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15.01.2016

14:05 Uhr

Air Berlin und Etihad begrüßen Urteil

„Sieg für Verbraucher und den Wettbewerb“

Air Berlin und Etihad feiern: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat den größten Teil der umstrittenen Gemeinschaftsflüge genehmigt. Für die Airlines ist das ein Sieg über die Bundesregierung mit Signalwirkung.

Gemeinschaftsflüge

Sieg vor Gericht: Air Berlin darf weiter mit Etihad fliegen

Gemeinschaftsflüge: Sieg vor Gericht: Air Berlin darf weiter mit Etihad fliegen

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BerlinDie Fluggesellschaften Air Berlin und Etihad haben hocherfreut auf ihren weitgehenden juristischen Sieg im Streit über ihre Gemeinschaftsflüge mit den deutschen Luftfahrtbehörden reagiert. Die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg habe „Signalwirkung für unsere Fluggäste“ und sei „ein Sieg für mehr Wettbewerb im deutschen Luftverkehr“, erklärte Air Berlin-Vorstandschef Stefan Pichler am Freitag.

Auch Etihad-Chef James Hogan lobte das Urteil als „Sieg für Verbraucher und den Wettbewerb“. Die „andauernden Anschuldigungen“ hätten Air Berlin „stark geschädigt“, erklärte er. Die Auslegung des Luftfahrtabkommens zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland durch das Gericht bedeute auch, dass die betroffenen Flüge über den aktuellen Winterflugplan hinaus angeboten werden könnten, erklärte Hogan.

Das niedersächsische Oberverwaltungsgericht in Lüneburg hatte in seinem am Freitag veröffentlichten unanfechtbaren Beschluss abschließend entschieden, dass die beiden Gesellschaften 26 ihrer 31 strittigen sogenannten Codeshare-Flüge bis zum Ende des Winterflugplans am 26. März fortsetzen dürfen. Zuvor hatte es das Verwaltungsgericht in Braunschweig in erster Instanz auf Antrag der Unternehmen noch abgelehnt, den deutschen Behörden dies in einer einstweiligen Anordnung verbindlich vorzuschreiben.

Neuer Sanierungsplan für Air Berlin

Pichlers großer Wurf?

Bei den heikelsten Fragen wird Vorstandschef Stefan Pichler zum Basta-Manager. Kann Air Berlin den kommenden Winter überstehen? „Unsere Finanzierung ist gesichert. Punkt“, antwortet er ohne Details. Gibt es einen Plan B, wenn die Gemeinschaftsflüge mit dem Partner Etihad nicht dauerhaft genehmigt werden? Pichler: „Das wird so weitergehen. Punkt.“ Der Spitzenmann der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft legte am 11. November Quartalszahlen vor und das lange erwartete Konzept für die nächsten Jahre – neun Monate nach seinem Amtsantritt.

Wie will Pichler den Umschwung schaffen?

Ein Maßnahmenpaket mit 14 Elementen soll Air Berlin aus der Dauerkrise führen. Pichler will den Verkehr dort ausbauen, wo es lukrativ erscheint, etwa auf Transatlantik-Routen, und neue Kundengruppen gewinnen. Bei Flotte, Organisation und Personal will er weiter sparen.

Wie will Air Berlin wachsen?

Auf langen Strecken lässt sich mehr verdienen. Weil das so ist, baut Air Berlin am Drehkreuz Düsseldorf im Mai 2016 sein Flugangebot in die USA und die Karibik aus. Es sind dann insgesamt bis zu 62 Langstreckenflüge wöchentlich ab Düsseldorf. Zum Vergleich: Ab Berlin-Tegel sind es 28 Interkontinentalflüge pro Woche. Eine engere Zusammenarbeit mit Alitalia soll mehr Fluggäste von Deutschland und Österreich nach Italien bringen. Geplant ist außerdem eine Vertriebsinitiative, um mehr Firmenkunden an Air Berlin zu binden.

Was ist mit dem Standort Berlin?

Auch die Basis Berlin soll erweitert werden, zunächst mit weiteren Europa-Verbindungen und später auch Langstrecken. Noch gibt es dazu nichts Konkretes. Pichler will aber mit der Expansion nach eigenen Worten nicht warten, bis der Hauptstadtflughafen (BER) voraussichtlich Ende 2017 eröffnet wird.

Wo will die Fluggesellschaft sparen?

Wie schon zuletzt, sollen Verbindungen „teilweise ausgedünnt“ werden, also Einsatz von weniger oder kleineren Flugzeugen dort, wo die Nachfrage schwach ist. Künftig soll die konzerneigene Flotte nur noch aus Airbus-Maschinen bestehen, um Kosten etwa bei der Wartung zu senken. Auch Personal soll abgebaut werden, überwiegend in der Verwaltung. Wie viele der rund 8000 Stellen wegfallen, ist noch nicht bekannt.

Was ist neu an den Plänen Pichlers?

Pichler sagt jetzt ausdrücklich, dass sein Konzern eine „Netz-Airline“ werden soll wie Lufthansa oder British Airways. Air Berlin könne aber die gleiche Leistung zu geringen Kosten pro Passagier verwirklichen - ein Wettbewerbsvorteil nach Meinung des Vorstandschefs. „Die strategische Ausrichtung ist relativ klar und eindeutig“. Doch der Weg dorthin brauche Zeit. Air Berlin könne seine anderen Standbeine wie das Tourismus-Geschäft „nicht einfach wegwerfen“. Air Berlin wird seit langem von Experten vorgeworfen, dass ein klares Geschäftsmodell nicht erkennbar sei.

Was ist Pichlers Ziel und bis wann will er es erreichen?

In 12 bis 18 Monaten soll der „Turning Point“ (Wendepunkt) erreicht sein, von dem an das Unternehmen wieder profitabel sein soll. Die frühere Ankündigung, Air Berlin wolle im Gesamtjahr 2016 wieder ein positives operatives Ergebnis (Ebit) erreichen, hat Pichler nicht wiederholt. Nun heißt es, das Ebit solle bis Ende 2018 um 310 Millionen Euro verbessert werden. Das würde für ein kleines Plus reichen. Im Jahr 2014 lag das Ebit bei minus 294 Millionen Euro.

Wie ist Air Berlin im Wettbewerb positioniert?

Zu den größten Konkurrenten gehören im Europageschäft Ryanair und Easyjet, die auch weiterhin ihr Angebot ausweiten und den Preisdruck auf vielen Strecken hochhalten. Interkontinental muss sich Air Berlin mit einer Reihe großer Gesellschaften messen, unter anderem der Lufthansa. Der Partner Etihad Airways aus Abu Dhabi verhilft zu Anschlüssen nach Asien und Australien. Die gemeinsame Vermarktung von Flügen ist für beide Partner ein wichtiger Pfeiler des Geschäfts.

Quelle: dpa

Hintergrund des Streits ist, dass das in Braunschweig ansässige Luftfahrt-Bundesamt nach der Beschwerde eines Wettbewerbers angekündigt hatte, die Genehmigungspraxis für einige der Codeshare-Flüge zu ändern. Es hatte die laufenden Verbindungen deshalb nur noch per Ausnahmegenehmigung bis 16. Januar erlaubt, danach hätten sie gestoppt werden müssen. Flugverbindungen müssen vom Luftfahrt-Bundesamt regelmäßig genehmigt werden.

Bei Codeshare-Flügen teilen sich mehrere Fluglinien eine Verbindung. Bei allen wird der Flug unter einer eigenen Flugnummer (dem Code) angeboten und geführt, tatsächlich bedient aber nur eine von ihnen die Verbindung. Auf diese Weise können die Unternehmen auch Strecken anbieten, die sie selbst gar nicht oder nur auf Teilstrecken abfliegen.

Etihad und Air Berlin sind sehr eng miteinander verbunden. Die in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige Etihad hatte sich 2012 bei dem kriselnden Unternehmen Air Berlin eingekauft und besitzt knapp ein Drittel der Firmenanteile.

Insgesamt hatte Etihad für den aktuellen Winterflugplan 83 Codeshare-Flüge gemeinsam mit Air Berlin beantragt, von denen 52 wie üblich vorbehaltlos genehmigt wurden. Bei 31 machte das Luftfahrt-Bundesamt Bedenken geltend. Grundsätzlich werden Genehmigungen über Flugverbindungsrechte in bilateralen Regierungsvereinbarungen niedergelegt. Ein solches Abkommen wurde 2000 auch zwischen Deutschland und den Emiraten geschlossen.

Nach Meinung des Luftfahrt-Bundesamts, das dem Bundesverkehrsministerium untersteht, deckt dieses Abkommen 52 der 83 gewünschten Code-Verbindungen ab. Das sahen die Lüneburger Richter allerdings anders. Es gebe „hinreichend gewichtige Gründe“ dafür, dass die Auffassung von Etihad und Air Berlin, sie seien auch zur Durchführung der strittigen zusätzlichen Codeshare-Flüge berechtigt, durch die Niederschrift des Abkommens größtenteils gedeckt sei. Ihnen sei daher einstweiliger Rechtsschutz zu gewähren. Lediglich fünf der fraglichen 31 Verbindungen, bei denen es sich um reine Inlandsflüge handle, seien demnach voraussichtlich tatsächlich nicht erlaubnisfähig.

Das Bundesverkehrsministerium kündigte an, die Begründung prüfen zu wollen. Anschließend werde über das weitere Vorgehen entschieden, sagte ein Sprecher.

Von

afp

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