spohr habe sich bei den Piloten des Flugs AB 6209 für die Mitnahme bedankt und dann in Reihe 20 Platz genommen. „Das war ein sehr guter Sitz.“ Mittags hatte Spohr auf seinem Weg von Frankfurt nach Berlin noch auf einen der wenigen Lufthansa-Flüge zurückgreifen können, die trotz des längsten Streiks in der Firmengeschichte abheben konnten.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Auch am sechsten Streiktag der Flugbegleiter zeichnet sich keine Einigung ab. Beide Seiten bewegen sich derzeit kaum aufeinander zu. Deutschlands größte Airline strich am Donnerstag gut 930 ihrer geplanten 3000 Flüge. Betroffen sind an den Flughäfen Frankfurt, München und Düsseldorf etwa 107.000 Passagiere.

Die Lufthansa hatte zuletzt vergeblich versucht, den längsten Ausstand ihrer Geschichte vor Gericht zu stoppen. Am Donnerstagnachmittag verhandelt das Landesarbeitsgericht Düsseldorf über eine Berufung der Fluggesellschaft. In dem seit zwei Jahren schwelenden Tarifkonflikt geht es neben vielen anderen Punkten um die Altersversorgung für die 19.000 Kabinenangestellten bei der Lufthansa.

Personal-Vorstand Bettina Volkens bekräftigte, dass die Lufthansa wegen des harten Wettbewerbs nur mit Einsparungen an den Märkten bestehen könne. „Wenn wir es nicht schaffen, die Kosten zu senken, müssen wir weiter schrumpfen“, sagte sie im ZDF. Dies wolle das Unternehmen aber nicht. Die Managerin wich der Frage aus, ob der Konzern den Stewardessen und Stewards in dieser Woche noch ein weiteres Angebot vorlegen werde.

Die Flugbegleitergewerkschaft UFO, die noch bis einschließlich Freitag die Arbeit niederlegen will, betonte ihre Entschlossenheit. „Wenn es keine Bewegung vom Vorstand gibt, dann müssen wir vielleicht sagen, dass es noch einen Streik geben wird“, sagte UFO-Chef Nicoley Baublies der Nachrichtenagentur Reuters. „Solange es kein Signal vom Vorstand gibt, dass sie anders mit den Mitarbeitern umgehen, hilft eine formelle Schlichtung nicht.“

Der finanzielle Schaden des aktuellen Streiks liegt nach Worten von Lufthansa-Managerin Volkens in „einem deutlichen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich“. Mit dem Ausstand schädigten die Flugbegleiter den gesamten Konzern. „Die Einzigen, die sich darüber freuen, sind unsere Wettbewerber“, sagte Volkens der „Bild“-Zeitung.

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